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DO SOMETHING ELSE

13/ Tanz auf dem Vulkan

By 23. August 20161 Guatemala

Ein paar Tage später, beschloss ich endlich den Pacaya, einen der aktivsten der siebenunddreißig Vulkane Guatemalas zu erklimmen. Da es viel zu gefährlich war wegen der Überfälle alleine auf den Vulkan zu steigen, buchte ich eine Tour, wurde im Morgengrauen eingesammelt und auf dem staubigen Dorfplatz von San Francisco de Sales wieder ausgeladen. Um den Bus drängelten sich Horden von Kindern, die ihre Wanderstücke verkaufen wollten. Ein Gewirr aus Stimmen schrie, sich gegenseitig unterbietend: „Mam, mam, nur 6 Quetzales“. „Hier mam, nur vier Quetzales.“
Ältere Männer, die Pferde für den Aufstieg vermieteten, winkten mich heran. Ich streichelte einem der viel zu dünnen Tiere über die Nase, und bot ihm meinen restlichen Apfel an. Es verdrehte die Augen und spuckt ihn umgehend wieder aus. Mir fiel ein, dass Äpfel hier nicht heimisch und sehr teuer sind und es wohl noch nie einen vorgesetzt bekommen hatte.

„Vamos“, los geht´s, rief unser Guide. Begleitet von schwer bewaffneten Wächtern stapfte meine Gruppe kurze Zeit später, unter der noch erträglichen Morgensonne, den schmalen Trampelpfad durch die niedrigen Büsche aufwärts. Der Weg führte an kleinen Maisfeldern vorbei, auf denen Hauptnahrungsmittel der Guatemalteken, in frischem Grün leuchtete auf die Ernte wartete. Die noch kühle Luft roch süßlich und Insekten brummten durch die Luft. Plötzlich gab das kleinen Wäldchen durch das wir liefen, den Blick auf den gigantischen schwarzen Kegel des Pacaya frei, der riesige Wolken Asche in die Luft schleuderte. Unsere Begleiter beobachteten unsere Gesichter amüsiert.

„Muy peligroso“, sehr gefährlich, sagten sie und lachten.
“Oft kann man bis an die Lavaströme herankommen aber so aktiv ist er momentan nicht”, fügte einer hinzu.

Ich wusste nicht, ob ich darüber enttäuscht oder erleichtert sein sollte.

Kurz nach einem Hochplateau begann der Aufstieg durch die tiefe, schwarze Vulkanasche, bis auf 2550 Meter zum Krater. Es war ansich relativ einfach, außer, dass man für jeden gemachten Schritt zwei zurück rutschte. Plötzlich schoss eine schwarze Wolke an mir vorbei den Steilhang hinab, die erst ein paar Meter weiter zum Stillstand kam. Sie entpuppte sich als junger Kerl, der sich einen Spaß daraus gemacht hatte, durch die lose Asche den Hang schneller hinunter zu gleiten. Ganz so schnell hatte er aber vermutlich nicht geplant.

Endlich oben angekommen, war vom Kraterrand nichts zu sehen. Er wurde von einer gigantischen, gelblichen Schwefelwolke verhüllt, die meilenweit in den Himmel aufstieg und die einen zu Hustenanfällen reizte, wenn man ihr zu nahe kam. Es war wie ein Tanz mit dem wabernden und wirbelnden Nebel, vor und zurück, seitlich, nach vorne. So bewegte man sich auf dem Grat zwischen Rand und Schlund des Vulkanes hin und her, immer im Rhythmus der Wolke. Es war, als schaue man in den Kochtopf des Teufels. Ein falscher Schritt und man rutschte in den völlig ungesicherten Abgrund.

Der Ausblick auf die umliegenden drei Vulkane war phantastisch. Unter uns erstreckte sich das satte Grün der Landschaft und am kobaltblauen Himmel erhob sich in der Ferne der riesige Kegel des Acatenango. Zu seinen Füssen sahen die Strassen, Felder und Dörfer aus wie Spielzeug. Und genauso würde die Natur sie auch hinwegfegen, wenn sie ihre Laune hatte, dachte ich. So zerbrechlich war sie die Sicherheit der Menschheit. Ich fragte mich zum ersten Mal, wie wir überhaupt an die Illusion von Sicherheit glauben konnten. Eigentlich existierte sie doch gar nicht. Wer würde wohl wen zuerst zerstören? Die Naturgewalten uns oder wir die Natur mit unserer kurzsichtigen Dummheit? Nur dass es dem Planeten auf lange Sicht egal sein konnte. Diese Giganten waren Millionen von Jahre alt. Sie würden vermutlich noch existieren, wenn die nächsten Lebewesen nach uns aus dem Schlamm krochen, um die Erde erneut zu bevölkern, bis die Sonne irgendwann endgültig ihr Licht ausknipste. Über meinem Grübeln war die Zeit vergangen und wir mussten absteigen. Ich konnte es nicht lassen und probierte das Abwärtsgleiten aus, um mich aus meiner gedrückten Stimmung zu reißen. Es machte einen irrsinnigen Spaß und ich schaffte es unbeschadet und ohne Überschläge nach unten. Die sollten einen Lift bauen für so was.

Am Abend stand Maries Geburtstagsfeier an. Wir hatten eigens dafür auf dem Markt eine Mickey-Mouse-Pinata gekauft. Eine Figur aus Pappmaché, die mit Süßigkeiten gefüllt und aufgehängt wurde. Das Geburtstagskind mußte sie mit verbundenen Augen finden, mit einem Stock treffen und zerschlagen, damit die Süßigkeiten heraus fielen. Der Spaß war ansich für Kinder gedacht aber sich immer erwachsen zu verhalten, ist ja eine Option, befanden wir.

Ich hatte zusätzlich ein großes Herz darauf geklebt, „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ schnörkelig darauf gemalt und zeigte es stolz Dan.
Den ich mit den Worten „Ich bin Designerin, ich kann das“, weggescheucht hatte und der eben wieder um die Ecke bog.

„Schön gemalt, aber wieso hast du „Frohe Weihnachten“ darauf geschrieben?“

„Mierda (Scheiße)!“

Entgegen aller Beweise für das Gegenteil, fühlte ich mich mit meinen sieben Wochen alten Spanischkenntnissen langsam sicher genug, kurze Zeit alleine zu reisen. Ohne wenigstens rudimentär Spanisch sprechen zu können, war es in Mittelamerika völlig unmöglich durchzukommen. Kaum jemand sprach Englisch. Die Maya oft noch nicht einmal Spanisch, sondern einen ihrer vielen Dialekte, die mit Spanisch rein gar nichts zu tun haben. Meine Habseeligkeiten stelle ich bei Marie unter, meldete mich von der Schule ab und nahm mit Tom, der mich den ersten Teil der Strecke begleiten wollte, den Bus zum Lago Atitlan, einem riesigen See in einem erloschenen Vulkankrater, der im Hochland lag.

Um sieben Uhr morgens ging es mit dem Pullman Bus über steile Strassen nach Panajatchel, einer der größeren Städte am Ufer des Lago Atitlan.
Wir hatten den teureren Bus genommen, weil viele der billigen wegen Bremsenversagen in dem Gebiet abgestürzt waren. Unterwegs lagen ein paar tote Hunde an der Straße und ein ebenso totes Pferd, das die Hunde schon halb aufgefressen hatten. Ein Anblick, an den ich mich nie gewöhnte aber als gegeben akzeptierte, in einem Land, in dem Babys an Unterernährung starben.

Ein Motorboot war schnell gefunden und der Preis verhandelt. Die kleine Barke zischte mit uns an den Wänden den Vulkankraters vorbei, an denen die luxuriösen Wochenendhäuser reicher Guatemalteken zum Teil wie Adlerhorste klebten. Die andere Seite des Kraters war im Dunst nicht zu erkennen. Der See war so riesig, dass darauf sogar oft Stürme tobten, die Boote versenken konnten.

Momentan war er glatt wie ein Spiegel. Es war für mich bei dem ruhigen Anblick schwer vorstellbar, dass sogar diese abgelegenen Gegend viel Grausamkeit gesehen hatte, weil die Maya im dreißigjährigen, brutalen Bürgerkrieg zwischen die Fronten des Militärs und der Guerillas gerieten. Viele wurden umgebracht, weil sie verdächtigt wurden, die Guerilla Gruppen zu unterstützen. In Guatemala konnte es passieren, dass man über ein Massengrab lief, ohne es zu wissen. Auch hier am idyllischen Lago Atitlan.

Fünfzehn Minuten später standen wir vor einem, in einem hübschen Garten gelegenen und mit Schilf gedeckten, Holzhäuschen.

„Wahnsinn, ist das ruhig hier, da kann man echt mal…“

Ich bekam den Satz nicht zuende, weil mich wummernde Bässe aus plötzlich hochgedrehten Lautsprechern übertönten. Das war der Tontest für die dreitägige Fiesta, von der wir nichts gewusst hatten. Wunderbar.

Die Szenerie war dennoch wunderschön denn der der achtzehn Kilometer breite Lago Atitlan ist von drei großen Vulkanen umgeben. Von denen man allerdings nicht viel sah, da der Dunst über dem See hing, Sogar der britische Schriftsteller Aldous Huxley hatte den Lago als den “schönsten See der Welt” beschrieb.

In den kleinen Dörfern an den Hängen des Vulkankraters leben die Maya noch sehr traditionell, was ein Wunder bei den vielen Touristen ist. Hier sah ich zum ersten Mal, als wir durch den Ort liefen, in dem die Vorbereitungen für das Fest in vollem Gang waren, Trachten, die aufwendig mit dreidimensionalen Blumen und Vögeln bestickt waren.

Zurück an der Hütte, hatte ich mich alleine auf einen Steg am See gesetzt, denn Tom hatte Fieber bekommen. Ein kleiner, elfjähriger Junge kam und setzte sich nach kurzem Zögern zu mir.

Nachdem wir uns etwas scheu vorgestellt hatten, fragt er:

“Wo kommst du her?”

“Aus Deutschland”.

“Ist das ein Dorf?”

“Nein, ein Land, wie Guatemala.”

„Ist das hinter Panajatel?“

„Nein, weiter weg.“

„Ist das auf der anderen Seite vom See?“

„Nein, sehr weit weg, über dem Meer. Magst du ein Stück Melone haben?“

„Ja“, strahlte er, griff zu und fragte weiter: „Wie bist du dann her gekommen?“

„Mit einem Flugzeug.“

„Am Himmel?“

“Ja.”

Das ging jetzt wirklich über Aatamis Vorstellungskraft, der aus dem Krater bisher nie herausgekommen war und mich ehrfürchtig anstarrte. Er erzählte, dass sein Vater Fischer ist und er das auch werden wolle. Ich wünschte ihm, dass der See solange durchhielt, bezweiflelte es aber. Das Idyll war schon damals von Umweltverschmutzung und Bebauung durch die reichen Guatemalteken bedroht, die hier in rasender Eile ihre Wochenendhäuser hochzogen. Leider hat der See weder Zu- noch Ablauf und alles was reingeht, bleibt darin. Selbst bei der Größe und 320 Metern Tiefe, würde er das nicht lang durchhaltem.

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bis sein Vater auftauchte, schüchtern grüßte, Netze in das kleine Holzboot am Steg warf und Aatami bat ihm zu helfen.

Ich hätte gerne noch länger die Ruhe und Schönheit genossen aber wir hatten noch viel vor …