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DO SOMETHING ELSE

12/ Steinerne Götter, Blumenteppiche und Taschendiebe

By 20. August 20161 Guatemala

Es regnete leicht als wir mit einem kleinen Motorboot über den Río La Pasión nach Ceibal, einer alten Maya Stadt fuhren. Sie wurde im Herzen des Petén erbaut und ihr Eingang liegt versteckt im Dschungel. Im diffusen Licht des Morgennebels, der in der schwülen Luft über den Fluß waberte, verschmolzen die Farben und es sah aus als habe Moses gerade das Meer geteilt; der Dschungel schien sich wie eine riesige blaugrüne Welle in den Fluss zu ergießen. Es nieselte wieder leicht, als wir am Landungssteg aus dem Motorboot stiegen. Der etwa 100 m hohe und 350 m lange Aufstieg zur Ruinenstätte war schlammig und mühselig. Ich kam mir vor wie Indiana Jones, auf der suche nach einem Schatz. Und den fanden wir auch. Obwohl Ceibal nicht annähernd so beeindruckend ist wie Tikal mit seinen gigantischen Tempeln, waren wir fasziniert von den wunderschönen steinernen Stelen die Götter, Herrscher und Krieger zeigen. Es fing plötzlich wie verrückt an zu schütten und wir flüchteten uns unter das Palmwedeldach eines steinernen Kriegers. Unter dem standen schon zwei junge Kanadier.

„Ihr seid Deutsche? Das ist lustig, denn wir haben es einem Deutschen zu verdanken, dass wir hier stehen“, grinste der eine.

„Wieso das denn?“ fragte ich.

“Vor Ceibal, hatten schon die Bulldozer gestanden, damit hier Ölbohrungen vorgenommen werden konnten, an denen die guatemaltekische Regierung bestens verdient hätte. Ein deutscher Botschafter hatte die Zerstörung verhindert, indem er der Regierung drohte, einen millionenschweren Kredit einfrieren zu lassen, als er davon hörte. Das wirkte. Allerdings musste er danach das Land verlassen, weil sein Leben bedroht wurde“, antwortete er.

Menschen werden mir immer unbegreiflich bleiben. Dass manche aus Gier bereit sind, zu morden, zu zerstören, die Kulturschätze ihres eigenen Landes zu opfern.

Der Regen hatte die Tiere aufgeschreckt und ich trat im flachen Wasser fast auf eine sehr große, sehr giftige Wasserschlange, bevor wir zurück ins Boot kletterten. Auf der Rückfahrt begegneten wir Fischern, die von ihren Kanus aus noch wie vor hunderten von Jahren fischten. Zurück in Flores die Provinzhauptstadt ist und auf einer Insel im See liegt, machten wir einen Rundgang. Sie wurde auf einer von den Conquistadores zerstörten Mayastadt gebaut. Das ruhige Städtchen wird von einer weißen Kirche am höchsten Punkt gekrönt.

Eine Propellermaschine, klappriger als die erste, brachte uns – wieder erwarten lebend – zurück nach Antigua. Wo wir auf dem Heimweg bereits den nächsten Ausflug planten.

„Falls ich gekidnappt werde – es war nett, euch kennengelernt zu haben“, witzelte Chris, der Kanadier und verschwand zur Toilette.

Wir saßen in einem Café in Chichicastenango. Der Satz war zum “running gag” geworden, seit wir am Tag zuvor eine hitzige Debatte darüber geführt hatten, ob wir, da wir genug Leute waren, für den Ausflug einen Kleinbus mieten sollten.

Wir waren uns einig, dass wir dann auch gleich in großen Lettern „Überfallt uns, wir haben Geld dabei“ auf den Bus schreiben könnten. Dass die kleinen Touristenbusse auf den Landstraßen überfallen wurden, kam tatsächlich häufiger vor. Aber die Bequemlichkeit siegte dieses Mal und statt, wie üblich stundenlang eingequetscht oder angeklammert mit diversen Chicken Bussen zu fahren, waren wir dann doch alle früh im Morgengrauen mit präparierten Geldbörsen und dem Geld in fünf verschiedenen Verstecken im Shuttle unterwegs. Auf halber Strecke wurde es saukalt und begann zu schütten. Ich hatte ganz vergessen, wie mies das Wetter im Hochland sein kann.

Wir kamen an beunruhigend vielen Kreuzen vorbei und ich fragte den Fahrer, was sie bedeuteten. Es waren so viele, dass das nicht alles abgestürzte Autos oder Busse gewesen sein konnten. Hier fuhr man nämlich erheblich gesitteter als in Ecuador, wo Busse noch nicht mal richtig anhielten und man aufspringen musste, bevor die rasende Fahrt auf völlig abgefahrenen Reifen über schlammige Gebirgsstraßen weiter ging.

„Für was stehen die Kreuze da?“

„Abgestürzte Autos.“

Die anderen schauten mich sauer an.

Wir überholten voll beladenen Eselskarren und kleine verrostete Motorräder, die unter ihrer Last fast komplett verschwanden.
Als wir nach zweieinhalb Stunden Bergstraßengekurve in Chichi ankamen, schien aber schon wieder die Sonne. Obwohl es noch immer früh am Morgen war, schien die Stadt mit Leben zu explodieren. Menschenpassen schoben sich durch die Straßen udn wir ließen uns mitziehen. Kleine dreirädrige Motorrikschas bahnten sich laut hupend ihren Weg und ab und zu schaute man in das Gesicht eines verstörten Schweins, das plötzlich neben einem auf Augenhöhe war. Die Händler mussten bereits in der Nacht aufgebaut haben und legten letzte Hand an die Dekoration an. Kleine Stände säumten die schmalen, mit Kopfstein gepflasterten Strassen, die über die Jahrhunderte glatt poliert worden waren. Aber das bereitete kaum auf den großen Marktplatzes vor, auf dem wir plötzlich standen. Bei der Farbenpracht auf dem gigantischen Markt gehen einem die Augen über und man weiß nicht, wohin man überhaupt schauen soll. Fotomotive gab es reichlich, wie die weiße Kirche mit den Blumen verkaufenden Maya-Frauen davor, deren Farben mit dem Obst und dem Kunsthandwerk um die Wette leuchteten. Wir ließen uns an den duftenden Garküchen, den bunten Stoffe, den Keramiken, bunten Masken, Flechtkörbe und Schnitzereien vorbei treiben. Selbst die Toten fristeten auf Chichicastenangos Friedhof kein tristes Dasein. Die Stadt hatte einen der buntesten Friedhöfe, die ich je gesehen hatte.

Ich beneidete David, der mit seiner Digitalkamera unbeobachtet Fotos machen konnte. Hier war es oft noch so, dass die Indigenas fürchteten, man nähme ihnen die Seele, wenn man sie fotografiert, daher fragte ich immer. Was aber dann den Augenblick ruinierte. Mit Einkäufen beladen kehrten wir zum Bus zurück.
David war regelrecht enttäuscht, dass wir noch nicht mal auf der Rückfahrt überfallen wurden.

Es passierte ja trotzdem genug Spannendes. Ich hatte es nämlich unwissentlich geschafft, zur Zeit der Semana Santa, der heiligen Woche, in Antigua zu wohnen. Tausende von Menschen, kommen dafür nach Antigua und die Stadt platzt aus allen Nähten und Taschendiebe haben Hochkonjunktur, denn sie reisen eigens aus Guatemala City an. In den Kirchen wurden Theaterstücke inszeniert un dScharen von kleinen Kindern drängten sich vor den Altären um das Schauspiel mit riesigen Augen gespannt zu verfolgen. Bei Hilda war der Teufel los denn zu dieser zeit reisen Dutzende von Verwandten an, die alle beherbergt und versorgt werden mussten. Die Familie stand Kopf in dieser Zeit. Aber nicht nur sie bereitet sich tagelang auf die Prozessionen vor, bei denen riesige hölzerne Altäre mit Heiligenstatuen durch die Stadt getragen werden. Maria von dutzenden Frauen, und Jesus von Männern, die sich alle paar Meter abwechseln, die langen Stangen auf den Schultern zu tragen, die seitlich an den Altären herausragen. Sie wurden tagelang gesäubert und poliert, bis das Blattgold in der Sonne strahlte. Die Kutten der Männer, die sie tragen und an den Ku-Klux-Klan erinnern, sind schwarz oder lila, die Frauen tragen schwarze Spitzentücher über dem Kopf. An den Tagen und in den Nächten davor bastelten die Anwohner auf dem Kopfsteinpflaster die ‚Alfombras’, mehrere Meter lange ‚Teppiche’ aus buntem Sägemehl, Blumen oder Gemüse und Süßigkeiten, über die später die Prozessionen liefen und sie wieder zerstörten.

Wir liefen durch die Stadt und versuchten möglichst viele davon zu fotografieren. Es schien mir eine solche Verschwendung, so etwas Schönes herzustellen, nur um es wenige Stunden darauf wieder zu zerstören.

Ich bekam damals eine Lektion, die ich noch nicht verstand. Nämlich daß nichts von Dauer und alles vergänglich ist. Je mehr wir an Dingen anhaften, desto mehr verursacht uns der Verlust Leid und Traurigkeit. Wir versuchen alles im Leben festzuhalten, so, wie ich versuchte die Teppiche für immer in meinen Fotos zu verewigen. Wir empfinden es als Verlust wenn etwas zerstört wird oder uns etwas genommen wird, dabei gibt es eigentlich keinen Verlust. Nur Veränderung. Schöne Dinge und Momente sind nicht dafür gedacht ewig zu dauern. Wir empfinden sie sogar nur als so kostbar, eben weil sie so vergänglich sind. Und was tat ich? Statt die Schönheit richtig zu erfassen, sie wirklich zu sehen, die Bedeutung zu fühlen und sie wirklich wahrzunehmen, die Gerüche, die Energie, die Farben, die Düfte, rannte ich mit einer Kamera zwischen mir und der Wirklichkeit herum und versuchte zu konservieren, was nicht festzuhalten ist. Denn ohne die lebendige gefühlte Erinnerung, waren die Bilder tot als ich sie später ansah. Aber ich bemerkte das erst viel später und bereue so viele verpasste Momente, die wie ein Film an mir vorbei gezogen waren. Wo ich gewesen war aber auch wieder nicht. Wir leben unser Leben meistens so, als würden wir durch den Sucher einer Kamera blicken und bei der Suche zu verpassen, wirklich zu erleben, was in dem Augenblick um uns um uns herum ist.

So war es in Chichicastenango gewesen. Ich hatte bedauert die Menschen nicht so fotografieren zu können wie ich das wollte. Dabei erinnerte ich mich Jahre später immer nur an die kleinen persönlichen Begegnungen. Die augenzwinkernde Frau am Apfelstand, die mir den Tipp mit dem Bus gab. Der Moment in dem Hilda mir einen Ring zum Abschied schenkte. Das kleine Lächeln, dass ich mit Maya Frauen tauschte, wenn ich mit ihren Babys Spaß machte, die kleinen persönlichen Einblicke, die mir die Menschen in ihr Leben und ihre Kultur gaben, die für mich so fremd wie ein anderer Planet war aber genauso faszinierend. Ich erinnerte mich immer dann, wenn ich emotional berührt wurde, wenn Menschen mit mir Leid, Freude, Glück, Erfahrungen und Gedanken teilten. Jetzt, da ich die Erinnerungen aufschreibe, fällt mir auf, wie viele Chancen ich verpasst habe, zu beobachten und zuzuhören.

Was ich aber definitiv deutlich in Erinnerung habe, ist die Besteigung eines aktiven Vulkanes …

Ceibal
Caibal

Ceibal_2

Caibal_2

Semana Santa
SemanaS_3

SemanaS_1

SemanS_5

SemanaS_6

Semana_9

Semana_8

Semana_7

Chichicastenango
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Chchi_!