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DO SOMETHING ELSE

6/ Paradiesvögel und frittierte Hühnerfüße in Antigua

By 22. June 20161 Guatemala

Und genau so war es auch dort, ich schlenderte durch die Straßen und ließ mich von den Eindrücken dieses Büffets überfluten. Die bunten Häuser, die imposanten, barocken Kirchen, die Risse in den Mauern von den Erdbeben, der Esel, der im Schatten döst, die Indiofrau in bunter Tracht, die einen Stapel Tücher in einem Korb auf dem Kopf balanciert, die bunten Stickereien auf ihrer Bluse, Figuren und Vögel und Blumen, der kobaltblaue Himmel, die offenen Läden, die überquellen mit bunten, gewebten Decken, Hängematten, Servietten in sattem Pink, Sonnengelb, Tannengrün, Weinrot, die Vulkane am Horizont, die Schnitzereien, die roten Keramiken, die Kutsche mit zwei Pferden, die kleinen Kinder, die bemoosten Ziegeldächer, die Heiligenstatuen, die jammervoll auf einen hinunterschauten, die Tamales-Verkäuferinnen, die riesigen Papayas, die Garküchen, die Blumenverkäuferinnen vor den Kirchen mit ihren Opferblumen, die Frauen an den Waschplätzen, Babys in Tücher auf den Rücken gebunden, die streunenden Katzen, die Glasperlenarmbänder, die Straßenhändlerinnen verkauften, die gemalten Straßenschilder, mächtige Klosterruinen, die bunten Busse, die Salsa-Musik, die man aus ihnen hörte, die Palmen, die Heiligenbilder und Statuen, die alten Männer auf den Bänken, die Band mit den Marimba-Spielern, die schmiedeeisernen Gitter und schweren, wehrhaften Holztüren, das Plätschern der Springbrunnen in den Innenhöfen, die lärmenden Kinder in ihren sauberen, weißen Schuluniformen, die Kuppeln und Torbögen, der Busbahnhof, der Marktplatz, der Supermarkt und der McDonalds. Tut mir leid für den Schock. Ja, den gab es (was sollen die Amerikaner hier sonst essen?). Gott sei Dank konnte man ihn als solchen kaum erkennen.

Ich schreckte ein bisschen auf aus meiner kolonialen Kulisse. Ich wusste natürlich, dass Antigua eine Art Insel ist. Die Stadt ist wegen des Tourismus reich und nicht mit dem Rest von Guatemala zu vergleichen, trotzdem war ich hin und weg von ihrem Charme.

Das Leben verlief hier sehr ruhig, ich sah niemanden hetzen. Die Dinge werden erledigt, aber „paso a paso“ und ohne Hektik. Noch hatte sich das Gefühl nicht auf mich übertragen und ich eilte anfangs von Straße zu Straße, um möglichst viel zu sehen. Als würde mir das alles jemand plötzlich wieder wegnehmen. Ich war Alice im Wunderland, aber ich wollte gar nicht heraus.

Nach zwei Stunden brauchte ich eine Pause und betrat ein Café, das sich in einem der Innenhöfe befand. Eine breite Veranda zog sich im ersten Stock um den Hof, zu der eine breite geschnitzte Treppe führte. Überall rankten und wanden sich üppige Pflanzen und ergossen sich in blühenden Kaskaden vom Geländer. Die Luft war warm und trocken und sehr mild denn, Antigua liegt im niederen Hochland und die Regenzeit hatte noch nicht angefangen. Bis Mai war noch etwas Zeit.

Ich bestellte ‚café con leche’ und einen Karottenkuchen, der für zwei reichen würde und einfach himmlisch schmeckte. Zum ersten Mal seit ich dort war, saß ich einfach mal nur so da und mir wurde bewusst: Ich bin wirklich in Guatemala, ich werde Spanisch lernen, ich sitze an einem wunderschönen Ort, niemand hetzt mich und ich habe plötzlich ein überwältigendes Gefühl von Frieden in mir, das ich gerne festhalten würde. Wenn Glück nur eine Momentaufnahme ist, dann hatte jemand gerade einen Schnappschuss gemacht.

Durch das unablässige Gezwitscher der Vögel versuchte ich aus dem spanischen Geschnatter um mich herum Worte herauszufiltern. Vergeblich.

Aber ich liebte den Klang dieser Sprache. Wenn ich die Augen schloss, verwandelte sich für mich sogar ein kleiner, dicker, kahlköpfiger Kneipenwirt in einen Helden wie Zorro, der mich zu sich in den Sattel seines schwarzen Pferdes zieht, um mit mir in den Sonnenuntergang zu galoppieren, zu seinem Versteck in den Bergen …

Ich fand die Sprache jedenfalls sexy und romantisch.

Im Café saßen viele Ausländer, die meisten jung; kein Wunder bei 75 Sprachschulen in einer kleinen Stadt. Die Einheimischen sind eine bunte Mischung, wie ich hier in Ruhe beobachten konnte. Etwas über die Hälfte sind europäischer oder gemischter Abstammung, die ‚Ladinos’ genannt werden, ein großer Teil ist indigener Abstammung, was man nicht nur an den bunten Trachten sieht, sondern an den markanten, dunklen Gesichtern, und dem stämmigen, kleinwüchsigen Körperbau. Ein kleiner Teil sind Kariben und ehemalige Sklaven aus Afrika. Ich wusste auch, dass Spanisch die Amtssprache ist, es aber noch sehr viele Mayadialekte gibt; der bekannteste ist das Quiche. Es hat offenbar nichts mit Spanisch zu tun, denn das, was meine kleine Bedienung einer anderen fröhlich zurief, klang nicht einmal ansatzweise nach Zorro.

Ich schaute mir die Karte von Guatemala an, um schon mal zu überlegen, wo ich noch hinwollte, wenn ich erst – also in etwa drei Wochen – fließend Spanisch sprechen würde. Ich bestellte mir noch einen Kaffee und ein gigantisches Stück Blaubeerkuchen, der geschätzte drei Millionen Kalorien hatte. Aber da ich ja plante, Vulkane zu besteigen, war ich optimistisch, dass – wenn ich bald an einem karibischen Strand läge – niemand von Greenpeace auftauchen würde, um mich zurück ins Meer zu schieben, weil ich mich fett gefressen hatte.

Mein Blick fiel auf mein Tischset, auf dem das Wappentier Guatemalas abgebildet war. Der Quetzal, ein Paradiesvogel, der ca. 35 cm groß wird, beeindruckt mit zwei dünnen, grün schillernden Schwanzfedern, die sich am Ende einrollen und bis zu einem Meter lange werden können. Er lebt im tropischen Regenwald und ist sehr selten, weil seine tollen Schwanzfedern auch anderen gefallen.

Genausowenig wie Mutter Natur sich gescheut hat, den kompletten Regenbogen auf diesem Vogel unterzubringen, genausowenig scheuen sich die Einheimischen, das auch mit ihrer Stadt oder Bussen zu zu tun. Das erste, was mir im Moment zu diesem Land einfiel war: Bunt. Ich liebte es umso mehr, wenn ich so an das triste langweilige Einheitsbeigegrau von Deutschland dachte.

Meine Füße hatten sich erholt und ich schlenderte weiter an den bunten, mit massivem Metall beschlagenen Holztüren vorbei. Dahinter lagen wunderschöne, mit Terrakottakacheln geflieste Innenhöfe, mit großen Springbrunnen, Rasenflächen, Blumen und mit Terrakottaziegeln überdachte Bogengängen an allen vier Seiten, in denen Hängematten oder Korbstühle zur Erholung einluden und in denen Katzen in der Mittagssonne spielten. Viele, in denen sich kleine Läden und Galerien niedergelassen hatten, waren öffentlich zugänglich.

Die Stadt bestand überwiegend aus einstöckigen Häusern und ich war so verzaubert von dem, was ich auf Augenhöhe wahrnahm, dass ich etwas übersehen hatte, was kaum zu übersehen war. Vulkane sind ja nicht gerade klein. Trotzdem hatte ich es geschafft, das atemberaubende Panorama zu ignorieren, das sich mir bot, wenn ich nach oben schaute. Antigua liegt entlang der Straße der Vulkane, an einer Verwerfung der Kontinentalplatten. Was auch die Kirchenruinen erklärt; es sind alles Erdbebenschäden.

Antigua kauert sich vor einen gigantischen Vulkan, der nahezu symmetrisch hinter der Stadt aufragt. Der Agua (Wasser) ist ein – ich blättere hastig im Reiseführer – Gott sei Dank inaktiver Vulkan, der über 3700 m hoch ist. Den Namen bekam er nach einem Unwetter vor 400 Jahren, als sich der Krater mit Wasser füllte, zerbarst und die erste guatemaltekische Hauptstadt „die alte Stadt“, die die spanischen Eroberer gebaut hatten, unter Schlammlawinen begrub. Warum man dann ein paar Kilometer weiter gleich die nächste baute, mag ein wenig verwundern. Man könnte einem Vulkan ja auch ausweichen. Aber da der Rest des Landes permanent von Hurrikanes und Flutkatastrophen bedroht war, dachten sie sich wohl: Wenn schon sterben, dann wenigstens mit einem atemberaubenden Ausblick, solange er einem vergönnt ist. Es können natürlich auch strategisch-politische Gründe gewesen sein.

Zumal ich beim Weiterlesen entdeckte, dass es sich schwierig gestaltet, Vulkanen auszuweichen, zumindest in dieser Gegend. Sie reihen sich wie Perlen entlang der karibischen Kontinentalplatte, die hier mit der Cocosplatte trifft (ein Beweis dafür, dass Geologen Humor haben). Antigua sitzt praktisch auf der Verwerfung und ich entdecke nach längerem Suchen zwei weitere Vulkane am Horizont in der Ferne. Den Acatenango und den Fuego (Feuer). Warum er so heißt, sieht man an der Rauchwolke, die über ihm schwebt. Hastiges Blättern. Ja, er ist noch aktiv und wie erfreulich: Nachts kann man ihn sogar Feuer speien sehen. Einer der aktivsten Vulkane der Erde, erfuhr ich, ist der Pacaya, der nicht weit davon liegt. Ich saß also praktisch auf einem Pulverfass, an das jederzeit jemand ein Streichholz halten konnte. Das ist plötzlich ein beängstigendes Gefühl, wenn man aus einem Land kommt, wo man Katastrophen nur aus dem Fernsehen kennt. Aber ich wollte ja Abenteuer. So ist es mit den Menschen. Bekommen sie Abenteuer in der Gestalt eines aktiven Vulkans, der jederzeit ausbrechen könnte, um sie mit 3000 Grad heißer Lava zu verfolgen, die das Fleisch von den Knochen brennt – langsam und qualvoll natürlich – wenn man nicht vorher das Glück hat, an der giftigen Luft zu verenden, dann sind sie nicht zufrieden.

Ich verlief mich ein paar Mal auf dem Markt von Antigua, auf dem man praktisch alles bekommt. Man muss es nur finden. Am Anfang moderne westliche Kleidung und Schuhe, illegal gebrannte Musik-CDs, weiter drinnen die Stände mit gewebten Teppichen, Hängematten, Servietten, Tischdecken, Tischsets, Kissen mit typisch geometrischen Mayamustern, bunte Trachtenblusen, Schmuckstände mit Perlenschmuck, Keramiken und Kunsthandwerk. Daran schließt sich der Obstmarkt an, mit Früchten, die ich teilweise noch nie gesehen habe. Die Papayas sind gigantisch groß und unglaublich süß und saftig. Das Obst wird direkt vom Eselskarren herunter verkauft. Ich kaufe aus lauter Begeisterung 1 Kilo Passionsfrüchte und ein alienartiges, grünes Ding mit weichen Stacheln, ein graubraunes Ding, innen gelb, das fürchterlich schmeckt und psychedelisch lilagrüne Früchte mit weißem Fruchtfleisch, die sehr süß sind, und schließlich Zapotes, die wie Datteln schmecken. An den Obstmarkt schließt sich der Busbahnhof an. Eigentlich nur ein paar heruntergekommene Betongebäude, vor denen sich die bemalten, wie in einem LSD-Hippietraum bemalten Busse aufreihen.

Ich wanderte zurück zu meiner Bleibe, wo Hilda schon mit dem Abendessen wartete.
Hilda kochte wegen ihrer Schüler viel europäisch, aber auch landestypisch, was manchmal für etwas abenteuerliche Zusammenstellungen sorgte. Aber das Essen war lecker und sie freute sich, wenn man kräftig zulangt. Tat man das nicht, fragte sie sofort, mütterlich besorgt, ob es einem gut gehe. Ganz wie bei Muttern zuhause. Da hatten wir es wieder. Selbst die Jungs ließen sich von ihr gerne hätscheln.

Ihr Mann schaffte es immer, hinter den Vorhang zur gemeinsamen Wohnung zu huschen, bevor man ihn sich näher ansehen konnte. Bisher hatte ich ihn nur von hinten gesehen. Dafür lernte ich die anderen Gaststudenten kennen. Dan aus England, David aus der Schweiz, Marie aus Japan, Jalins aus Taiwan, die mich um ‚Kappi’ am Tisch bat.

„Oh, you mean coffee“, fiel bei mir endlich der Groschen.

„Yes“, nickte sie begeistert.

„Worauf freust du dich am meisten Zuhause?“, fragte ich.

„“§${67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a}&/()=?)/{67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a}$§“§${67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a}&/()=?(/&{67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a}$“

Entziffert bedeutete das: „Ich freue mich auf frittierte Hühnerfüße, die meine Mama immer macht, wenn ich länger weg war.“

Ich hatte dreimal gefragt, aber das hatte sie zweifelsfrei gesagt. Jeder, wie er mag.

Chris, ein griechischer Kanadier war da, der eigentlich nebenan wohnte, sich aber bei Hilda wohler fühlte. Und Susanne, klein, dunkelhaarig und fröhlich und Michael, ein Kerl wie ein baum, mit Glatze aus Deutschland. Aber es war ohnehin ein Kommen und Gehen, da einige länger blieben so wie ich und wiederum andere nur für eine Woche oder ein paar Tage da waren, um ihr Spanisch aufzufrischen, ehe sie weiterreisen. Nicht jeder hatte so viel Zeit wie ich.

Ein Paar kam gerade von einer siebenwöchigen Radtour in die Berge zurück und Ulrika erzählte eine verrückte Geschichte:

 

Paradiesvögel und frittierte Hühnerfüße @ jeanbouffier click to tweet

 

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