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DO SOMETHING ELSE

5/ Ich bin dann mal weg – nach Guatemala

By 19. June 20161 Guatemala

Ich stand also am Sicherheits-CheckIn einer amerikanischen Airline, wo sich folgender Dialog entspann, (wie in „spinnen“):

Sicherheitsmaus: „Sie dürfen in die USA (ich steige da nur um!) nur drei Päckchen Streichhölzer im Handgepäck einführen. Ich muss Ihnen eins abnehmen.“

Die Logik entging mir, denn wer als Terrorist zu doof ist, mit drei Päckchen Streichhölzern eine Bombe zu zünden, der sollte meiner Ansicht nach auf ALLE FÄLLE Selbstmord begehen, schon der Blamage wegen.

Ich behielt das für mich und gab eins ab.

„Das Shampoo muss ich einbehalten – das ist größer als hundert Milliliter.“

„Ja, aber wie Sie sehen, habe ich extra nur ein Drittel dringelassen, also sind das noch nicht mal hundert Milliliter“, setzte ich ihr geduldig auseinander.

„Ja, schon, aber die Packung ist größer.“

Ich gab auf. Mit eingefrorenem Lächeln reichte ich ihr das corpus delicti und sah es in die Tonne wandern.

„Sie wollen also für vier Monate nach Guatemala“, ging das Verhör weiter und sie blickte mich und meinen schrammeligen Rucksack misstrauisch an.

„Das ist aber wenig Wäsche für vier Wochen.“

„Ich hab mir sagen lassen, dass die Eingeborenen mittlerweile Waschmaschinen haben“, presste ich heraus und schluckte mein provokatives „Und Sie glauben gar nicht, was man alles an Klamotten kaufen kann für die Drogen, die ich schmuggle“, lieber runter.

Nachdem sie auch die letzte Haarnadel untersucht hatte, mit der ich die Machtübernahme in den USA planen könnte, winkte sie mich durch. Ich finde, dass Sicherheitskontrollen ein hervorragendes Beispiel sind für die Frage: Machen wir die Dinge richtig oder die richtigen Dinge?

Ich winkte ein letztes Mal meiner Familie. Und dann saß ich endlich an Bord einer Maschine, die mich Richtung Abenteuer flog. Ich hatte das Gefühl, endlich in der Gegenwart angekommen zu sein.

 

GUATEMALA

Jemand versuchte mich zu erwürgen. Ein dicker Strick legte sich um meinen Hals und schnürte mir die Luft ab. Ich versuchte mich in Panik freizukämpfen aber der Druck auf meine Luftröhre ließ nicht nach.

Schweißgebadet wachte ich auf und stellte beschämt fest, dass sich das Moskitonetz mitsamt provisorischem Haken aus der Decke gelöst, ich mich im Schlaf darin verheddert und mir ein Ende die Luft abwürgt hatte. Ich schaute mich in meinem Zimmer um. Bett, Tisch, Stuhl, Kommode, spartanisch aber sauber. Mein Blick fiel auf den Wecker: Es war 7:30 Uhr.

Nach einundzwanzig Stunden war ich im stockdunklen Guatemala City angekommen und wurde von einem Bus der Schule eingesammelt bevor ich erschossen, entführt oder vergewaltigt werden konnte. Jetzt war es hell.

Im Hof hörte ich Geschirrgeklapper und beschloss nachzusehen, wo ich eigentlich gelandet war. Ich wohnte bei Hilda Perez und ihrem Mann. Eine Haushaltshilfe hatte mich gestern Nacht herein gelassen.

Ich hatte im Dunkeln kaum etwas gesehen und nun stellte ich fest, dass mein Zimmer, wie auch das Gemeinschaftsbad, die Küche, das Esszimmer, fünf weitere Studentenzimmer und die Privatwohnung der Besitzer um einen Innenhof angeordnet waren. Pflanzen stehen in Kübeln vor den blauen Wänden und an Säulen zwischen denen Hängematten gespannt sind unter denen Katzen faul in der Sonne liegen. Aus der Küche kommt eine kleine Frau mit einem freundlichen runden und braunen Gesicht, in landestypische Tracht mit einem langen, dick geflochtenen schwarzen Zopf, beladen mit Geschirr und Frühstück, gefolgt von einer kleinen, zierlichen Frau mit grau schwarzen kurzen Locken in Bluse und Hose. Das schmale Gesicht ziert eine Brille mit Goldkette. Hilda, die Dame des Hauses.

Beide strahlten bei meinem Anblick wie 1000-Watt Scheinwerfer und ein Schwall Spanisch ergoss sich über mein Haupt. Ich glaube sie erkannten an meinem Gesichtsausdruck, dass ich absolut „nada“ verstand. Das Ganze wurde sehr langsam wiederholt, während ich freundlich in den Frühstücksraum geschoben wurde, in dem nach und nach meine Mitbewohner eintrudelten. Wir waren eine bunte Truppe aus der ganzen Welt und hier wurde mir das erste Problem klar. Wir sprachen alle Englisch. Ich, weil ich noch nichts konnte, die anderen aus Bequemlichkeit. Allerdings nur wenn Hilda nicht da war, die streng befahl Spanisch zu reden. Offenbar nahm sie ihren Job ernst. Ich machte Bekanntschaft mit meiner ersten großen Liebe in Antigua; frijoles refritos.

Das ist ein Bohnen Mus aus schwarzen Bohnen. Sie werden mit etwas Wasser püriert, dann brät man Zwiebeln, Knoblauch und Chilischote in Olivenöl an, gibt Bohnen und Tomaten dazu und brät sie ca. zwanzig Minuten mit. Mit Salz, Pfeffer und Kreuzkümmel wird kräftig gewürzt und mit Chilipulver abgeschmeckt. Es schmeckt toll zu Tacos, Burritos, Enchiladas, und nach zwei Tagen konnte ich mir das Frühstück schon nicht mehr ohne vorstellen.

„Desayuno, desayuno“ murmelte ich vor mich hin, als ich mich auf den Weg zur Schule machte. Noch keine acht Uhr und schon ein Wort gelernt: Frühstück. Ein elementar wichtiges Wort, denn ich habe praktisch immer Hunger.

Da Hilda kein Englisch spricht, zeichnete sie mir den Weg auf. Die Schule war nicht weit weg. Auf dem Weg schlenderte ich über altes Kopfsteinpflaster an den bunt bemalten eingeschossigen Kolonialhäusern mit mächtigen Holztoren vorbei, die aussahen als habe jemand wahllos einen bunten Tuschekasten darüber ausgekippt. Der warme Sonnenschein ließ sie wie bunte Glasperlen auf einer Kette leuchten. Jedes hatte eine andere Farbe. Sie hatten nichts gemeinsam mit deutschen Häusern die flüstern „ich bin bescheiden und beige und grauweiß, ich passe mich ein in die Gleichförmigkeit um mich herum, ich übe mich in höflicher Zurückhaltung. Hauptsache ich falle nicht zu sehr auf oder sogar aus dem Rahmen, genau wie meine Besitzer.“ Die Häuser hier sahen aus wie alte Revuegirls in knallbunten Kostümen, die es noch mal ordentlich krachen lassen wollen. „Schaut her, wir haben Krieg und Blut gesehen, Erdbeben überstanden, waren runtergekommen aber wir sind noch da, mit ungebrochener Lebensfreude“, schienen sie zu jubeln.

Die Schule war ebenfalls im alten Teil Antiguas in einem der alten Gebäude untergebracht. Am Empfang in der Schule strahlte mich die Dame am Empfang an, fragte etwas langsam auf Spanisch und schaute mich erwartungsvoll an. Ich hatte im Flugzeug ein paar spanische Sätze gelernt, um in der Schule sagen zu können was ich will.

Ich strahlte zurück und antwortete daher in absolut fließendem und fehlerfreiem … Englisch. Mir fiel kein spanisches Wort mehr ein. Es war wohl der Schock plötzlich tatsächlich sprechen zu sollen.

Wir vereinbarten, dass ich fünf Tage die Woche, jeden Morgen fünf Stunden Spanisch im Garten der Schule lernen würde. Mit einem eigenen Lehrer. Das war üblich und bezahlbar für Ausländer.

Sie wollte mich gleich in den Garten schieben aber da das mit meiner Strebsamkeit sowieso nach hinten losgegangen war, beschloss ich mir an diesem Tag erst mal die Stadt anzuschauen, Geld zu tauschen und geistig und körperlich anzukommen.

Antiguas alter Kern ist kleiner als ich dachte, in fünfzehn Minuten ist man einmal von einem zum anderen Ende gelaufen. Sich dort zu verirren, ist praktisch unmöglich, denn die Stadt wurde am Reißbrett geplant; die Straßen sind im Schachbrettmuster angelegt, aber da jedes Haus anders aussieht und die Häuserreihen von Kirchen oder Waschplätzen mit Palmen unterbrochen sind, sieht es nie langweilig aus.

Einen Stadtpan hatte ich sicherheitshalber eingesteckt, falls ich ganz verloren ginge aber ich wollte mich einfach nur durch die Straßen treiben lassen und die Eindrücke aufsaugen wie ein Schwamm, die Farben, Geräusche und die fremdartigen Gerüche. Alles war mal wieder wundervoll anders als zuhause.

Darum liebte ich es zu reisen. Ich hatte ein einziges Mal einen Club- Urlaub gemacht. Nach zwei Tagen weiß man, wo der Frisör in der Anlage ist, wie die Animateure heißen, wo am Strand die Surfbretter ausgeliehen werden, dass Tanja und Jochen aus Bottrop, die beim Frühstück und Abendessen immer am selben Tisch sitzen, Vegetarier sind und wo der beste Platz am Pool ist und der auch von dem Rentner aus Hamburg notfalls bis aufs Messer verteidigt wird, das er anschließend nutzt um sein Schnitzel zu essen. Wie zuhause. Man weiß wo alles ist, kennt jeden Baum und Stein beim Vornahmen. Alles wie Zuhause, von dem man doch eigentlich mal weg wollte. Das lieben viele Menschen. Ich habe es gehasst.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass kreative Hirne anders funktionieren, aber meines hat ständig Hunger. Hunger nach Abwechslung, nach neuen Eindrücken und Bildern, nach Erlebnissen, die verarbeitet werden müssen und nach Herausforderungen, nach Ungewohntem, dem prickelnden Gefühl, Neuland zu betreten, dem Überraschungsmoment, der Ungewissheit, was um die nächste Ecke kommt, die den Puls beschleunigt und dafür sorgt, dass ich mich nie lebendiger und wacher fühle, als wenn ich reise.

Für mich ist es das Gleiche wie für einen Verhungernden, der vor einem Büffet steht, auf dem sich die leckersten und buntesten Speisen türmen. Und ich saß mitten in diesem riesigen Büffet …

 

5_Strasse_Antigua

5_Busse_Antigua

 

5_Blick_auf_Antigua

5_Antigua_Torbogen_UDU-768x459

5_Antigua_Kutsche_UDU-768x459

5_Innenhof_Antigua_UDU-768x459