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DO SOMETHING ELSE

40/ Keks Karmasutra

By 2. November 20176 Australien

“Du hast den Kindern gesagt, dass Annas Mutter ein Pferdegesicht hat.”Sie Stimme von Jacks Ex-Frau tönte empört aus dem Autotelefon.

“Ich habe sie auch darauf hingewiesen, dass die dafür nichts kann”,  gab Jack zurück.

Ich versuchte krampfhaft einen Lachanfall zu unterdrücken.

“Wie kannst du nur, ich finde dass sie ein schönes Profil hat.”

“Es war auch immer nur von einem schönen Pferd die Rede.”

“Es ist unmöglich sie vor den Kindern so herabzuwürdigen.”

“Herabwürdigen? Ich liebe doch Pferdegesichter. Sogar das von Loco”,  schoß Jack zurück.

Seine Ex-Frau, die offenbar das Maß des Erträglichen erreicht hatte, schnappte: “Mit dir ist nicht zu reden.” und legte auf. Jack grinste sardonisch.

“Ok, das war lustig. Hast du das wirklich gesagt?” fragte ich.

“Ja. Du hast keine Ahnung, was ich mir von dieser Freundin von ihr für Unverschämtheiten anhören musste, seit der Trennung.”

“Verstehe. Aber meinst du, dass es gut ist, deine Ex so zu reizen?”

“Nein, das weiß ich auch. Aber manchmal geht es einfach mit mir durch, wenn sie es so darstellt, als sei sie die grundlos Verlassene.”

“Dazu gehören ja immer Zwei.”

“Das sieht sie anders.”

Plötzlich waren wir mittendrin in einem Gespräch über vergangene Beziehungen. Es war das erste Mal, dass er so offen mit mir darüber sprach und ich freute mich über den Vertrauensbeweis. Will und Joanne hatten mich am Morgen mit in die Stadt genommen und bei einer Mall abgesetzt. Ich hatte die Stadt keine Sekunde vermisst aber Spaß daran eine neue Jeans, etwas Kosmetik und Make-up zu kaufen und in den Shops zu bummeln. Ich betrachtete die schönen Sachen, hatte aber gar keinen Wunsch etwas davon zu besitzen. Ich hatte so viele immaterielle Dinge, die mich gerade glücklich machten, dass so etwas keinen Reiz für mich hatte.

Jack, der zwischen den Ritten Geld verdienen musste, hatte in einer Werkstatt als Schweißer zur Probe  gearbeitet und mich auf dem Rückweg abgeholt.

“Wir fahren noch zu einem Sattler. Der Ringer Sattel, den ich habe, passt Loco nicht richtig. Schon gar nicht, wenn ich mit ihm trainieren will.”

“Klasse, ich war noch nie in einer Sattlerei. Schau mal, ein Regenbogen.”

Es hatte ein wenig geregnet. Über den mit rauem Buschgras überzogenen Hügeln, brach sich das Sonnenlicht und goss einen Strahl bunt funkelndes Licht in die Landschaft. Regenbogen leuchteten vor den pastelligen Farben der Landschaft hier viel intensiver als Zuhause. Zumindest bildete ich mir das ein. Nur das in den Senken nachwachsende, gift grüne, junge Gras und die Blüten der Pflanzen, die zwischen den verstreut liegenden hellgrauen, mit blassgrünen Flechten überzogenen Felsbrocken wuchsen, konnten es mit der Farbenpracht aufnehmen. Die Landschaft, mit den mal dicht, mal spärlich wachsenden blassen Büschen und Gum Trees, hätte eigentlich eintönig wirken müssen, war es aber nicht.

“Halt an, halt an.” rief ich. Zwischen den Bäumen hatte ich halb verfallene Gebäude entdeckt. Es waren alte Woolsheds. Schafschererhütten, deren Holzwände so verblichen waren, wie die Landschaft um sie herum und die sich windschief und mit eingesunkende Dächern, gegenseitig zu stützen schienen.

“Was willst du machen?” fragte Jack.

“Fotos. Ich will die malen”, sagte ich, sprang aus dem Auto und fotografierte die Hütten aus unterschiedlichen Richtungen. Ich würde viel weiße Farbe brauchen, um die feinen, pastelligen Farbabstufungen von blassen Gelb-, Grün- Grau- und Rosa Tönen zu mischen. Ich schwang mich zurück in den Landrover. Es dauerte nicht lange, bis wir von der Landstraße abbogen und einen Hof mit einer angeschlossenen Werkstatt erreichten.

Der Sattler sah aus, wie ich mir einen Sattelmacher vorgestellt hatte. Er war untersetzt und kräftig und schüttelte uns mit einer schwieligen Pranke herzlich die Hand. An der kurzen Rückwand der Werkstatt stand ein riesiges Regal, in dem Rollen mit Leder in allen Brauntönen lagerten. An der Längswand hingen– übereinander in Reihen – unterschiedliche Stocksättel, Ringer- und Westernsättel. Teils neu, teils in reparaturbedürftigem Zustand. Es roch nach Holz und Lammfell, Leder, Beize und Leim.

Der Raum wurde von einem großen Arbeitstisch, der in der Mitte stand, beherrscht. Auf ihm lagen Lederstücke, Messer, Schneidemuster und ein halb fertiger Sattelbaum aus Holz. Die einzelnen Elemente: Fork, Cantle und die Bars, waren schon zu einem Stück zusammengefügt und warteten darauf mit Rawhide – ungegerbtem Leder – überzogen zu werden. Der Baum bildet das Herzstück des Sattels und sorgt dafür, dass die Wirbelsäule des Pferdes später frei schwingen kann. Daneben lagen fertig zugeschnittenen Lederstücke, die an unterschiedlichen Stellen übereinander geleimt werden um dem Sattel Form zu geben. Den Abschluss bildet die große Deckhaut, die nass über die Konstruktion gezogen und vernäht wird.

Walter zog Jack zu einem Westernsattel der auf einem Holzbock lagerte, während ich neugierig um den Tisch herum ging. Offenbar baute Walter Sättel noch traditionell und schlug auch die aufwendigen Punzierungen von Hand in die einzelnen Teile. Am anderen Ende des Tisches lagen Punzierwerkzeuge. Ein Stattel stand daneben, dessen rechte Seite schon fertig war. Aufwendiges Flechtmuster ging in verschlungene,  florale Verzierungen der Fender über.  Kein Wunder, dass neue, maßgefertigte Sättel tausende von Dollar kosteten. Der Arbeitsaufwand war enorm.

“Komm mal her und schau ihn dir an”, rief Jack und winkte mich zu sich.

“Wie findest du ihn?”

Ich verkniff mir den Satz: “Hast du einen passenden Lippenstift dafür?” Der Sattel war schön aber auffällig. Die Sitzfläche war mit weinrotem Wildleder überzogen und die Lederschnüre, an denen alles mögliche festgezurrt werden konnte, waren ebenfalls rot. Er hatte aufwendiges Flechtwerk am Horn und glänzende silberne Conchas. Das Rot war ziemlich ungewöhnlich.

Ich sah an Jacks funkelnden Augen dass er ihn schon jetzt liebte, daher hielt ich den Mund. Das Rot würde schnell zu einem Kastanienbraun abdunkeln. Hoffte ich jedenfalls. Wir nahmen ihn zur Probe mit.

“Wieso lässt du dir keinen genau auf Loco angepassten Sattel fertigen, wenn du schon einen neuen bezahlst? ” fragte ich als wir im Auto saßen.

“Walter hatte Locos Maße. Der Sattel müsste ihm zimlich gut passen. Es würde Wochen dauern, bis er fertig wäre und ich will mit Loco jetzt anfangen. Er wird nicht permanent geritten, daher ist es nicht so schlimm, wenn er nicht hundert Prozent passt. Ich weiß, dass ihr in Deutschland da einen riesen Aufwand betreibt aber hier haben wir oft mehr als ein Pferd und da kannst du nicht jedes Mal für tausende von Dollar einen Sattel maßfertigen lassen. Du kaufst einfach Pferde mit ähnlichem Körperbau und geradem Rücken.”

“Na ja, ausgewachsen ist Loco ja. Wenn er jetzt passt, kannst du ihn lange nutzen.”

Wir waren spät dran und Jack umfuhr mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Schlaglöcher in der Landstraße. Es war fast unmöglich die Straßen zu den abgelegeneren Farmen in gutem Zustand zu halten. Regen, Schnee und Wind machten sie zu einem Hindernisparcours, der den Autos viel abverlangte.

“Wir müssen übrigends Morgen das Loch im Damm reparieren, das der Wombat gegraben hat.”

“Morgen ist Sonntag!?”

“Ja, das ist der Tag nach Samstag. Und?”

Ich seufzte. Auf einer Ranch gab es eben nie wirklich einen Ruhetag. Aber immerhin besser, als wenn Jack in der Werkstatt arbeiten würde. Die Aussicht gefiel mir nicht. Ich hatte mich schnell daran gewöhnt die meiste Zeit des Tages mit ihm zusammen zu sein. Und den verbrachten wir zwischendrin oft auch nicht mit Arbeit, wie Will mal augenzwinkernd aber gutmütig angemerkt hatte. Ich freundete mich also schnell mit dem Gedanken an mich früh am Sonntag aus dem Bett zu rollen und ein Wombat Loch zu flicken. Egal was wir zusammen machten, es machte immer Spaß. Er hatte einen kindischen Humor, der meist genau meinen traf.

Humor war bei mir ein schmaler Grad, von dem jemand schnell abstürzen konnte und bei dem ich selbst nie hundert Prozent wusste, wo der Abgrund lauerte. Ich hasste flache Witze und banale Schenkelklopper, fiel aber vor Lachen fast vom Pferd, wenn mich Jack mit “Tiny Teddy” Keksen fütterte, mit denen er Stellungen aus dem Karmasutra improvisierte. Es kam offenbar auch sehr darauf an von wem der Humor kam. Bei jemand anderem hätte ich es vielleicht lächerlich gefunden. Ich grinste bei der Erinnerung vor mich hin. Morgen Dreck zu schippen war plötzlich attraktiv.

“Mein einziger Trost ist, dass er ziemlich blöd geguckt haben muss, als ihm plötzlich das Wasser entgegen schoss”, grummelte Jack, schob den Akubra zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich sah nicht besser aus und hatte Dreckstriemen im Gesicht und Blasen an den Händen. Wir waren früh aufgestanden um die Arbeit nicht in der Mittagssonne machen zu müssen aber die Erde war so hart gebacken, dass wir nur langsam vorwärts kamen.

“Nur schade dass ich ihn nicht gesehen habe. Ich bin schon so lange in Australien und habe noch keinen einzigen lebenden Wombat gesehen.”

“Das ist auch unwahrscheinlich, denn wenn der Drecksack hier wieder auftauchen sollte, siehst du allenfalls einen toten Wombat.”

Wir waren endlich fertig und gingen in dem kleinen See schwimmen, der sich an einer tiefen Stelle des Flusses gebildet hatte und wo das glasklare Wasser um große Felsbrocken, in den breiten und ruhigen Teil floss. Das hätte romantisch und sehr idyllisch sein können, wären wir nicht konstant von den riesigen und bösartig stechenden “March Flies” verfolgt worden, die jeden Knutschversuch blutrünstig unterbrachen. Wir gaben es auf und zogen uns an.

“Ihr habt ein Glück, dass ihr so einen wunderschönen Ort auf der Farm habt.”

“Sogar viel Glück. Unserer Familie hat einmal fast das komplette Tal gehört, bis durch folgende Generationen der Besitz immer weiter aufgeteilt und verkauft worden war. Hast du Lust auf einen Ausritt? Immerhin ist Sonntag.” Er grinste.

“Das hast du geschickt verpackt. Du willst doch nur den neuen Sattel ausprobieren. Aber klar habe ich Lust.”

Wir trieben wir die Pferde mit dem Jeep in die Paddocks und ließen diejenigen wieder frei, die wir nicht brauchten. Das war etwas umständlich aber auf dem riesigen Gelände einem Pferd nachzustiefeln, wäre zu schweißtreibend gewesen. Ich suchte Zaumzeug für Baz heraus und Jack legte Loco den Sattel auf. Er schien zu passen. Er schnallte das Brustgeschirr fest udn schloss auch den zweiten Bauchgurt, der beim Roping verhinderte, dass der Sattel hinten abhob, wenn um das Horn Lasso geschlungen war, an dessen Ende ein Rind mit aller Kraft um seine Freiheit kämpfte.

“Wir werden sie heute richtig zum Schwitzen bringen. Am Schweißmuster kann man noch mal besser sehen, ob der Sattel auf dem Rücken gut aufliegt.”

Wir ritten über den schmalen, sonnengesprenkelten Pfad, den wir schon so oft zusammen geritten waren, bergauf, bis wir den breiten Buschweg erreichten. Dort gaben wir den Pferden die Köpfe frei. Sie hatten ein paar Tage Ruhe gehabt und schossen wie von Katapulten geschleudert los. Wir donnerten den Weg entlang und vor uns stoben Vögel und Kängurus davon. Die Pferde genossen das Rennen genau so wie wir und wurden erst langsamer, als ihnen der Schweiß schon in Rinnsalen durch das Fell lief.

Jack war zufrieden als er später den Sattel von Locos Rücken zog und das Fell ebenmäßig nass war.

Ich hatte Baz bereits von Sattel und Zaumzeug befreit, ihm einen Klaps auf den Hintern gegeben und ihn zu den anderen laufen lassen. Er war in gestrecktem Galopp in die flache Ebene geschossen und hatte sich auf die nächste sandige Fläche geworfen und begeistert gerollt.

“Lässt du Loco nicht zu den anderen?” fragte ich.

“Ich will  dir was zeigen.” Er tippte Loco am linken Vorderbein an und drückte ihm auf den Widrrist. Das Pferd machte praktisch eine Verbeugung und ließ sich zur Seite sinken. Den Teil kannte ich schon. Er hatte es Loco auf den Ritten beigebracht, indem er einen der vorderen Hufe in der Schlaufe eines langen Seiles fixiert hatte und  ihm dieses um den Bauch schlang, bis er den Huf fast bis an den Bauch gezogen hatte. Dann brachte er das Tier so aus dem Gleichgewicht, dass es keine andere Möglichkeit hatte, als sich hinzulegen. Loco hatte nach kurzer Zeit verstanden was Jack von ihm wollte und rollte sich jetzt ohne Seil sogar auf den Rücken.

“Wow!” rief ich unwillkürlich, denn Jack war plötzlich über seinen Bauch gestiegen und stand nun breitbeinig über dem Pferd, zwischen den Hufen. Mir war nicht ganz wohl dabei denn wenn sich Loco erschrak, konnte es für Jack gefährlich werden.

Dann fing ich an zu lachen, denn das entspannteste Pferd der Welt war vollauf damit beschäftigt, heraus zu finden, wie er in der Position noch Gras fressen konnte.

“Das ist schon ein beeindruckender Beweis von Vertrauen”, sagte ich anerkennend. “Allerdings sieht das Ganze nicht ganz jugendfrei aus.”

“Wir sind doch beides Jungs.”

“Ja eben.”

“Als nächstes gewöhne ich ihn an Peitschen die über ihm fliegen. Wenn er weiter so schnell lernt, sind wir in einem Jahr fit für die Stockman Challenge.”

Er ließ Loco wieder aufstehen, was der in aller Gemütsruhe tat, bevor auch er in die Ebene trabte.

Joanne wartete schon mit dem Abendessen auf uns.

Das waren ein paar wirklich harmonische Tage, dachte ich wir endlich im Bett lagen. Ich hatte keine Ahnung, dass sich das am nächsten Tag sehr ändern würde…