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DO SOMETHING ELSE

39/ Klappstuhl Cowboy

By 17. September 20176 Australien

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und gebratenem Speck weckte uns. Will bereitete das Frühstück für alle vor und hatte uns den Luxus gegönnt, einmal etwas länger zu schlafen. Ich war damals noch ein Morgenmuffel und reagierte – wenn man mich vor dem ersten Kaffee ansprach – mit der Sanftmut eines angeschossenen Bären. Und mit ähnlichem Wortschatz. Um keine Menschenleben zu gefährden, drückte ich Jack einen Kuss, der als “Guten Morgen” durch ging, auf die Nase und schälte mich aus dem Swag. Dann fiel ich fluchend im Zelt herum, bis ich meine Jeans und Boots gefunden und mich mit der Grazie einer betrunkenen Ballerina in meine Klamotten gewunden hatte und tappte dann zu den großen Waschräumen, die sich auf dem Gelände befanden. Und genoß den Luxus einer richtigen Dusche – die wir auf den Ritten ja so gut wie nie hatten – und die bewirkte, dass ich mich wieder halbwegs menschlich fühlte. Dann klatschte ich mir – wie jeden Morgen–  eine Portion Sonnencreme ins Gesicht. Das mit einer so manischen Regelmäßigkeit (Ozonloch, Hautkrebs!), dass es schon an eine Zwangsneurose grenzte. Ich hatte hier tatsächlich kaum jemanden über Dreißig kennen gelernt, der noch keinen Hautkrebs gehabt hatte und wollte mich nicht unter die Betroffenen einreihen. Der Andrang an den Waschplätzen war groß und ich schlüpfte schnell wieder in Jeans und Boots, band die Haare hastig zusammen… und  blieb an meinem Spiegelbild hängen. Ich weiß nicht, wann ich mich zum letzten Mal wirklich wahrgenommen hatte und die Veränderung die passiert war. Die Frau die zurück schaute, war sonnengebräunt, hatte durchtrainierte Oberarme und leuchtende Augen.So fit und gesund hatte ich in Deutschland schon lange nicht mehr ausgesehen. Ich starrte mir selbst noch einen Moment ins Gesicht. Dann streifte ich das karierte Hemd über das Top, drückte mir Jacks alten Akubra, den er mir geschenkt hatte, auf die von der Sonne gebleichten Haare und stiefelte vor mich hin lächelnd zurück zu den Zelten.

“Dein Hosenstall ist offen”, rief Stephanie, eine der Frauen die mit auf dem Ritt gewesen waren und die mit uns campten. Und die nicht leise hätte reden können, auch wenn ihr Leben davon abgehangen hätte. Vermutlich wusste jetzt das halbe Festival über den Zustand meiner Vorderfront Bescheid.

“Das ist Absicht. Ich mache Werbung, immer in der Hoffnung, dass einer anbeißt.”

Die Runde brach in Gelächter aus. Der alte Ned fiel vom Klappstuhl, rappelte sich wieder auf und rief: “Bindet ihn an, ich steige Morgen wieder auf.” Er lachte herzlich über sich selbst. Die meisten Menschen hier im Busch konnten gut über sich selbst lachen. Das ging immer mit einem gesunden Selbstbewusstsein einher. Das fiel mir damals zum ersten Mal sehr auf.

“So, so, du hoffst also, dass noch ein Kerl anbeißt”, sagte Jack, als ich meinen Klappstuhl neben seinen rückte. Er vertilgte gerade die zweite Portion Spaghetti mit Bohnen auf Toast. Ein Frühstück an das ich mich nie gewöhnt hatte, weil die Spaghetti aus der Dose matschig waren und aussahen wie verrottende Wattwürmer.

“Nein, ich denke ich behalte dich, auch wenn du einen fragwürdigen Geschmack hast”, sagte ich mit Blick auf seinen Teller. “Dafür ist er bei Frauen ganz ok.”, kam zurück. Ich grinste und schubste ihn an. Er schubste zurück und stand auf um mir Eier zu holen. Fröhlicher konnte ein Morgen kaum anfangen. Wenn ich irgendwas liebte, dann war es der schlagfertige australische Humor. Genau mein Ding. Und etwas anderes liebte ich an den Leuten. Die meisten hier waren leutselig zu jedermann. Es kam mehr darauf an was du konntest. Nicht wieviel Geld du hattest. Ein hochgewachsener Cowboy hatte sich zu uns gesetzt um sich mit Ned zu unterhalten. Er hatte offenbar viel Geld – das sah man seiner Kleidung an – aber behandelte den alten Mann mit großem Respekt. Eines seiner Pferde, das von Ned ausgebildet worden war, hatte gestern im Campdrafting – die Amerikaner nennen es Cutting oder Working Cow Horse– sehr gut abgeschnitten.

Beim Campdrafting muss der Reiter ein Tier von der restlichen Herde trennen und es mindestens drei Mal blockieren und drehen, um den Richtern zu zeigen, dass er das Rind unter Kontrolle hat. Danach muss er es aus dem Korral treiben und in der Form einer liegenden Acht –  in Rechts- und Linkswendungen – um Stangen herum bewegen bevor er es zum Schluss zwischen zwei Stangen hindurch aus der Arena bringen musste. Und das unter 40 Sekunden. Wir hatten uns das am Tag zuvor eine Weile angesehen. Ebenso den Cross Country Bare Back Jump. Extra Punkte gab es dort, wenn der Reiter die Hindernisse ohne Sattel übersprang und zudem nur mit Halfter ritt. Es war absurder Weise einer der wenigen Wettbewerbe, in denen die Reiter Helme tragen mussten. Was sie sonst nicht einmal beim Rodeo taten. Das hätte ja das Macho Image der Jackaroos ruiniert.

“Wieso werden in Australien Cowboys eigentlich als Jackaroo bezeichnet?” fragte ich Avery, ein untersetzter, stämmiger Kerl mit Bart und kantigem Gesicht, der auf der anderen Seite neben mir saß.

“Das weiß keiner so genau. Es gibt zwei Erklärungen, die mir am besten gefallen. In der Zeit als der Begriff zum ersten Mal auftauchte, wurden in Amerika Cowboys auch als ‘buckaroos’ bezeichnet. Das wiederum stammt vom spanischen Wort “vaquero.” Die andere ist, dass Immigranten, die nach Australien kamen, oft “Johnny Raws” genannt wurden. Daraus wurde dann angeblich “Jacky Raw, bzw. Jackaroo.”

“Ich hatte vermutet, dass es der Aborigine Sprache entstammt,” sagte ich etwas enttäuscht.

“Das ist tatsächlich eine weitere Erklärung dafür. Du bist übrigends eine “Jillaroo”.

“Daran arbeiten wir aber noch”, nuschelte Jack zwischen zwei Gabeln Wattwürmern.

“Du kannst deine bescheuerten Rinder demnächst mit dem Hund alleine in die Paddocks treiben”, gab ich gut gelaunt zurück.

“Der hört wenigstens auf das, was ich sage.”

Glücklicherweise plärrte in dem Augenblick eine Stimme aus den Lautsprechern: “In ein paar Minuten beginnt der “Brumbie Handling” Wettbewerb.”

Ich riss Jack praktisch den Teller unter der Nase weg, spülte schnell unser Geschirr ab und zerrte ihn in Richtung der großen Arena.

“Zum Lager abbauen seid ihr aber wieder da,” brüllte uns Will hinterher.

“Soll ich dir die Regeln erklären?” fragte mich Jack, als wir uns einen Platz auf der Tribüne gesichert hatten, die schon fast voll besetzt war. Wir blickten auf ein Meer von Akubras.

“Ja, schieß los.”

“Ein Brumbie Colt, also ein Junghengst, der maximal vier bis fünf Jahre alt sein darf, wird von einer der Rodeo Schuten in die Arena freigelassen. Der Reiter muss ihm vom Pferd aus ein Halfter überstreifen und ihn eine kurze  Strecke neben sich führen.”

“Wieviel Zeit hat er dafür?”

“Maximal zwei Minuten.”

“Was? Das ist doch unmöglich?”

“Warts ab. Da drüben losen sie grade die Brumbies aus”, meinte Dave und deutete zum Richter Tisch, wo die Teilnehmer ihr Los zogen. Der erste Reiter machte sich fertig, kontrollierte die Sattelgurte und drückte den Hut noch mal fester auf den Kopf, bevor er in die Arena ritt.

“Ist das eigentlich sehr traumatisch für die Tiere?”

“Sie verwenden dafür keine echten Brumbies mehr. Diese hier sind gezüchtet und stammen von Brumbies ab. Sie werden zwar wild gehalten, kennen aber Menschen. Auch wenn sie praktisch nie von ihnen angefasst wurden. Das ist eine der Regularien, die irgendwann eingeführt wurden. Ich kenne Tiere die hier teilgenommen habe,  zehn Minuten später friedlich im Paddock grasten und ein paar Wochen später, zuverlässige Reitpferde für Kinder wurden. Keine Spur von Trauma.”

Der große Palomino, den der erste Reiter gelost hatte, betrachtete Angriff als beste Form der Verteidigung. Er rannte nicht weg, sondern stieg permanent und schlug mit den Vorderhufen aus. Die Taktik war für ihn erfolgreich. Er war schnell wieder raus aus der Arena und dem Reiter wurde erlaubt ein neues Pferd zu ziehen.Die Tür der Schute sprang erneut auf und heraus schoß ein brauner Junghengst. Er war überraschend schnell und wendig und die Zeit des Jackaroo war um, bevor er auch nur ansatzweise eine Chance bekam, nahe genug heran zu kommen.

Der nächste Reiter sah sich einer beißenden Furie gegenüber, die mit angelegten Ohren nach seinem Pferd schnappte, das nicht einsah, warum es sich in Reichweite der Zähne des Brumbies begeben sollte. Und so verließ auch dieser Reiter die Arena, ohne dass er auch nur einen Versuch hatte machen können.

“Das ist ein Bekannter von mir,” sagte Jack, als der Lautsprecher blechern den Namen “Mac Graham” als nächsten Wettbewerber ankündigte.

Mac hielt das Halfter konzentriert vor sich, als sein Pferd neben den Junghengst galoppierte und in halsbrecherischem Tempo mit ihm Schritt hielt. Als Macs Bein zwischen den Pferden schon fast zerquetscht wurde, schoss sein Arm vor und er lies das Halfter blitzschnell über den Kopf des Colts fallen. Das Tier schüttelte unwillig den Kopf als sich das Halfter zu zog, buckelte ein wenig aber lies sich dann bereitwillig führen, als Mac das Tempo verringerte.

Applaus brandete auf. Die Zuschauer jubelten als Mac mit einem breiten Lachen im Gesicht aus der Arena ritt.

“Well done mate,” brüllte Jack.

Der nächste Reiter hatte Pech. Sein großartiges Stockhorse wich den Tritten eines temperamentvollen Brumbie geschickt aus und blieb auf Kopfhöhe. Das Halfter war bereits halb über den Kopf des Colts geglitten, das Publikum jubelte schon, als der Hengst es im letzten Moment abschüttelte. Außer Mac schafften es an diesem Tag nur zwei weitere Reiter ihr Brumbie zu halftern.

“Das ist ein großartiges Stockhorse. Viel Herz und absolut konzentriert”, meinte Jack anerkennend als er dem Reiter nach schaute.

“Woher stammen Stockhorses eigentlich? Sie sehen oft Vollblütern aber manchmal auch Quarter Horses ziemlich ähnlich finde ich.”

“Das hat seinen Grund. Eigentlich sind es Bastarde. Ihre Vorfahren kamen mit den ersten Siedlern vor 1800. Sie sind ein Mix von Rassen aus Chile, Südafrika, Welsh Mountain Ponys, Timor Ponys, spanischen Rassen und Vollblüter. Später wurden Araber eingekreuzt und auch Quarter Horses. Sie sind durch das Klima hier hart im Nehmen geworden. Die Leute brauchten Allroundpferde für die Landwirtschaft aber auch für die Rinderarbeit. Seit den Siebziger Jahren gibt es die “Australian Stockhorse Society” in Sydney, die Pferde der Rasse nach strengen Kriterien in die Zuchtbücher aufnimmt.”

“Ich war zimlich verblüfft, dass sie in fast allen Reitdisziplinen zu finden sind, die man sich vorstellen kann.”

“Wir sind auch verdammt stolz auf sie. Während des Ersten Weltkrieges wurden sie berühmt durch das “Australian Light Horse Regiment”. Sie galt als die beste Kavallerie der Welt denn die Pferde liefen ohne Wasser sogar weiter, schneller und länger, als Wüstenkamele. Die Pferde waren fast verhungert und bekamen oft nur alle 36 Stunden Wasser. In der Schlacht von Beerscheba liefen sie sogar 52 Stunden ohne Wasser. Die große Mehrzahl überlebte das.”

“Weißt Du wie viele im ersten Weltkrieg waren?”

“Ich habe mal gelesen, dass über 100.000 in den Nahen Osten geschickt wurden und nur eines zurückkehrte. Viele australische Soldaten erschossen ihren besten Freund lieber, anstatt ihn einem miserablen Schicksal und Tod zu überlassen.”

Ich betrachtete die Pferde um mich herum mit noch mehr Respekt, obwohl ich schon gesehen hatte, mit welcher Ruhe sie ihre Arbeit machten. Ich hatte sie routiniert fliegende Galoppwechsel machen und Levaden springen sehen, um die sie jeder Dressurreiter beneidet hätte. Ich wusste, dass fast alle Reitweisen auf die Kavalleriezeit zurück gingen und in Armeen ihren Ursprung hatten. Viele der Sprünge und Figuren, die Dressurpferden beigebracht wurden, waren damals Kampftaktiken, die Fußsoldaten niederreißen und Reiter in bessere Positionen bringen konnten, um mit dem Schwert von oben zuzustechen. Hengste machen die Bewegungen im Kampf mit anderen Hengsten, sogar von Natur aus.

Die Siegerehrung interessierte mich nicht besonders. Ich lies Jack bei Freunden zurück und verbrachte den Rest des Tages damit Fotos zu machen, als Vorlage für Bilder. Ich hatte die Farben bisher nicht angerührt aber sobald wir wieder Zuhause waren, wollte ich anfangen zu malen.  Ich vergass völlig die Zeit und kam zu spät dazu, als schon das Lager abgeschlagen wurde. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich war ja immer noch zum arbeiten hier. Wir kamen am Spätnachmittag auf der Farm an und als wir die Pferde auf der großen Ebene frei gelassen und die Ausrüstung ausgeladen und aufgeräumt hatten, war es dunkel.

Ein großer Mond ging hinter dem gezackten Massiv der Snowys auf. Sein blasses Licht zeichnete die Pferde, die friedlich weideten, als schwarze Umrisse gegen die Hügel. Das Gras glänzte silbrig und die Stämme der Bäume leuchteten geisterhaft weiß. Eine Schnee Eule, die auf einem Ast in einem der Bäume saß, ließ ein weiches “Huhu” hören. Vereinzeltes Muhen schallte durch die Ghost Gums. Ich hörte den Fluss leise plätschern und gurgeln und Kängurus, die am Ufer getrunken hatten, huschten aus dem Schatten des gigantischen alten Eukalyptus, dessen Rinde sich in langen Streifen abschälte und seine Form in der Dunkelheit fast auflöste.

Der Wind war warm und roch nach Eukalyptusblättern,  Sattelleder und Kuhdung. Ich liebte diese nächtliche Zeit in den Bergen, wenn die Dämmerung  langsam mit der Nacht verschwamm. Das Leben schien dann weniger kompliziert zu sein, auf das Essenzielle reduziert. Ich wollte den Moment ein wenig festhalten in dem das Gedankenkarussel mal anhielt, die reale Welt mit der Sonne versank und es keine Entscheidungen zu treffen gab. Von “im Moment sein”  hatte ich damals noch nichts gehört aber das waren die Augenblicke in denen ich das wohl schaffte.

Die Fliegengitter Tür schwang auf und der Zauber war gebrochen. Jack setzte sich zu mir und reichte mir ein Becher Milo. Ich begriff das Zeug nicht. Es war eine Art Kakao Pulver, weigerte sich standhaft in kalter oder heißer Milch aufgelöst zu werden und schmeckte wie gemahlene, zusammengeklumpte Pappe. Aber aus einem offenbar sadomasochistischen Zug heraus, hatte ich mich daran gewöhnt. Genauso wie an die Ugg Boots, die ich anfänglich häßlich fand, die mir aber in den kalten Nächten sehr ans Herz gewachsen waren. Aber nicht annähernd so sehr, wie mir das mit Jack ging. Und das wurde langsam schwierig für mich…