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DO SOMETHING ELSE

31/ Ein Känguru auf dem Flur

By 4. April 20175 Australien

Das laute Lachen eines Kokaburra schreckte mich aus dem Schlaf. Mein Zimmer hatte zwei Fenster, die auf das Tal hinaus gingen und kurze Zeit später donnerten die Pferde darunter vorbei, den Hang hinunter, in die Ebene. Ich öffnete die Tür meines Zimmers und fiel fast über ein Känguru. Ein kleines. Ich hatte es offenbar erschreckt, denn es schoss mit zwei riesigen Sätzen um die Ecke ins Wohnzimmer, den langen Schwanz als Steuerruder benutzend. Ich erwartete Porzellan zerbersten zu hören. Aber nichts passierte.

Als ich die Küche betrat, aß Jack gerade gigantische Mengen an Ei und Speck mit gegrillten Tomaten. Er hatte bereits den Gurt der Packtaschen repariert, drei Pferde beschlagen und blutete aus einem Schnitt an der Hand. Wenn nicht grade der Knochen raus schauten, waren hier Pflaster offenbar überbewertet.

„Da war ein Känguru auf dem Flur. Wie kommt es da hin?“

„Das ist Hopper”, meinte Jo. „Ich hatte vergessen sie dir vorzustellen. Gestern schlief sie schon in ihrem Kartoffelsack, der an der Tür hängt.“

„Ich habe aus Versehen die Mutter erschossen und sie mitgenommen.“Ergänzte Jack

Der Mann war plötzlich weitaus weniger attraktiv als noch vor fünf Sekunden.

„Wieso die Mutter erschossen?“

„Hundefutter. Ich erschieße normal nur Männchen.“

Hoppers Kopf erschien im Türrahmen und sie betrachtete mich neugierig aus großen braunen Augen. Nach kurzem Zögern lies sie sich streicheln. Die Krallen an ihren Hinterläufen, waren jetzt schon gigantisch. Wie die Klauen eines Tyrannosaurus Rex.

„Du kannst ihr heute Abend die Flasche geben, wenn du willst“, meinte Jack. Der Känguru Killer wurde schlagartig wieder attraktiver. „Den Rest der Pferde beschlage ich am Mittag. Du kannst dann die Zelte und Swags in den Truck laden und später Jo helfen das Essen vorzubereiten. Sie hat gestern alle Vorräte eingekauft.“ Er zeigte auf die Speisekammer, in der eine riesige Kühltruhe stand und sich Tüten stapelten.

„Ich zeige dir jetzt erst mal die Umgebung.“

Ich trank gerade den letzten Kaffee, als die Tür auf ging und ein Mann herein kam. Ned war alter Cowboy, in den ich mich auf der Stelle verliebte, trotzdem er bereits 73 Jahre alt war. Und das lag nicht nur daran, dass er mich so begrüßte, als Jack mich ihm vorstellte:

„Well hello, gorgeous young Lady.“ Und charmant zwinkerte.

Hier gefiel es mir immer besser. „Beautiful“ und „Georgeous“, waren Spitznamen, an die ich mich gerne gewöhnte.

„Der Mann hat keinen einzigen bösen Knochen im Körper.“ informierte mich Jack später und das stimmte. Er hatte das warmherzigste Wesen, dem ich je bei einem Mann begegnet war.  Er ging mit Menschen genauso gut um, wie mit Tieren. das einzige, was er sich erlaubte, war sehr feine Ironie, wen ihm jemand nicht in den Kram passte.  Er folgte Jo in die Küche, wo immer noch Unmengen Essen auf dem Herd dampfte und rief:

„Er steht unten im Padock.“

Ich raffte Hut und Sonnenbrille und das langärmelige Hemd – eines von Jack – zusammen und sprang in den uralten Jeep, der hinter dem Haus stand. Die Sitzpolster hingen in Fetzen, die dicken Spinnenweben mussten dreißig Jahre alt sein und das Ding zu starten war eine technische Herausforderung, wie ich bald mitkriegen sollte. Wir rumpelten zu den Paddocks hinunter. Vor den Containern, die offen standen, lag Hufschmiedewerkzeug und Will sortierte Sättel.

„G´day mate. Hast du gut geschlafen?” Fragte er mich. ” Fühl dich hier wie Zuhause. Jack, zeig ihr die Weiden, dann kennt sie sich schon ein bisschen aus, wenn ihr demnächst Rinderarbeit macht. Da drüben steht übrigends Ned´s Mitbringsel.“ Er zeigte über den Zaun.

Ich folgte seinem Blick und sah wer „er“ war.

„Das ist eines der häßlichsten Pferde, die ich seit langem gesehen habe.“ Ich betrachtete das Tier, das vor uns stand. Er war klein, relativ dünn und hatte eine fusselige Mähne, die aussah, als seien Ratten darin gewesen. Das nicht genug, hatte er einen riesigen Kopf, mit einer gigantischen Ramsnase auf einem dürren Hals, so dass es schien, als würde er jeden Moment vorne über kippen.

„Und das willst du kaufen. Nicht dein Ernst? Warum?“

„Ich suche ein Pferd für Campdrafting und um an Wettbewerben teil zu nehmen. Ned kauft und trainiert seit 55 Jahren Pferde. Wenn er sagt, dass er Potenzial hat, dann hat er das.“

„Potenzial? Hat der überhaupt Puls?” fragte ich und betrachtete zweifelnd das komatös wirkende Pferd, das an einem Grashalm nibbelte. „Jedenfalls hast du Selbstbewusstsein, wenn du mit der Vogelscheuche irgendwo aufkreuzt. Er sieht aus wie Frankensteins Versuch ein Pferd zu basteln, aus dem, was noch rum lag. Diese Nase…!

„Je größer die Ramsnase, desto weiter weg ist er von einem Araber.“

„Was hast du gegen Araber?“

„Head up, tail up, give up.“

Aha.

„Das sehen wir gleich, was der kann.“ Dann deutete er auf ein anderes Pferd.

„ Nimm den, das ist Cäsar.“ Sagte er. „Da hast du mal wieder was Großes zwischen den Beinen.“

„Und wie meistens mit einem ziemlich kleinen Hirn“,  gab ich zurück und starte ihn mit schmalen Augen an. Er grinste anerkennend.

Will, der in der Nähe gestanden hatte brach in dröhnendes Gelächter aus und schlug Jack auf die Schulter.

„Zieh dich warm an Sohn.“ Er lachte noch immer, als er wieder im Container verschwand.

Humor und Schlagfertigkeit. Jack mochte nicht lange eine Schule besucht haben, aber Schlagfertigkeit setzt einen sehr wachen Verstand voraus. Irgendwie war ich erleichtert, das an ihm zu entdecken.

Es fing an heiß zu werden, als wir los ritten. Die Fliegen waren eine Pest. Schlimmer waren allerdings die „marchflies“. Eine Art Pferdebremse, doppelt so groß wie die in Deutschland, die nicht nur Pferde, sondern auch Menschen bissen, was höllisch weh tat. Jack zeigte mir die Rinder und bis wohin sich der Besitz erstreckte. Der irisch stämmigen Familie hatte einmal das ganze Valley gehört, bis es Stück für Stück aufgeteilt und verkauft worden war.

„Wir sind hier mitten im Mt. Kosciouzco National Park. Er ist etwa 6500 Quadratkilometer groß. Den Namen hat auch der höchste Berg Australiens, mit etwas mehr als 2200 Meter hoch. Den siehst du da drüben. Im Winter bekommen wir hier viel Schnee. Kennst du den Film „Man from Snowy River?“

„Ja, den kenne ich, deswegen wollte ich – unter anderem – auch hier her kommen.“

„Der wurde hier an Originalschauplätzen gedreht. Ich gebe dir später mal das Gedicht auf dem er beruht. Es ist von Banjo Patterson. Dann verstehst du den Geist der Leute besser, die hier oben leben. “

Wir hatten die Farm durch mehrere Viehgatter verlassen und waren bergauf geritten. Jetzt zog sich der Weg entlang des Waldes und wir ritten oberhalb einer riesigen Ebene, in der das Gras schnell grün geworden war. Nach etwa einer Stunde kamen wir auf einem Hochplateau an, das übersäht war mit wunderschönen Wildblumen. Lila, orange, rosa, gelbe und weiße Teppiche aus Blüten bedeckten die Landschaft. An den graugrünen Felsen wuchs blasses Moos und windgezauste Büsche und Ginster drückte sich an den Boden.

„Ok, dann sehen wir mal wie gut du reiten kannst, bevor ich dich auf die Rinder los lasse. Fertig?“

Ich hatte kaum genickt, als wir  in halsbrecherischem Tempo über die Ebene preschten. Kängurus stoben vor uns davon und Vögel flogen empört kreischend auf. Die Hufe donnerten wie Herzschlag über den noch trockenen Boden, mir liefen die Tränen vom Wind über das Gesicht. Der Geruch des Pferdeschweißes mischte sich mit dem von warmer Erde und dem Geruch des Schnee Eukalyptus.

Es gibt kein vergleichbares Gefühl.

Wir galoppierten durch Flussläufe, so dass wir uns gegenseitig mit hohen Wasserfontänen bespritzten und  ich los kreischte vor Lachen, weil das Gebirgswasser eiskalt war und jagten Abhänge hinauf und hinunter. Das dürre Pferdchen war überraschend wach geworden, reagierte blitzschnell und machte jedes Manöver mit, das Jack ihm abverlangte.

Nach einer Weile zügelten wir die Pferde und Jack strahlte mich an.

Ich lachte außer Atem und völlig zerzaust zurück.

„Geht doch. Und den hier kaufe ich. Das wird ein Champion. Ich nenne ihn Loco.“

„Verrückt? Das passt ja”, miente ich, als ich auf das Pferd blickte, das wieder in seinen katatonischen Zustand verfallen war.

Ich zweifelte immer noch. Aber er sollte Recht behalten. Zehn Jahre später sprachen ihn fremde Leute auf das Pferd an, die nur von der legendären Nase gehört hatten und ein reicher Geschäftsmann bot ihm 20.000 Dollar bar auf die Hand. Für ein Pferd, das 800 gekostet hatte. Als Jack in Geldnot war und wirklich überlegte, ihn zu verkaufen, fand er die Vsitenkarte des Mannes nicht mehr. Loco würde  seinen Lebensabend bei ihm verbringen.

Wir ritten langsam zurück und Jack wies auf verschiedenen Landmarkierungen und versuchte mir zu erklären, wo welcher Ort war und wo uns der Ritt entlang führen würde.

„Es gibt im Park Höhlen und den Murray River, auf dem man auch White Water Rafting machen kann. Viele kommen zum Mountain Biken oder eben Bush Walken. Viele Familien verbringen die Wochenenden in den Camps hier oben mit ihren Pferden.“

Zurück an der Farm, belud ich den Truck, half Jo und ihrer Freundin Sam, die bei den Ritten kochte, beim Backen und Sandwiches vorbereiten und säuberte und befüllte mit ihnen den Küchenanhänger. Nach einem schnellen Abendessen und einer Flasche Milch für Hopper, fiel ich wie tot ins Bett, denn wir mussten um sechs Uhr am Morgen aufstehen. Der Ritt würde um acht Uhr starten…

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