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DO SOMETHING ELSE

9/ Die Walküre Gretel, mit Händen wie Bratpfannen

By 24. June 20161 Guatemala

In dem Club konnte man, sofern man das Salsa-, Merengue- oder Bachatatanzen nicht beherrschte, nur dekorativ am Geländer lehnen und mitwippen. Was sehr schade ist, dachte ich, denn Salsa ist pure Lebensfreude, die sich in jeder Bewegung und Drehung der Tänzer ausdrückt. Hier tobte das Leben.
Neidvoll beobachte ich die sinnlichen, hübschen Guatemaltekinen. Ich versuche, wenigstens sexy zu wippen, was in Trekking Sandalen eher schwierig war. Ich hatte keine Zeit gehabt, mich noch umzuziehen, daher zierten mich auch links und rechts noch praktische Zöpfchen. Ich brauche unbedingt Schuhe. Und irgendwo würde ich auch Größe 41 auftreiben, was mir bisher nicht gelungen war. Natürlich blieb man auch in Guatemala nicht lange alleine beim wippen. Trekkingsandalen hin oder her. Nicht nur die Schuhe waren hier klein, sondern auch 90 Prozent der Männer.
So auch Willi, klein, etwas untersetzt, mit lockigen dunklen Haaren und schwarzen Augen, der mich gerade charmant anzubaggern versuchte, und das sicherheitshalber gleich auf Englisch, damit ich das auch mitbekam:

„Hi, I´m Willi.“

„Du siehst aber nicht wie ein Willi aus“, meinte ich ehrlich.

„Ich heiße wirklich so, meine Mutter ist Guatemaltekin und mein Vater ist Deutscher, der nach dem Krieg hier her kam.“

Dazu fielen mir prompt die Nazigrößen ein, die sich damals nach Süd- und Mittelamerika abgesetzt hatten, aber ich fand, dass das für zwei Minuten Bekanntschaft dann doch kein geeigneter Gesprächseinstieg war, zumal ich damit völlig daneben liegen konnte und er augenscheinlich ein lieber Kerl war.

„Warst du schon mal in Deutschland?“, fragte ich.

„Nein aber ich habe die deutsche Schule besucht, wie viele meiner Freunde auch.“

Nachdem mir Willi grob seine Lebensgeschichte anvertraut hatte und ich ihm meine, wurde die Unterhaltung persönlicher, denn er merkte an:

„Du hast aber große Hände für eine Frau.“

„Du hast aber große Hände für eine Frau.“ Was man als Frau so hören will @jeanbouffier click to tweet

Tatsächlich, neben seinen kleine Patschehändchen sahen meine so zart aus wie Bratpfannen.

„Aber du bist ja auch sehr groß“, versucht er vergeblich, die Kurve zu kriegen und legt mit dem Versuch eines Kompliments nach:
„Mit deinen Zöpfen erinnerst du mich an Gretel.“

„Desculpe – bitte?“ würge ich heraus.

„Na die Zöpfchen … wie aus Hänsel und Gretel“, strahlt mich Willi an.

Ich schwöre, ich hatte mich in meinem Leben nie unweiblicher gefühlt. Eine große, blonde Walküre namens Gretel mit Händen wie Bratpfannen. Sexy. Und beschloss, gleich morgen Nagellack zu kaufen, um wenigstens die Füße in den Trekking-Sandalen zu tunen, bis ich elegantere Schuhe fand.

Die Nacht war lang, das Ego angeschlagen und es half am nächsten Tag auch nicht, dass Dan mir beim Frühstück, als ich mich auf den Kaffee stürzte, erklärte:

„Du siehst aus wie eine Cracksüchtige auf Entzug. Auch optisch.“
Dan-the-ladies-man war normalerweise unglaublich höflich und charmant und lustig, aber da sah man wieder, was Alkohol aus Menschen machen kann. Selbst griechischstämmige Kanadier ersäufen damit den Charme.

„Du siehst nicht besser aus. Außerdem habe ich hier noch keine Nacht vernünftig geschlafen“, verteidigte ich mich beleidigt. „Kein Geburtstag wird hier ohne Feuerwerk gefeiert und bei 40.000 Einwohnern hat ständig jemand Geburtstag, die Böller schrecken die Hunde auf und wenn sich der erste heiser gebellt hat, fängt der nächste an. So eine Art Staffellauf mit Bellen. Und da hier praktisch jeder einen Hund hat, ist die Hölle los. Und da wunderst du dich wie ich aussehe. Ich sehe hier auch ohne Alkoholmissbrauch so aus. Habt ihr alle Oropax?“

„Und dann die verdammten Lastwagen jede Nacht, wenn dann mal Ruhe ist“, legte ich nach.

„Welche Lastwagen?“, fragte Dan. Alle schauten mich verblüfft an.

„Das sind Erdbeben“, japste Marie lachend.

„Jedesmal, wenn es rumpelt, ist es ein Erdbeben?“ fragte ich entsetzt.

„Ja, klar.“

Der komplette Tisch brach in Gelächter aus.

Na klasse. Jetzt schlief ich sicher besser.

Einer meiner Lieblingsplätze war der mit Palmen gesäumte Dorfplatz. An den gefliesten Wegen, die sich am Brunnen in der Mitte kreuzten, standen Bänke. Eine kleine Maya, ca. vier Jahre alt, mit großen schwarzen Kulleraugen, fischte sich den Lonely Planet aus meiner Tasche und bestürmte mich mit tausend Fragen, die mein Spanisch überstiegen. Sie beschloss, dass ich wohl ziemlich dumm sein müsste und keiner Konversation würdig, und schaute sich statt dessen ganz versunken die Bilder an. Es war mir ohnehin nicht vergönnt, fünf Minuten in Ruhe irgendwo zu sitzen. Gut, dann lernte ich eben Spanisch heute per Konversation mit dem einheimischen Jüngling, der mich gerade auf Englisch angesprochen hatte.
Ich erklärte ihm streng, dass er sich gerne mit mir unterhalten könne, aber in Spanisch. Der junge und gutaussehende (bemerkte ich zufällig) Jorge, war Lehre, nicht leicht zu verschrecken und erklärte mit treuherzig, dass er dringend auf der Suche nach einer Frau zwecks Familiengründung sei. Ich erkläre ihm, dass ich hingegen auf der Suche nach neuen Vokabeln wäre und in zwei Monaten abreisen würde. Definitiv.

Jorge machte mir sicherheitshalber noch mehr Komplimente um sicherzugehen, dass er nichts unversucht gelassen hätte. Der Mann hattejedenfalls Lippen wie von Michelangelo, trainierte Oberarme und meine Hormone waren durch zwölf Tage Sonne satt offenbar am Party feiern bei dem Anblick. Und wie ein guter Freund immer sagte: „Man muss ja kein ganzes Schwein kaufen, wenn man ein Schnitzel essen will.“

Nein, nein, das lassen wir schön bleiben, gab ich mir selbst einen guten Rat.

„ … Ich habe ein Buch geschrieben, “working with a genius” heißt es, ein Thriller“, meinte Jorge grade.
Ich merkte, dass ich gerade nicht wusste, um was es ging, weil ich ihm zwar auf den Mund gestarrt, aber kein Wort gehört hatte. Ich wies meine weiter Salsa tanzenden Hormone zurecht und versicherte Jorge, dass ich es gleich morgen kaufen und lesen würde.

„Aber ich habe dir doch gerade erzählt, dass es erst in zwei Monaten erscheint“, meinte Jorge eingeschnappt.

Ich lief rot an und murmelte etwas über meine schlechten Spanischkenntnisse. Wechselte schnell das Thema und erzählte ihm von meinem Plan, einen Vulkan zu besteigen in den nächsten Tagen. „Das ist mittlerweile auch sehr sicher“, versicherte mir Jorge, der komplett Jorge de la Torre hieß, und bot charmant und augenzwinkernd an, mich zu begeleiten.

„Unsinn“ poltert es von rechts mit deutlich amerikanischem Akzent. Wir hatten über unserem Geplänkel gar nicht gemerkt, dass wir nicht mehr alleine waren. „Meine Freunde waren alleine unterwegs und wurden heute Morgen von drei Typen mit Macheten überfallen und ausgeraubt. Ohne bewaffnete Begleitung ist das Irrsinn.“

„Oh, das Programm kenne ich schon. Das muss ich nicht wiederholen“, meinte ich.

Jorge, in seiner männlichen Ehre gekränkt und als Guatemalteke in seinen patriotischen Gefühlen verletzt, fing eine hitzige Debatte an.
Zum Glück kam Tanja um die Ecke: klein, blond, hübsch, lange Haare. Jorge war sofort abgelenkt und ich reichte ihn an sie durch.
Es machte flirten auch etwas albern, wenn man erst gefühlte zwanzig Zentimeter nach unten gucken musste. Große Blondinen waren hier nicht so selten durch die vielen Sprachschulen. Ich weiß auch nicht, was sie den Holländerinnen in die Milchfläschen schütteten, aber die überragen mich allesamt. Was mir nicht half. Weiter als auf FlipFlops konnte ich mich ja nicht tieferlegen. Jedenfalls nicht in der Senkrechten.

 

Am nächsten Tag war die Stadt voller Zombies …

 

Umgang_mit_Stress