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DO SOMETHING ELSE

41/ Ist das Kunst oder kann das in den Busch?

By 4. November 20177 Australien

Jack war mit seinem Vater zu einer Ranch gefahren um sich dort Pferde auszuleihen, weil die Ritte voll gebucht waren. Sie lag auf der anderen Seite der Berge. Das Paar, dem sie gehörte und die dort ein Trekking Business gestartet hatte, trennte sich offenbar gerade. Will wollte einige der Pferde kaufen, wenn sie sich als gut erwiesen.

Ich war nicht mitgefahren, weil ich endlich anfangen wollte zu Malen. Ich hatte seit Jahren keinen Pinsel mehr angefasst. Es fühlte sich gut an, wieder einen in der Hand zu halten. Ich hatte auf dem Man from Snowy River Festival viel fotografiert und mir das Foto heraus gesucht, auf dem eine Reihe Cowboys mit dem Rücken zu mir gewandt, auf ihren Pferden saßen. Weil mir eine Staffelei fehlte, breitete ich die Leinwand und die Farben auf dem Küchentisch vor dem großen Fenster aus. Ich drückte aus allen Tuben kleine Farbkleckse auf einen weißen Teller. Der Geruch der Farben brachte schöne Kindheitserinnerungen zurück, an eine Zeit, in der ich völlig selbstvergessen stundenlang malte. Noch ohne den Anspruch, die zweite Georgia O´Keefe zu werden. Ich würde alle Farben für den Anfang gar nicht brauchen aber ich freute mich an dem bunten Regenbogen auf dem Teller.

Ich skizzierte einen Ausschnitt der Szenerie und entschied mich spontan dazu, die Acryl Farben so weit zu verdünnen, dass ich fast damit aquarellieren konnte. Lichtflecken sparte ich aus oder tupfte Farben weg. Ich war völlig vertieft in meine Arbeit. Seltsamerweise hatte mich die weiße Leinwand nicht abgeschreckt. Ich wusste, dass ich zufrieden sein würde, egal was dabei heraus kam.

Ich war so weggetreten, dass ich erschrak, als Joanna neben mich trat und meinte:

“Das ist wunderschön Jeanette, ich hatte nicht erwarte, dass du so malen kannst.”

“Ich auch nicht”, grinste ich glücklich.

Ich schaute auf das Bild. Irgend etwas fehlte. Ich war im Laden so davon hingerissen gewesen, wieder Stifte, Pinsel und Farben in der Hand zu halten und hatte mich gefühlt wie eine Sechsjährige im Süßigkeitenladen. So hatte ich mehr gekauft als ich brauchte und noch Kreiden und Kohle in den Einkaufskorb gelegt. Ich griff zur schwarzen Kohle und zog die Konturen der Cowboys mit schnellen Schwüngen nach.

Gut, dass ich genug Leinwände hatte. Denn als nächstes waren Jacks Rodeo Boots dran und die alten Schafscherer Hütten. Ich war so aus dem Häuschen, dass ich vor lauter Ungeduld gar nicht wusste, womit ich zuerst anfangen sollte.

Will kam zur Tür herein und und zeigte sich ebenfalls begeistert von dem Bild. Er zog mich zur Seite.

“Joanna hat bald Geburtstag, meinst du, du könntest…”

“Ja sicher”, antwortete ich strahlend. “Sie kann sich sogar eines aussuchen wenn ich mich beeile mit dem Malen.”

Er lächelte.

“Sie wird sich sehr freuen.”

“Wo ist Jack?”

“Er und Ben und sein Cousin Tom haben die Pferde abgeladen. Jack muss einige beschlagen und ich muss ins Büro…”

“Ich gehe gleich runter und frage ob ich helfen kann.”

Ich räumte die Leinwand und die Malsachen in mein Zimmer, schwang mich in den uralten Jeep und rumpelte zu den Yards hinunter.

Ich musste grinsen. Jacks stand neben Ben, der ein Riese war und ihn um mehrere Köpfe überragte. Sie waren offenbar gute Kumpel. Ich merkte dass sein Cousin mit Jack Blicke wechselte und ich offenbar ein Gespräch unterbrochen hatte. Ich ignorierte die Blicke und wir machten gemeinsam weiter.

Jacks Laune war nicht die beste. Die Pferde waren schlecht erzogen und gaben die Hufe nicht, so dass wir sie teilweise an allen Beinen festbinden mussten. Pferde zu beschlagen ist harte Arbeit, selbst wenn das Pferd mitspielt. Was diese nicht taten. Eines entriss ihm den Huf – aus dem ein halb eingeschlagener Nagel ragte – und zog ihn über sein Bein, das an der Stelle nicht von der Lederschürze geschützt war. Jack schrie wütend auf und warf den Hammer nach dem Tier. Am Bauch klaffte eine Wunde.

“Jack, spinnst du?” brüllte ich ihn an.

“Schau dir mein Bein an, verdammt.”

“Er kann aber nichts dafür, dass er schlecht erzogen wurde.”

“Du musst die verdammten Viecher ja nicht beschlagen. Mir tut der Rücken weh, ich habe noch fünf vor mir und Klugscheißerei kann ich gerade nicht brauchen.”

Ben und Tom standen etwas betreten daneben, während wir uns wütend anfunkelten.

Er hatte ja Recht. Die Drecksarbeit machte er hier und nicht ich. Ich biss die Zähne zusammen und hielt auch den Mund, als er mich unwirsch anfuhr, das Pferd besser still zu halten und ihm schneller die Nägel zu reichen. Die letzte Stute war glücklicherweise lammfromm und wir konnten endlich unter dem Wellblechdach der Sattelkammer ein wohlverdientes Bier trinken. Die Jungs rumpelten bald mit dem Truck wieder zum Tor hinaus und ich räumte mit Jack das Werkzeug auf.

“Sag mal, was wissen die beiden von uns?”fragte ich, weil mich die Blicke, die ich gesehen hatte, immer noch irritierten.

“Dass wir eine wilde Bettgeschichte haben?”

Der Satz versetzte mir einen Stich ins Herz, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich sagte nichts.

“Ben war beeindruckt und meinte ich solle ihn anrufen wenn du mir zu viel bist, mit deinem Temperament.”

“Wie charmant von ihm, er hat offenbar zu viel mit Rinderhandel zu tun. Es scheint mir dass du das witzig findest – was hast du denn geantwortet?” fragte ich in kaltem Ton. Ich wartete, dass der ahnungslose Trottel sich weiter in den Abgrund redete. Ich hatte gerade keine Lust ihn zu stoppen.

 “Dass du eine Granate bist aber ich dich schon gut im Griff habe.”

Ich merkte wie weiß glühender Zorn in mir hoch schoss und jede Vernunft beiseite schob.

“Granate? Was hast du denn noch erzählt? Und du hast mich also im Griff? Ich könnte auch einfach gehen. Mal sehen wie gut du Luft im Griff hast.”

Er musste wohl langsam gemerkt haben, dass ich das alles andere als lustig fand. Aber statt einzulenken und einzusehen dass er über eine Grenzen geschossen war, suchte er Zuflucht in Arroganz.

“Jetzt bleib mal cool Baby, natürlich bleibst du, so gut wie ich…”

“Wenn du glaubst dass ich selbstverständlich bin und mir jeden Mist bieten lasse, dann bist du sehr im Irrtum” unterbrach ich ihn. “Du kannst mir gerne dabei zusehen wie ich gehe.” Meine Stimme war immer schriller geworden und ging mir selbst durch Mark und Bein.

Ich zitterte vor Wut als ich mich umdrehte und über die Weide Richtung Haus stapfte.

Ich hörte dass er mir nachrief aber ignorierte ihn. In mir tobte ein Emotions Chaos aus Enttäuschung und Wut, dass mir die Tränen liefen. Was bildete sich der arrogante Bastard eigentlich ein? Glaubte der ernsthaft er könne so mit mir umgehen? Ich würde meine Klamotten packen und Will fragen, wann er mich in die Stadt bringen konnte. Als ich im Stechschritt den steilen Hang bergauf gerannt war, verbrauchte ich allerdings die ganze Energie um meinen bevorstehenden Herzinfarkt abzuwenden. Die Wut fiel in sich zusammen und zurück blieb Traurigkeit.

Ich stahl mich ins Haus und in das leere Büro ans Telefon. Es war Gott sei Dank schon relativ spät und meine beste Freundin war in Deutschland wach. Sie nahm nach dem zweiten Klingeln ab und hielt sich nicht lange mit Gemeinplätzen auf, weil meine Energie auch ohne dass ich was gesagt hatte, bei ihr ankam.

“Was ist los?” fragte sie.

Ich kippte ihr die ganze Geschichte unter Schnappatmung ins Ohr.

“Und ich war drauf und dran den Idioten in mein Herz zu lassen.” heulte ich abschließend.

Sie sagte länger nichts.

“Da ist er doch schon längst drin. Und jetzt hast du panische Angst ihn wieder zu verlieren. Also flippst du bei der ersten Verunsicherung aus und willst ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, bevor er das tun kann.” sagte sie schließlich.

Verdammt, sie kannte mich einfach zu lange und zu gut.

“Ich weiß nicht was ich machen soll,” gestand ich resigniert ein.

“Glaubst du denn wirklich, dass er dich mit Absicht so behandelt hat oder denkst du, dass er einfach nur dämlich war?”

“Dämlich”, murmelte ich wiederwillig. “Aber eine Grenze setzen musste ich. So geht´s nicht”, fügte ich trotzig an.

“Das ist ok aber darum gehts hier nicht wirklich oder? Wenn du permanent davor in Angst lebst, was passieren könnte, bist du nicht mehr unbeschwert und fröhlich – das was er an dir liebt. Und das macht es kaputt.

“Ich weiß. Aber ich habe keine Ahnung was in ihm vorgeht. Das macht mich unsicher. Ich weiß wie Männer sein können, wenn sie gerade getrennt sind und es weh tut. Ignorieren, wegdrücke, Pflaster drauf.”

“Und du hast Angst ein Pflaster zu sein?”

“Ja.”

“Du kannst es aber nicht wissen. Die Beziehung lief ja anscheinend lange vor der Trennung schon nicht gut. Wieso sprichst du ihn nicht drauf an? Dann weißt du woran du bist.”

“Ich glaube gar nicht, dass er das genau sagen kann oder dass ihm das alles bewusst ist. Und ich will ihm keinen Druck machen. Wenn, dann soll er freiwillig kommen. Und wenn es eine Illusion ist, dann will ich sie noch behalten. Auch wenn das verrückt ist.

“Meinst du dass das gut ist? Ich kenne dich. Wenn du mal drin hängst geht es tiefer als bei den Meisten und du kommst da ewig nicht raus. Wäre jetzt nicht der Zeitpunkt…?”

“Ich kann das jetzt nicht aufgeben.”

“Ihn oder “es”?”

“Ich sitze in so einem Gefühlschaos, ich kann das gar nicht trennen. Ich kann es nicht von Außen angucken. Ich weiß nicht wie das geht. Ich habe nur Angst, dass wenn ich ihn und das alles verliere, den Rest meines Lebens nach einem Ersatz dafür suchen werde.”

“Noch hast du nichts verloren. Würdest du denn da bleiben?”

“Wenn er dahinter stehen würde und mir genug Sicherheit gibt, dann ja. Ich wäre hier völlig abhängig. Und er verliert ja nichts. Ich bin es, die sich alles neu aufbauen muss, wenn es schief geht. Bei ihm bleibt alles gleich. Ob ich da bin oder nicht – sein Leben läuft weiter. Das ist einfach nicht fair.”

“Was willst du dann machen?”

“So kriege ich den Kopf nicht klar. Es war von Anfang an geplant, dass ich nach meiner Zeit hier, nach Neuseeland fliege. Vielleicht sollte ich das wirklich machen. Dann sehe ich ja ob er mich vermisst. Wenn ich die ganze Zeit hier bin, bin ich selbstverständlich. Sieht man ja.” Ich wurde wieder wütend.

“Es wäre ja auch schade, wenn du wegen ihm darauf verzichtest. Wie lange willst du weg?”

“Vielleicht zwei Monate. Ich will beide Inseln sehen, wenn ich schon mal da bin. In der Zeit kann er auch seinen Mist mit seiner Ex etwas sortieren. Ich werde Morgen nach Flügen schauen.”

Sie erzählte mir, was es Neues aus Deutschland gab und ich hatte das Gefühl, sie rede von einem anderen Planeten. So weit weg schien mir mein altes Leben. Wir legten auf und ich fand keine Ruhe.

Ich wusste nicht wie ich die Gefühle in mir sortieren sollte. Wie ich meine Gedanken zur Ruhe bringen konnte, die wie betrunkene Schwalben in meinem Hirn im Kreis schossen, kollidierten und in einem irrwitzigen Strudel Runde um Runde flogen, ohne dass ein neuer dazu kam.
Ich wusste gar nicht dass das geht. Dass sich das Karussell stoppen lässt. Man lernen kann Gedanken zu kontrollieren. Also flüchtete ich mich in die Malerei, bei der ich mich so konzentrierte, dass die Welt auf die überschaubare Größe der Leinwand schrumpfte, den Geruch der Farben und den Pinsel in meiner Hand, dem Gefühl, dass ich etwas erschaffen konnte, das so, nur ich hervorbringen konnte. Ich malte die Schafscherer Hütten so realistisch wie ich konnte. Wenn ich sonst schon nichts kontrollieren konnte dann wenigstens diesen Pinsel, wenigstens dieses Bild. Aus dem Chaos von großflächigen Farbflecken entstand Detail für Detail Klarheit und beruhigte meinen inneren Aufruhr etwas. Ich hatte noch nicht verstanden, dass ich die Energie, die in mir keinen Ausweg fand, umleiten konnte in kreatives Schaffen. Ich tat es einfach instinktiv…

Cowboys-Australia-Painting

Sketchbook-Australia