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DO SOMETHING ELSE

42/ Russisches Roulette

By 6. December 20177 Australien, Allgemein

Ich buchte den Flug nach Neuseeland und fühlte mich nicht allzu glücklich damit. Aber damals entschied ich vor allem mit dem Verstand, der mir meinen chaotischen Gefühlen überlegen schien, b. z. w.  die einzige Macht war, mit der ich so etwas wie Kontrolle zu bekommen schien.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich emotional zu meiner Mitte finden konnte. Im Grunde zweifelte ich jede Entscheidung die ich traf umgehend wieder an und war mir sicher, dass ich gerade mein Leben in den Abgrund gesteuert hatte. Und das fing schon mit erstaunlich harmlosen Entscheidungen an. Aber ich hatte auch nicht viel Zeit. Ein Fünftages Ritt ging los und ich machte routiniert meine Arbeit. Packte Anhänger und Packsättel, striegelte Pferde, half beim Satteln und kümmerte mich um die großen und kleinen Probleme der Reiter.

Es war dieses Mal ein lustiger Haufen gestandener Frauen um die Fünfzig, die einmal im Jahr ihren Familien entflohen und auf den Putz hauten. Der Mutterwitz wurde vom mitgebrachten Schnaps und Bier beflügelt, war aber grundsätzlich handfest. Das konnte man nicht zuletzt an T-Shirts mit Aufschriften wie ” Cowgirls want more than an 8 Minute ride”  oder “Country girl PMS: Pass my shotgun” trugen.

Mit dabei war auch wieder Jen, die mir eines Abends am Lagerfeuer ihre Geschichte erzählte. Sie hatte mir geholfen alle mit Essen zu versorgen, wobei sie mit ihrer fahrigen Art für mehr Chaos sorgte, als wenn ich es alleine gemacht hätte. Wir hatten uns mit je einem Steak auf den Camping Stühlen niedergelassen, als sie unvermittelt , mit einem Blick zu Jack, der auf der anderen Seite des Feuers den Mädels nicht jugendfreie Geschichten erzählte, sagte:

“Jack ist ein guter Kerl. Bei dem wirst du immer wissen, woran du bist. Das weiß man oft nicht.”

Ich wusste, dass Jen mit ihren vier Kindern bei ihrer Mutter im Haus lebte. Aber ich wusste nicht, was in ihrem Leben passiert war um das nötig zu machen. Ich wartete.

“Mein Mann war ein Spieler. Ich hatte keine Ahnung davon als ich ihn geheiratet habe. Er hat unser Haus verspielt. Einfach alles. Aber nicht nur das. Er hat mich auf einem riesigen Berg Schulden sitzen lassen, die ich abzahle.” Sie seufzte. Ich verstand plötzlich warum Jen immer so selbst mitleidig und jammerig auf mich gewirkt hatte. Sie hatte allen Grund dazu.

“Das tut mir sehr leid Jan. Hast du nie etwas gemerkt?”

“Erst viel zu spät. Er hat wohlweislich viel vor mir verborgen. Um das Finanzielle hat er sich gekümmert. Es ist erstaunlich, was Menschen für lange Zeit vertuschen  können. Oder was man sich selbst vormachen kann. Wir zogen dann zu meiner Mutter. Ich konnte mit vier Kindern ja nirgendwo anders hin. Und jetzt zahle ich ewig Schulden ab.”

Sie tat mir sehr leid und hatte plötzlich sehr viel Respekt vor ihr. Welcher Mann zog schon vier Kinder alleine groß? Ich kannte keinen. Aber umso mehr Frauen, die so eine Aufgabe stemmten. Ich hatte bisher mit Männern Glück gehabt. War es genau das? Glück? War es am Ende russisches Roulette, an wen man geriet? Aber wie weit konnte man jemandem wirklich hinter die Fassade schauen? Und wie weit war man unbewusst dazu bereit die Augen zu verschließen, vor Dingen, die man spürte? Und sie musste etwas gespürt haben. Ich glaubte nicht, dass man das gar nicht mitbekam.

Konnte ich mich auf meinen Instinkt verlassen oder war es am Ende doch russisches Roulette bei wem man landetet?

Jen hatte wohl gespürt, dass meine Stimmung abgerutscht war.

“Es tut mir leid, wenn ich dich mit der Geschichte runter gezogen habe. Ich bin immer so glücklich hier zu sein. Mein Pferd ist das Einzige, was ich mir wieder gönnen kann  und wirklich für mich habe. Das mag egoistisch sein aber wenn ich das nicht mehr hätte …”

“Du kannst doch nur für alle anderen da sein und das schaffen, wenn es dir selbst einigermaßen gut geht”, versuchte ich sie zu trösten. “Wenn du Freude hast, hat auch deine Familie etwas davon.” Sie lächelte mich dankbar an.

Am nächsten Tag ritten wir nebeneinander über gigantische, Wind durchfegte Hochebenen, auf denen das Schneegras wogte wie Ozeanwellen. Die über den Himmel gepeitschten Wolken jagten ein flackerndes Spiel aus Licht und Schatten
über den Buschwald. Wir durchquerten sumpfige Stellen und passierten verrottende Zäune. Jen plapperte munter darauf los. Ich wäre lieber schweigend geritten und wäre normalerweise ärgerlich geworden, weil sie nicht aufpasste und ihr Pferd fast in überwucherten Stacheldraht trat. Aber seit ich wusste, was sie zu tragen hatte, freute ich mich an ihrer guten Laune.

Der starke Wind war nur ein Vorbote für schlechtes Wetter. Innerhalb von Minuten tratschten Wassermassen auf uns hinab. Die gewachsten Drizabone Mäntel, die wir hastig vom Sattel losmachten, aufrollten und überstreiften, hielten was sie versprachen. Das gewachste Gewebe hielt mich tatsächlich”dry as a bone”. Der Akubra aus Filz hing mir allerdings etwas schlapp um die Ohren und ich lachte nicht mehr über die Jungs, die sich eine Art Duschkappe über den Hut gezogen hatten.

Irgendwann kam die Sonne wieder heraus und wir hielten an um die Mäntel wieder auf den Sätteln zu verschnüren.. An die getrennten Westernzügel gewöhnt, achtete ich nicht auf geschlossenen Zügel.. Sie glitten Baz über den Hals und er trat mit einem Vorderhuf hinein. Als er den Kopf heben wollte und Gegendruck spürte, wich er hektisch und mit Schreck geweiteten Augen zurück. Je mehr er zerrte, desto panischer wurde er. Genauso wie ich. Denn so konnte er sich im schlimmsten Fall das Genick brechen. Ich schaffte es nicht das Pferd zu beruhigen, bis Jack plötzlich neben mir war, ihn am Gebiss zu fassen bekam und mit seiner ruhigen Art dazu brachte stehen zu bleiben und den Kopf zu senken, damit er den Zügel öffnen konnte.

Die anderen waren ein Stück weiter geritten und ich war noch immer starr vor Schreck. Und brach – immer noch unter Schock – plötzlich in Tränen aus. Jack zog mich an sich.

“Ich bin ssosso bbbblöd”,  heulte ich in sein Hemd. “Er hätte sich das Genick brechen können.”

“Es ist alles gut, er hat sich nicht verletzt. Und wenn du nicht aufhörst, muss ich den Mantel wieder anziehen. Bis eben war ich noch trocken.”

Ich lachte schniefend, beruhigte mich langsam wieder und schwang mich noch etwas zittrig zurück auf das Pferd.

“Das war enorm elegant.” scherzte Jack und ich fing wieder an zu lachen.

“So ist das schon besser.” Er stieg ebenfalls wieder auf.

Ich fischte ein paar Gummibärchen aus der Satteltasche, bot ihm welche an.

“Sorry, ich war früher viel weniger emotional. Ich habe keine Ahnung warum ich bei jedem Scheiß neuerdings los heule”, setzte ich zu einer halb wahren Erklärung an. Ich war gerade grundsätzlich etwas emotional. Wegen meiner bevorstehenden Abreise.

“Sind vielleicht die Hormone. Bist du schwanger?”

Ich spucke fast das Gummibärchen aus.

“Mach keine Witze, das ist nicht lustig.”

“Würdest du es behalten?”

Er grinste mich breit an und das Grübchen im Kinn unter dem Dreitagebart wurde tiefer.
Wieso ich da jedes Mal Herzflatter bekam, war mir rätselhaft. Aber hey, da war es wieder. Was für ein Gespräch führten wir hier eigentlich gerade? Mein Herz schlug Saltos und mir war klar, dass ich meine nächsten Worte besser mit Bedacht wählte.

“Es wäre von dir.” Die Worte hingen in der Luft bevor ich weiter redete.  “Ja, ich denke schon. Ich bin keine Sechzehn mehr, wo man es noch sehr einfach vor sich entschuldigen kann, es nicht zu bekommen.”

“Aber du bist gerade nicht in der richtigen Situation.” meinte Jack und schaute mich prüfend an.

“Jan hat vier Kinder alleine groß gezogen, da würde ich wohl mit einem klar kommen” gab ich mit weitaus mehr Zuversicht als ich tatsächlich bei der Aussicht verspürte, bekannt. Kinder waren nie wirklich in meinem Lebensplan enthalten gewesen. Komplett ausgeschlossen hatte ich es aber auch nie.

“Hmmm, du wärest auch eine gute Mutter. Könntest du dir vorstellen hier in die Gegend zu ziehen wenn du schwanger wärest?”

Oha. Gut, dass ich jetzt kein Gummibärchen im Mund hatte. Und das von Mr. ‘Wir haben nur eine Bettgeschichte‘.

“Ja, ich denke schon.”

Wir grinsten uns von der Seite an. Dann galoppiert er wieder an die Spitze der Gruppe. Mich traf die Erkenntnis mit etwas Verzögerung. Er spielte mit dem Gedanken, dass ich hier bleiben könnte. Aber sofort schoß der Zweifel quer, der wie der kleine böse Junge war, der mir als ich 5 Jahre alt war, am Strand mit der Schippe meine Sandburg kaputt gehauen hatte. Ich wollte doch gar kein Kind. Oder doch? Wie würde das mein Leben hier verändern? Jetzt liebte ich das alles, weil ich frei war und die Ritte begleiten konnte. Mit einem Kind war ich angebunden. An ein abgelegenes Haus, an Eintönigkeit, an einen winzigen Ort, in dem Menschen lebten die meine Liebe zu der Lebensweise und dem Land teilen mochten aber auch kaum mehr.

Jen unterbrach meine hin und her schwappenden Gedanken, die sich in Strudeln um sich selbst drehten.

“Alles ok? Was war denn grade los?”

“Eine verdammt gute Frage, auf die ich noch keine konkrete Antwort habe.”

Sie schaute etwas irritiert, dann grinste sie.

“Will und Joanne würde es gefallen wenn aus euch beiden was wird.”

Ich schaute sie verblüfft an. Man konnte mir Momentan offenbar viel vom Gesicht ablesen. Wie Recht sie damit hatte, erfuhr ich am nächsten Abend. Will fing mich ab, als ich die Sättel für die Nacht mit einer Plane abdeckte und diese mit Steinen beschwerte.

“Gorgeous, ich weiß, dass du am Sonntag für acht Wochen nach Neuseeland fliegst aber es wäre schön wenn du etwas früher zurück kommst zur nächsten Stockman Challenge.” Bevor ich etwas erwidern konnte, fügte er nach einer kurzen Pause an: “Ich weiß nicht, was mit dir und Jack ist. Ich wollte dir nur sagen, dass ich dir einen Job anbieten kann, wenn du keine andere Möglichkeit hast hier zu bleiben. Joanne sieht das genau so.”

“Ddddanke” stottere ich. Er nickt und ging zu Ned, der dabei war den Pferden die Futtersäcke abzunehmen und nach ihm rief. Ich starrte ihm verblüfft und gerührt nach. Sie hatten mich offenbar wirklich ins Herz geschlossen und würden mich mit offenen Armen aufnehmen. Und der Mann von wem das abhing, hatte heute eine verblüffende Rede vom Stapel gelassen. Was genau sie bedeutete, wusste ich allerdings nicht genau. Wir alberten ja ständig herum. Aber dieses Mal war ein ernsthafterer Unterton dabei gewesen.

Mehr Überraschungen passen in einen Tag nicht mehr rein, dachte ich bei mir.  Aber es gab ja noch den nächsten…