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DO SOMETHING ELSE

7/ Alles Diebe und Mörder im Dorf

By 24. June 20161 Guatemala

„Im Hochland wiederholte sich in jedem kleinen Mayadorf ein erstaunliches Ritual. Man begrüßte uns freundlich und fragte interessiert, wo wir herkämen. Egal, wie der Name des jeweiligen Dorfes war, das hinter uns lag, reagierten die Bewohner des aktuellen Dorfes mit Entsetzen: „Dios mio, seid froh, dass euch da nichts passiert ist, das sind alles Gauner und Banditen und Mörder. Aber nun seid ihr ja hier, ein Glück! Und wo wollt ihr jetzt hin?“ Unternehmensleitbildentwicklung

Und ihr Mann ergänzte lachend: „Was? In den Ort XY? Heilige Muttergottes, das sind alles Diebe und Mörder. Seid bloß vorsichtig!
Im nächsten Dorf wiederholte sich das gleiche Spiel.“

Ulrika erzählte weiter, dass sie nur einmal eine brenzlige Situation erlebt hätten, als sie in einem Dorf fragten, wie man am besten auf den nächstgelegenen Berg klettern könne. Dass jemand, um von A nach B zu kommen, mit dem Fahrrad fährt, war den Leuten dort noch eingängig, aber bei der Frage schlug die Freundlichkeit in offenes Misstrauen um. Was sie denn dort oben wollten, wurden sie gefragt.

„Wir fanden nichts dabei, die Wahrheit zu sagen und antworteten: Nichts. Das verstanden sie nicht. Für die war es ein völliges Unding, dass jemand wegen nichts oder nur der Aussicht wegen auf einen Berg klettern könnte. Das musste Teufelszeug sein.“

Offenbar war die Stimmung so frostig geworden, dass die beiden beschlossen, doch lieber weiter zu radeln. Die Situation konnte durchaus brenzlig werden, auch wenn man das als Europäer kaum glauben mochte.

„Bei Licht betrachtet ist es ja auch irre“, meinte Ulrika. „Wir fliegen nach Guatemala just for fun und steigen auf Berge. Womit haben wir so viel Glück verdient?“

Ulrika war Menschenrechtsanwältin ist und ihr Mann arbeitete als Arzt in der Dritten Welt. Meine Versuche, der Menschheit Gutes zu tun, beschränkte sich auf Spenden an Weihnachten.

Womit hatte ICH es eigentlich verdient, völlig sinnlos auf Berge zu klettern, um die Aussicht zu betrachten? Zu was war ich gut, außer Spaß zu haben und das Leben zu genießen? Was ich ja noch nicht mal getan hatte. Ich hatte immer nach dem geschielt, was ich nicht hatte, statt mich daran zu freuen und dankbar zu sein für das, was ich hatte. Aber dazu wurden wir ja auch von Kindesbeinen an konditioniert. Wenn man etwas „geschafft“ hatte, gab es Lob. Hatte man eigentlich noch eine Existenzberechtigung, wenn man mal „nichts“ tat? Und war „nichts“ wirklich nichts? Wie kam ich eigentlich auf all diese Sinnfragen?

Ich beschloss sicherheitshalber glühende Kohlen auf mein Haupt zu sammeln und meinen Plan in einem Hilfsprojekt zu arbeiten voranzutreiben, weil ich demnächst einen Vulkan erklettern wollte. Das erforderte in meinen Augen langsam Bonuspunkte.

Am nächsten Tag in der Sprachschule hatte ich den Eindruck, jemand ganz weit oben hätte meine Selbstbespiegelung etwas zu wörtlich genommen.

Ich lief am nächsten Tag mit deutscher Pünktlichkeit – auf die Minute genau – in der Schule auf, nur um festzustellen, dass schon alle da waren. Streber. Stimmte gar nicht. Der Grund war der Mangel an Sonnenschirmen, stellte ich fest. Nicht nur, dass mein Hirn von der Verarbeitung grammatischer Regeln und neuer Vokabeln ohnehin schon einen Überhitzungskollaps zu erleiden drohte, wir mussten auch noch alle dreißig Minuten samt Tisch, Stühlen und Büchern umziehen. Was meine Idee war. Mein mir zugeteilter Lehrer Jorge, klein, braungebrannt und sehr ernst, zeichnete sich durch zwei Dinge aus: Dass er als Einheimischer die Sonne noch nicht mal bemerkte, während ich mich in einen Hummer verwandelte, und dass er kein Englisch sprach.

Ich meine ABSOLUT kein Englisch. Was es etwas erschwert, Spanisch zu lernen, wenn man so gar keines versteht. Mir wurde aber glaubhaft versichert, dass das so wesentlich besser sei. Na gut.

Da ich zu stolz war, jemanden zu fragen – so schwer konnte das ja nicht sein – blätterte ich im Lexikon.

Ahhh. „Heiß“ heißt „calor“.

Ich klaubte einen kompletten Satz zusammen und sagte: „Tengo calor“.

Jorge, der außer einem schüchternen Lächeln am Morgen noch keine Miene verzogen hatte, fing an zu glucksen, fiel vor Lachen fast vom Stuhl, und japste mit letzter Kraft etwas auf Spanisch zu den Nebentischen, worauf die halbe Runde zu kichern anfing.

Was hatte ich gesagt? Eine Lehrerin, die sich von der Schnappatmung erholt hatte, erbarmte sich und erklärte:

„Du hast „Ich bin heiß“ gesagt. „Me siento calor“ bedeutet „mir ist heiß“.“

„Okay, alles klar.“

„Cola solltest du übrigends auch nie bestellen, sondern immer eine Coca Cola.“

„Wieso?“

„Cola heißt Schwanz, und ich meine nicht den vom Hund.“

„Verstehe.“

Ich bekam gefühlt drei Millionen Vokabeln vorgesetzt, von denen ich mir geschätzte zwölf merken konnte, aber das ging allen so, wurde mir versichert. Es dauere ca. drei Wochen bis es im Kopf klick mache, und man sich an die Sprache gewöhnt habe. Aha. Ab da warte ich minütlich auf mein persönliches „Klick“. In den folgenden Tagen schlug ich mich mit unregelmäßigen Verben und Zeitformen herum. Aber ich liebte es und redete einfach mit den paar Worten die ich hatte. Jorge war erstaunt, denn die meisten Schüler trauten sich nicht zu sprechen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen.

Ich folgte damals – ohne es zu wissen – offenbar dem genialen Mantra, dass Scheitern lernen bedeutet und man nur scheitert, wenn man nicht weitermacht. Oder in meinem Fall, betreten den Mund hielt.

„Du redest wie ein Wasserfall, obwohl du praktisch nichts kannst“, meinte Jorge erfreut.

Er meinte das hoffentlich als Kompliment, denn wir schafften es mit meinem minimalen Wortschatz Themen wie Kirche, Irakkrieg, Soziales, Geschichte und weiß der Himmel was zu diskutieren. Dass ich nach einer Woche nur das Präsens beherrschte, hielt mich nicht auf und ich leitete meine Sätze ein mit den Worten:

„Cuidado: pasado“ (Achtung: Vergangenheit jetzt) ein.

Man muss sich zu helfen wissen.

Ich wandte mich an Marie am Nebentisch:

„ Was hältst du davon, bei der UNO zu beantragen, dass in allen Sprachen unregelmäßige Verben verboten werden?“

„Als Japaner musst du achtzehn Jahre alt werden, um genügend Schriftzeichen zu kennen, um vernünftig die Zeitung lesen zu können. Noch Fragen?“

„Ein Grund mehr, mit diesem Schwachsinn aufzuhören wenn du mich fragst. Warum hat deine Kultur so was Kompliziertes erfunden?“

„Das fragst du mich als Deutsche ernsthaft?“

Meine Tage waren angefüllt mit Spanisch lernen, Stadt erkunden und Leute kennen lernen. Da meine Mitbewohner alle in anderen Sprachschulen waren, fanden sich an den Abenden bunt gemischte Gruppen aus allen Teilen der Welt in den netten kleinen Bars, Dachterrassen, in den Innenhöfen der Restaurants oder den zwei Clubs der Stadt zusammen.

Cocktails waren vergleichsweise billig, das Bier auch und ich fragte Dan, wie man denn am besten nach Hause käme, denn selbst in Antigua ist es nachts nicht ungefährlich. Und seine originelle Antwort war …

 

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