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DO SOMETHING ELSE

8/ Ein Voodoo Gott mit Cowboyhut

By 24. June 20161 Guatemala

 

„Du hast zwei Möglichkeiten, wenn du zu viel getrunken hast: Ein Taxi nehmen und sicher fühlen.“
Führungskräftecoaching
„Und die zweite?“

„Genug Mut antrinken, sicher fühlen und nach Hause laufen. Aber hier sind schon viele nachts umher geirrt auf der Suche nach ihrem Bett. Lass es lieber.“

Wir saßen auf einer Dachterrasse, von der aus man den „Fuego“ in der Dunkelheit sehen konnte. Der Krater spie glühende Lava in den Nachthimmel und wir tauschten uns über unsere sprachlichen Waterloos des Tages aus. Michelle, eine Amerikanerin, hatte bmerkt, ihr Gemüse sei „mushy (muschi)“, was bei den Deutschen für Heiterkeitsstürme sorgte. Mittags wollte sie nach dem Besuch eines Goldschmiedeladens von mir wissen, warum ich dort nach Bananen gefragt hätte. Hatte ich nicht. Banane heißt ‘platano‘ und Gold ‘plata‘.

Unterricht wechselte sich mit Stadterkundungen, Einkaufen, neugewonnene Bekannte treffen, Besuchen von Schmetterlingszuchten und Kaffeeplantagen ab, bis wir zum ersten Mal einen „Chicken Bus“, die offiziellen Busse in Guatemala, bestiegen. Neben der knallbunten Bemalung zeichneten sie sich durch komplett abgefahrene Reifen aus und füllten deswegen die Zeitungen regelmäßig mit Berichten über spektakuläre Unfälle.
Mit der Gefahrenwahrnehmung ist das so eine Sache. In Deutschland machte ich mir Gedanken darüber, wenn an einem Geländer eine Schraube lose war – da könnte ja jemand fallen –, während sich mein Gefahrenwahrnehmung auf Reisen spontan der Umgebungssituation anpasste. Solange jedenfalls, wie die Phantasie nicht mit mir durchging, nahm ich Fahretn an Schluchten ohne Abgrenzung, giftiges Getier und ungesicherte, metertiefe Löcher in der Straße relativ gelassen hin. Schlaglöcher können in diesen Breitengraden übrigends auch gerne mal zwei Meter Breite erreichen. Wenn sie zwei Meter tief sind, gelten sie zwar auch dort nicht mehr als Schlagloch, werden aber trotzdem nicht gesichert. Während in Deutschland die Stadt verklagt wird, wenn eine Gehwegplatte gemeingefährlich 0,6 mm hervorsteht, wird dort erwartet, dass man selbst die Augen aufmacht.

Der Bus war wie meist voll, und da es ausrangierte amerikanische Schulbusse sind, ist der Durchgang winzig und die Bänke so eng angeordnet, dass man als normalwüchsiger Europäer nur gefaltet hineinpasste. Das Problem ergab sich aber oft gar nicht, weil die Busse nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Waren und Tieren vollgestopft sind. Nicht selten reiste man über Land neben einem verschreckten Huhn oder anschmiegsamem Ferkel. Später wich ich auch gerne auf das Dach aus und reiste lieber in Gesellschaft von Schafen, aber dafür mit mehr Luft. Ich war die ganze Fahrt über damit beschäftigt, mir Bonuspunkte auf mein Vulkankonto zu sammeln, indem ich den winzigen Maya-Frauen das Gepäck aus den Ablagen fischte.

„Gracias.“

„De nada.“

„Gracias.“

„De nada.“

„Gracias.“

„De nada.“

„Gracias.“

„De nada.“

„Gra….“

Der Ort San Andres war nichts Besonderes, aber die Zeremonie, in der der Gott bzw. der Heilige San Simon (Maximon) angebetet wird, definitiv.

Wir betraten den Hof einer Kirche, in dem ein Feuer brannte, um das, in einer Maya-Sprache singend, ein Mann herumtanzte, begleitet von den Gebeten kniender Frauen.

Die Figur des Gottes – wohl eine Mischung aus Maya-Gott und katholisch beeinflusstem Heiligen – befand sich in der Kirche zwischen Blumen, Kerzen und Girlanden. Der Gott selbst , eine arm- und beinlose Figur mit einfach geschnitzter Holzmaske, die von einer Art Cowboyhut gekrönt wurde, war stilvoll in einen Anzug gekleidet und behängt mit Tüchern und vielen Krawatten. Im Mundwinkel hing eine brennende Zigarre. Links und rechts daneben saßen still zwei Männer in Maya Kleidung.

Davor knieten Gläubige und beteten um gute Geschäfte und Gesundheit und nicht ganz so nette Dinge wei sich bald herausstellte. Um dem Gebet Nachdruck zu verleihen, schlug ein Priester die Gläubigen mit einem Bund magischer? Pflanzen und bespuckt sie mit Alkohol. Der gute Maximon bekam auch ab und zu ein Schlückchen hinter die Binde(n).

„Der ganze Aufbau sieht aus, wie aus einer Voodoo Zeremonie“, flüsterte ich Michael zu.

„Da liegst du nicht so weit daneben“, antwortete er, „wer zu Maximon betet, will weniger Gutes tun, heißt es, sondern sich vielmehr auf anderer Leute Kosten Vorteile verschaffen. OK, wer säuft und Kette qualmt, zu dem fällt einem nicht unbedingt als erstes Mildtätigkeit ein.“

„Bisher dachte ich noch, die Maya seien so ein nettes Völkchen“, flüstere ich zurück. „Gut, wenn man keine Arme und Beine hat, ergibt sich das Kettenrauchen dann von selbst, wenn einem ständig einer eine neue Fluppe ansteckt. Eine bessere Ausrede gibt´s ja nicht: “Ich kann nichts dafür, ich muss rauchen, die sind schuld …“

Michael grinste und Susanne meinte: „Eine der vielen Erklärungen, die Forscher zu Maximon a. K. San Simon haben ist, dass er eine Inkarnation des Sexgottes der Maya darstellt, jedenfalls stellte er wohl den Frauen der Bauern nach und das recht erfolgreich. Erstaunlich mit dem Gesicht. Da Lateinamerikaner ziemlich Macho sind, waren sie nicht kleinlich und hackten ihm dafür Arme und Beine ab. Was bleibt einem da auch anderes übrig, als zum Suffkopp zu werden. Er darf bei den meisten katholischen Prozessionen dabei sein, allerdings ganz hinten, so wie bei uns der unbeliebte, saufende und sexistische Witze erzählende Onkel Albert, der auf Hochzeiten an einen Tisch im Eck verfrachtet wird, weil man ihn eben einladen muss um des lieben Friedens willen. Dass die Katholiken, die notorischen Spaßbremsen, ihn mitmachen lassen, erklärt sich daher weniger aus Toleranz als vielmehr aus einem Deal, der da lautete: Werdet katholisch, dann dürft ihr den alten Schwerenöter und einige aus der Verwandtschaft behalten. Es gibt natürlich noch weitere Versionen, aber diese fand ich einfach am lustigsten.”

Ich bin aus guten Gründen kein Fan der Kirche, was mit einem Brief zusammen hängt, den ich als Fünfzehnjährige an den Pabst schrieb, in dem ich ihn aufforderte, zu illegalen Machenschaften der Kirche, Homosexualität, geraubte Schätze der Nazizeit, der Stellung der Frau, Kondomfabriken im Besitz der Kirche (Pharisäer!) und  einigem mehr, Stellung zu beziehen. Nicht verwunderlich, dass der von einem Sekretär beantwortet wurde, der mir Mitleid heischend erklärte, er persönlich säße auf einem Stuhl aus Holz. Der Hintern musste ihm deswegen so weh getan haben, dass er sich nicht imstande sah, mir die restlichen Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Meine Begeisterung für den Verein – aus dem ich direkt ausgetreten war – wurde in Guatemala noch viel weniger. Die Kirche zerstörte die alten traditionellen Strukturen und die ohnehin armen Menschen gaben ihr letztes Hemd für Prunkbauten, die Mutter Erde mit dem nächsten Erdbeben umgehend dem Erdboden gleich machte. Das hätte man doch als Zeichen verstehen können meiner Ansicht nach.

Als wir gingen, fiel mir ein Korb mit bunten Kerzen auf. Jede Farbe hatte wohl eine Bedeutung. Ich griff eine schwarze heraus.

„Was bedeutet die, weiß das jemand?“, fragte ich.

„Tod“, meint Marie düster.

Ich musterte die Kerze und frage mich, ob das wohl funktioniert.

„Ich wette, du denkst grade an jemanden“.

„Ich würde doch nie jemandem den Tod … Aber gibt’s welche für zwei Wochen Dünnpfiff?“

Unschwer zu erkennen, dass das noch meine weniger philantrophische Phase im Leben war und ich noch nicht zu der Erkenntnis gelangt war, dass die meisten Menschen so gut handeln, wie sie eben können.

Wir rumpelten über die Schlagloch übersähte Strasse zurück nach Antigua.

 

Der Abend endet dann – inspiriert von der unten gezeigten Schnapsnase mit Hut – im Club Cashba …

 

Maximon

Mayadorf

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strassenstand

Maximon: Copyright: <a href=’http://www.123rf.com/profile_kobby_dagan’>kobby_dagan / 123RF Stock Photo</a