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DO SOMETHING ELSE

43/ Mutter Natur ist eine dämliche Tussi

By 9. December 20177 Australien

Ich hatte nur wenig Zeit zum Packen, wenn wir vom Ritt zurück kamen und freute mich auf den letzten Tag mit Jack. Der kürzer ausfiel als ich dachte, weil er den Truck mit den Pferden fahren musste. Ich hatte plötzlich das Gefühl, mir liefe die Zeit davon. Machte es ihm gar nichts aus, dass ich so lange weg sein würde? Ich versuchte nicht verbiestert zu sein aber es fiel mir schwer. Ich hatte ihm noch so viel sagen wollen aber jedes mal wenn ich es versuchte, kam etwas dazwischen oder ich konnte meine Gefühle nicht in Worte fassen. Sortiert und gradlinig waren damals keine meiner herausragenden Eigenschaften. Aber dann kam mir Joanne zu Hilfe…

“Jeanette, willst du nicht besser mit Jack in die Stadt fahren und ihn an Milch und Zucker erinnern? Sonst kommt er wieder mit der Hälfte zurück.”

Sie lächelte mich an. Ich schnappte mir meine Jacke und rannte die Stufen hinunter und riss die Tür zum Bus auf, den Jack gerade gestartet hatte.

Ich dachte verzweifelt darüber nach, wie ich das, was ich auf dem Herzen hatte, in verständliche Sätze bringen könnte. Was würde ich auslösen, wenn ich wirklich zugab, was ich fühlte? So ganz ohne witzigen Unterton? Würde er sich bedrängt fühlen? Unter Druck gesetzt? Was, wenn ich nichts sagte? Würde er dann denken es sei mir egal und sich distanzieren während ich weg war? Was, wenn er falsch auffasste, was ich – vermutlich unzusammenhängend vor Aufregung – herausbrachte? Und was, wenn ich es nicht schaffte ihm verständlich zu machen, was ich wirklich meinte? Jeder Ansatz erschien mir als untragbares Risiko, ich könnte den Fehler meines Lebens machen. Ich kam zu keinem Ergebnis und schwieg hilflos, während der Buschwald an uns vorbei raste, wie eine verrinnende Sanduhr.

Ich gab auf. Dann war es eben so, wie es war.

“Und? Bist du eigentlich schwanger?”

Ich schreckte auf und fuhr verblüfft zu ihm herum.

“Nnnnein.”

“Schade.”

“Schön, dass du so ein Thema witzig findest”, gab ich schärfer zurück, als beabsichtigt. Ich hatte das Gefühl gerade den entscheidenden Moment zu verpassen, der über den Rest meines Lebens bestimmen würde, mir drehte es die Eingeweide rum, weil ich bald in ein Flugzeug steigen würde. Das übrigens abstürzen konnte Herrgott. Und der Kerl machte Witze. Männer. Völlig empathielos. Er sollte gefälligst mitbekommen, mit welchem inneren Drama ich gerade rang.

Er schaute kurz zu mir rüber und meinte lapidar: “Wärest du nicht so launisch, wärest du perfekt für mich und ich könnte es mit dir aushalten.” Und zwinkerte.

Dann hörte ich die Worte, bei denen ich fast einen Herzstillstand bekam:” Was hälst du davon eine inoffizielle Beziehung zu starten, wenn du zurück bist?”

Ich starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Wenn ich mit irgendetwas nicht gerechnet hatte, dann damit. Oft passieren Dinge wenn man gar nichts tut.

“Was meinst du mit ” inoffiziell” ?”

“Dass ich dich jetzt noch nicht heirate.”

Ich war noch immer völlig verblüfft, also untermalte ich mein “Aha” etwas hilflos mit einem Lachen.

“Was hälst du davon? Interesse?”

“Ja, ich habe Interesse”, quetschte ich an dem Kloß,  den ich im Hals hatte, vorbei. Dann sehe ich mich wohl nach einem Job in Canberra um?”

“Auf jeden Fall. Mit Sydney bin ich fertig. Was willst du denn überhaupt noch mit dem Job?”

“Na ja, er würde mir helfen, ins Land zu kommen.”

“Sag mir nur ob du wirklich bleiben willst. Ich kenne die Tochter vom Boss von Immigrations. Sie kommt hier zum Reiten. Und Will hat auch noch gute Verbindungen aus seiner Zeit alsPolitiker.

“Sicher will ich. Ich liebe dieses Land. Ich werde aber erst nach Deutschland zurück müssen.”

“Wieso?”

Ich erklärte es ihm. Damals dachte ich, dass er nicht sehr praktisch dachte und das alles zu einfach und optimistisch sah. Ich verstand erst viel später, dass er genau deswegen das erreichte was er wollte. Er war viel gradliniger und folgte spontan seinem Gefühl – das für ihn anscheinend immer sehr klar war – und blieb dabei. Während ich im Chaos unterging und versuchte mit dem Verstand Ordnung zu schaffen, was mich eher semi gut, bis gar nicht weiter brachte. Wenn Jack eine Entscheidung getroffen hatte, verfolgte er sie einfach gradlinig in die Umsetzung. Das bewahrte ihn später nicht vor negativen Erfahrungen aber er belastete sich immerhin nicht davor mit Ängsten und Gedanken Dramen. Worin ich Profi war. Genauer gesagt hatte ich mehrfaches Olympia Gold in der Disziplin.

Ich hatte eine Weile vor mich hingeträumt und mir die Zukunft ausgemalt. Von einem gemütlichen Haus im Busch geträumt, mit Hunden, Pferden und Katzen. Und einem Sofa, auf dem ich mit Jack lange Abende vor dem Kamin kuscheln würde. Ein Haus mit Holzboden, auf dem man die Schuhe anlassen konnte und in dem es wichtiger war glücklich zu sein als mit penibler Ordnung zu beeindrucken.

Batsch! Ich war grade wieder in der Realität aufgeschlagen.

“Ich weiß noch nicht so ganz ob ich verliebt bin, aber ich bin unheimlich gerne mit dir zusammen und habe Spaß mit dir.”

Verflucht. Konnte es nicht mal einfach Sicherheit geben bei irgendwas? Musste immer alles in der Luft hängen? Konnten Männer nicht wie Autos sein? Wenn man sich für einen entschied bekam man eine Garantie und wenn was nicht funktionierte brachte das jemand (jemand anderes als ich!) wieder in Ordnung. Oder wieso hatte es Mutter Natur nicht einfach bei Zellteilung belassen? Hat doch prima funktioniert. Fressen, schlafen, teilen. Zack, Überleben gesichert. Warum musste die dämliche Tussi die Sache verschlimmbessern und unsichere Komponenten (Männer) in den ganzen “Wir-erhalten-die-Art Sums” bringen? Das ist doch praktisch Selbstsabotage.

“Du bist nicht das, was ich gesucht habe, aber vermutlich etwas viel Besseres”, platzte ich trotzdem spontan heraus.

Er starrte mich an. “Das ist mit das Schönste, was mir jemals jemand gesagt hat.”

Wir gingen einkaufen und es wundert mich noch heute, dass wir sogar Milch und Zucker mit ins Lager brachten. Als ich später im Swag in seiner Armbeuge lag, nahm er meine Hand, legte sie auf sein Herz, schaute mich an und sagte: “Fühlst du das? Das tut noch ziemlich weh.”

In dem Moment hätte ich seine Ex-Frau erwürgen können. Sie war zwar der Grund, warum wir zusammen waren, aber sie hatte bei dem Mann ein Minenfeld hinterlassen. Und ich fragte mich ob ich es schaffen würde mich vorsichtig genug hindurch zu bewegen, ohne dass mir das Alles ins Gesicht explodierte. Besonders gut ausgerüstet war ich damals nicht dafür, bei jemand anderem emotionale Bomben zu spüren und zu entschärfen. Im Grunde fühlte ich mich so, als sollte ich in Badeschlappen und T-Shirt den Mount Everest bezwingen. Und dann gab es da noch mein eigenes Minenfeld aus gemachten Erfahrungen, an denen die Lunte schnell brannte.

Und eine davon trieb mich verrückter Weise dazu ihn zu bitten, sich in den Wochen genau zu überlegen, ob ihm das ernst war mit uns und sonst nicht meine Zeit zu verschwenden. Es kam heftiger und barscher heraus, als ich das wollte. Manchmal ist man in dem Moment nach außen am abgebrühtesten, wenn im Inneren genau das Gegenteil los ist. Bloß die Fassung wahren. Das Schutzschild schon hochziehen, wenn es noch gar nicht nötig ist. Was treibt uns Menschen dazu uns mit negativen Gedanken und Ängsten vor Dingen, die so gut wie immer gar nicht so eintreten, so oft alles selbst zu zerstören? Vermutlich Überlebensinstinkt. Unser Hirn ist nicht darauf trainiert uns glücklich zu machen. Es ist darauf geeicht unser Überleben zu sichern.

Wer Liebe mit dem Paradies vergleicht, sollte meiner Ansicht nach weniger Drogen nehmen. Es ist ein Kriegsgebiet, in dem einem jederzeit das Herz zerfetzt werden kann und auf dessen Schlachtfeldern sich schon Berge aus Gefallene türmen. Und die Verwundeten, die auf der Bahre der Hoffnung ins Lazarett geschleppt werden, kommen nur mit einer Menge Narben davon. Und leiden unter Posttraumatischem Stresssyndrom. Das sie dem nächsten Partner um die Ohren hauen. Liebe heilt alle Wunden? Kann sein. Aber erst Mal reißt sie verdammt tiefe.

Wir standen auf einer einsamen, staubigen Buschstrasse und unser Abschied sah aus, wie ein Showdown aus einem Western Film. Sein Land Rover stand Joannes Toyota in fünfzehn Metern Abstand gegenüber. Wir umarmten uns unbeholfen. Ich versprach bald zurück zu sein, dann machte ich mich los und stieg zu Joanne in den Bus, während er zu seinem Auto ging. Ich sah ihn im Seitenspiegel immer kleiner werden, bis er in der Staubwolke des Toyota verschwand. Wie in einem Traum, der sich in Nebel auflöst, dachte ich. Du Drama Queen, rief ich mich zur Ordnung, es stirbt schließlich keiner. Ich versuchte mich abzulenken, indem ich mit mit Joanne über Nichtigkeiten plauderte.

“Come back soon my little Kraut.” sagte sie als sie mich zum Abschied an sich drückte.

Die Reise nach Sydney kam mir endlos vor. Wie ich die Nacht herum brachte weiß ich nicht mehr aber als ich endlich am Flughafen auf das Öffnen des Gates wartete, kam ich mir vor wie der einsamste Mensch der Welt. Ich weiß bis heute nicht, warum ich den verdammten Flug nicht sausen lies, in den Bus stieg und zurück fuhr. Verwirrung? Unsicherheit? Angst? Dummheit? Falscher Stolz? Suchen Sie sich etwas aus…