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DO SOMETHING ELSE

4/ Wer bin ich und wenn ja wie viele?

By 13. June 20161 Guatemala

Manchmal fragte ich mich wie ich es eigentlich geschafft hatte ohne größere Katastrophen dreißig Jahre alt zu werden.

Meine Mutter behauptete dazu ich hätte zwei Persönlichkeiten in der Brust und man wisse nie mit wem man gerade spräche. Eine davon war wohl Typ zerstreute Professorin. Ich vermutete damals, dass wir mindestens zu acht waren aber das behielt ich tunlichst für mich. Wie nahe ich damit dem Konzept der Persönlichkeitsanteile kam, wusste ich damals noch nicht.

Und die gehören allen drei Fraktionen an: meinem Kopf, Bauch und Herz. Ich muss nicht extra erwähnen, dass sie alle im Clinch miteinander lagen. Wobei Herz und Kopf eher extrovertiert waren und der Bauch eher introvertiert. Ich hasste es, wenn Menschen mir sagten: „Hör auf deinen Bauch und alles wird gut“. Er sagte damals nämlich oft nichts, während sich Kopf und Herz gegenseitig an die Gurgel gingen.
Wenn er sich dann doch mal leise meldete, hatte ich schon kurz angehört, was der Verstand zu sagen hatte, um dann doch meinem herrischen Herzen nach in den Abgrund nachzuspringen. Unten in heulendem Elend hart aufgeschlagen, murmelte der Bauch dann plötzlich, leise beleidigt: „Ich hab´s ja gleich gesagt, aber auf mich hört ja keiner.“

Blödmann.

Aber meistens war die Antwort, wenn mich jemand nach meinem Bauchgefühl fragte: „ Weiß nicht. Mir ist schlecht.“ Zweifeln war mein erklärtes Hobby und ich fragte mich daher des Öfteren, wer eigentlich die letzten zehn Jahre mein Leben gelebt hatte. Die brave Tochter, die beflissene Arbeitsbiene im Job, die Freundin meines Freundes oder ich? Waren das alles antrainierte Rollen? Wieviel davon war ich? Wenn ich genau drüber nach dachte, hatte ich eigentlich nur drei Dinge in nahezu vollem Bewusstsein, selbst entschieden. Die Wahl meines Studiums, der Auslandsaufenthalt, mein Pferd und meinen Freund.

Alles andere war irgendwie passiert Als wäre ich von einer Ereignisstufe einfach zur nächsten gerutscht, ohne groß darüber nachzudenken. Ich hatte den Zufall entscheiden lassen. Ich war darauf gepolt, es so zu machen wie alle: Studium, arbeiten, heiraten, Haus bauen. Wie ein Lemming der hinterher springt oder ein Korken, der in den Fluss geworfen wird und einfach mit der Strömung treibt und wartet, irgendwo angeschwemmt zu werden, weil er zu schwach war, selbst die Richtung zu bestimmen oder überhaupt nachzudenken, ob die stimmt, weil er gar nicht weiß, dass er ein Korken ist. Es war Zeit für Selbstverwirklichung.

Noch zwei Monate und dann sollte es losgehen. Ich hatte alle meine Impfungen und ein Malaria-Medikament gekauft. Beim Lesen der Packungsbeilage war ich mir nicht sicher, ob ich eher an Malaria oder an den Nebenwirkungen des Medikaments verenden würde, daher nahm ich es lieber nur prophylaktisch mit. Ich saß umgeben von Ausdrucken, Notizen und Reiseführern auf meinem Sofa in meiner Wohnung und studierte Karten. Auch wenn ich nicht vorhatte, groß zu planen – ich würde ja genug Zeit haben, das spontan zu entscheiden – konnte es ja nicht schaden zu wissen, wo man war und wo man hin könnte. Man hieß in dem Fall „ich“.

Es wird niemand da sein, wenn etwas schiefgeht, wurde mir klar. Und schon kamen Angst und Zweifel ganz groß in Fahrt. Wie es der Zufall so wollte, hatte ich einen Artikel in der Zeitung gelesen, dass Guatemala City eine der fünf gefährlichsten Städte der Welt sein sollte.

Ich musste ja nicht gleich eines der Todesopfer dort werden; aber was, wenn mir das Gepäck vom Bus runter oder aus dem Taxi geklaut würde oder ich alleine in einer Hütte im Nirgendwo, ohne Internet oder Handy liegen und an einer rätselhaften Krankheit dahinsiechen würde und keiner wüsste, wo ich bin?

Lief ich eigentlich weg? Vor einem gescheiterten Lebensplan, weil ich keinen Plan B in petto hatte? Haute ich nur ab, weil die Einsamkeit, die ich manchmal empfand auf einer langen Reise, endlich eine Berechtigung hatte? Weil alle um mich rum zu wissen schienen, was sie wollten? Heirateten, Kinder bekamen und ich gerade ohne alles dastand?

Ein Großteil meiner Freunde war begeistert gewesen von meinem Vorhaben, aber ich bekam auch anderes zu hören: „Was wird eigentlich sein, wenn du wieder nach Hause kommst und so lange weg warst? Vielleicht kannst du die ganzen Grafik Programme nicht mehr. Wer wird dich anstellen? Wenn du dich in einer Rezession amüsiert hast, anstatt dich solidarisch in die Schlange beim Arbeitssamt einzureihen?“

Nur der Ordnung halber: Ich war dort, (zum ersten Mal in meinem Leben ) und der erste Satz, mit dem ich begrüßt wurde, lautete:

„Sie brauchen aber nicht glauben, dass Sie von uns einen Job bekommen.“

Der wurde von einer Dame ausgesprochen, die so farblos aussah, dass ich vermutete, am Morgen einen anderen Weg zur Arbeit zu nehmen, sei für sie schon ein beängstigendes Abenteuer. Was ja wirklich ihr gutes Recht war.

„Das erwarte ich auch gar nicht“ meinte ich freundlich. „Ich gehe ins Ausland. Können Sie mich bitte einfach abmelden?“

„Ja, was machen Sie denn da? Das ist aber keine gute Idee denn …“

„Das sehe ich anders und wenn Sie mich jetzt abmelden wollen, sparen wir beide eine Menge Zeit. Und Sie haben die Arbeitslosenzahl reduziert. Dafür sind Sie ja da, nicht wahr?“

Die Dame zeigte leichte Anzeichen von Schnappatmung aber reichte mir die Papiere, zur gefühlt zwanzigfachen Abzeichnung.
Daß ich das reizende Wesen eine Weile nicht mit meinen hart verdienten Steuergeldern finanzieren würde, stimmte mich definitiv fröhlich, als die Tür hinter mir zu fiel.

Die Fröhlichkeit war wie weggeblasen, als die Angst ihre helle Freude daran hatte, mir immer wüstere Horrorszenarien ins Hirn zu flüstern, bis ich heulend auf der Couch saß.

Na toll.

Gegen Abend klingelt das Telefon:
„Ich zahle dir die Umbuchungskosten und noch was oben drauf, wenn du nicht nach Guatemala fliegst“, tönte die Stimme meines Vaters aus dem Telefonhörer. „Da kann dir wer weiß was passieren. Der Bekannte eines Freundes war in Kapstadt und wurde schon direkt am Flughafen überfallen und Guatemala City soll gefährlicher sein als Kapstadt und …“

Mist, er hatte den gleichen Artikel gelesen wie ich.

„Jetzt hör doch auf, dir solche Horrorszenarien herbeizufantasieren. Ich weiß nicht, wieso ihr immer gleich das Schlimmste befürchten müsst, das ist ja total negativ“, schnaubte ich empört in den Hörer, als wären mir solche Ideen selbst nie in den Sinn gekommen.
„Ihr habt mich schließlich vernünftig erzogen (der Spruch wirkte immer), und wenn man aufpasst, passiert auch wenig, und für Krankheiten gibt es Medikamente.“

Ich hoffte inständig, sie läsen nie die Gesundheitshinweise im Lonely Planet. Ein Horrorfilm war ein Wiegenlied dagegen. Nach zehn Minuten weiteren verbalen Baldrians war Papa beruhigt und ich komischerweise auch.

Am nächsten Tag verjubelte ich ein Vermögen in einem Outdoor Laden. Meine Hoffnung, da einem knackigen McGuyver Verschnitt, der aus Panzerband, Zahnseide und Camping Geschirr eine Hängebrücke bauen kann, zu treffen, wurde leider bitter enttäuscht.

Der rastalockige Jüngling, der um die Ecke geschlurft kam, sah eher so aus, als sei seine einzige Outdoor Erfahrung die, in Goa am Strand eine Bong geraucht zu haben. Vielleicht hatte er aber auch auf dem Mount Everest zeitweilig zu wenig Sauerstoff abbekommen? Erstaunlicherweise hatte er aber Ahnung von der Materie. Vermutlich war ihm mein Vorhaben einfach nicht extrem genug und er fand mich nur langweilig.

Das änderte sich, als ich ihn herum scheuchte, um mir Trekking Boots, schnell trocknende Travel-Handtücher, Moskitospray, irgendwas zum Wasser reinigen, ein Taschenmesser mit eingebauter Kettensäge, Schlafsack, Schlafsack Inlet und diverses andere überlebenswichtige Zeug anzuschleppen. Das angeratene Trekking Oberteil im Armee Look lehnte ich dankend ab, um nicht im Dschungel mit Guerilleros verwechselt und erschossen zu werden. Ich musste dem Wort „Modeopfer“ ja nicht unbedingt eine ganz neue Bedeutung verleihen.

„Brauchen Sie das alles wirklich, Sie müssen das ja alles … “ setzte er an.

„Ja klar brauchte ich das alles. Ich bin lange unterwegs“, unterbrach ich ihn. “Ich brauche dann für Guatemala noch ein feinmaschiges Moskitonetz mit einer Maschenweite von …“

„Mit Imprägnierung oder ohne?“

„Das mit Imprägnierung schützt dann wohl besser?“

„Wie man es nimmt“, meinte er „da sind schon Kinder drunter gestorben“.

“…?”

Wir zogen mit einem normalen Netz weiter zum Regal mit den Trekking Sandalen.

„Gibts die auch in schön? So was kann doch keine Frau entworfen haben“, meinte ich.

„Wie, in schön? Das sind Trekkingsandalen.“

„Ok, dann muss es der Nagellack retten“ seufzte ich, stapelte das am wenigsten hässliche Paar auf meinen Wagen und fragte mich versonnen:„Was das wohl alles wiegt?“

„Schätze fünfzehn Kilo“, meinte Rasta schwer geprüft.

„Was? Da muss wieder was weg. Soviel soll der ganze Rucksack wiegen.“

Also luden wir einen Teil des Gerümpels wieder aus. Das „Ich habe es ja gleich gesagt“ verkniff er sich. Aber langsam war mir klar, warum er zögerlich um die Ecke geschlurft war, als er mich gesehen hatte.

Als Ausgleich versuchte allerdings dann eine Airline Angestellte mich wahnsinnig zu machen …