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DO SOMETHING ELSE

36/ Suizid gefährdete Kängurus

By 24. June 20176 Australien

„Du hast ein Gesicht für´s Radio.“

Der Kameramann, der den Werbespot für einen Wurstwaren Hersteller drehen sollt, hatte eine bemerkenswerte Art sich beliebt zu machen. Wenn ich ihn mir so betrachtete, tippte ich auf Neid. Das dem Hauptdarsteller zu sagen, der gleich mit einem sehr großen Pferd und einer Viehpeitsche einen Steilhang herunter auf ihn zu rasen würde, war jedenfalls mutig. Jack nahm es mit Humor. Das Kamerateam war am Mittag angekommen um das beste Licht zu erwischen. Jack hatte ihnen den Steilhang gezeigt und sie waren begeistert. Ich hatte den ebenfalls gesehen und zwar von oben. Der Blick hinunter war beängstigend.

„Willst du da wirklich runter galoppieren?“ Fragte ich ihn entsetzt.

„Cesar ist trittsicher. Und sie zahlen gut.“ Er grinste. „Mehr Sorgen mache ich mir um die Peitsche. Ich habe wenig Platz um sie knallen zu lassen.“

„Tu einfach so, wenn es nicht geht. Sie können das nach vertonen. Sie schneiden die Einstellungen und den Ton ohnehin erst später“ sagte ich mit einem kurzen Rückfall in meinen Job als Kommunikationsdesignerin.

Jack erhielt letzte Anweisungen und ritt auf der anderen Seite den Hang hinauf. Als er oben auftauchte, brüllte der Kameramann „ Action“ und Jack stürzte sich mit Cesar ohne zu zögern den Hang hinab. Erde spritzte auf und Steine flogen in alle Richtungen. Der Mantel flog hinter ihm her und die Peitsche knallte laut. Jack lehnte sich im Sattel weit zurück, trotzdem sah es beängstigende Sekunden lang so aus, als würden sich die beiden jeden Moment überschlagen. Cesar schlidderte den letzen Teil mehr als er lief, fing sich jedoch wieder als sie auf ebener Fläche ankamen und lies sich auch von dem nachrutschenden Geröll nicht irritieren. Es hatte genauso ausgesehen, wie die Szene im Film. Trotzdem scheuchte der Regisseur die beiden noch drei Mal nach oben, um sicher zu sein, die beste Einstellung zu haben.

„Das Pferd wird müde“ sagte Jack nach dem dritten Mal.

Auf mich wirkte Cesar eher sauer. Es war kein so großer Spaß für ihn, mehrmals einen Steilhang hinab zu donnern und wieder hoch zu laufen. Er fragte sich wohl zu Recht, was der Schwachsinn sollte. Ich machte mir Sorgen um Jack, von dem ich wusste, dass er keine Krankenversicherung und bereits einen angebrochenen Wirbel vom Rodeo reiten hatte. Und je müder das Pferd wurde, desto höher wurde die Gefahr, dass er stürzte. Gott sei Dank kamen sie aber zu dem Schluss, genug Material im Kasten zu haben. Der Kunde, vertreten durch einen Jüngling aus Sydney, der in Slacks und Poloshirt wirkte wie ein Pudel, der sich in die Wildnis verirrt hatte, war begeistert. Es war ganz amüsant zu beobachten, wie sich die Männer aus der Stadt ein wenig mehr aufplusterten, wenn sie Cowboys begegneten. Es hatte etwas Rührendes. Von Jack selbst, war am Ende im Spot kaum etwas zu sehen aber die Szene war beeindruckend. Wir lachten uns jede Mal kaputt, wenn wir ihn im Fernsehen sahen.

Ein paar Tage später war ich mit Judy in den Ort gefahren um einzukaufen für den nächsten Ritt. Wir schleppten tütenweise das Essen zum Auto und hielten danach am Zeitungsladen, der auch Leinwände und Acryl Farben und Pinsel führte. Ich kaufte alle Grundfarben und einige Tuben mit solchen, die schwer oder unmöglich zu mischen waren, und einige Leinwände. Einkäufe waren immer eine etwas langwierige Angelegenheit in einem ländlichen Ort, da hier praktisch jeder jeden kannte und Joanna des öfteren stehen blieb, um den neuesten Tratsch auszutauschen. Ich wurde immer sehr neugierig beäugt und gefragt, wie es mir gefiele in den Bergen.

„Ich liebe es“ antwortete ich jedes Mal wahrheitsgemäß und mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das ich wohl meist zur Schau trug, da mich Ned statt „Gorgeous“ oder neuerdings immer öfter „Miss Happiness“ nannte. So verrückt es klingt. Manchmal war mein altes Leben nur eine blasse Erinnerung und ich konnte kaum glauben, dass der Alltag in Deutschland  genau zum selben Zeitpunkt weiter lief. Nur ohne mich. Und jedesmal wallte ein unendliches Gefühl der Dankbarkeit auf, an diesem Ort gelandet zu sein. Aber immer öfter auch begleitet von der leisen Angst, die flüsterte: „Aber was passiert, wenn du das alles wieder verlierst?“

„Was wirst du malen?“ fragte mich Joanna, als wir durch die sengende Mittagshitze zum Auto liefen, aus dem uns noch heißere Hitzewolken entgegen waberten. Der Sommer war in den Bergen angekommen, auch wenn es nachts noch oft kalt wurde. Es wunderte mich nicht mehr, dass hier fast alle weiße Autos fuhren.

„Ich weiß es noch nicht. Ich werde mich vom „Man from Snowy River Festival“ inspirieren lassen.”

Das Festival würde in einigen Tagen statt finden und feierte die Geschichte von Jack Riley, einem Stockman aus Corryong, der der einzige Cowboy gewesen war, der einen entlaufenen Hengst aus einer Herde Mustangs hatte aus den Bergen, zurück bringen können. Banjo Patterson hatte ihn in einem berühmten Gedicht verewigt. Ob er als Vorbild wirklich Riley genommen hatte oder das Gedicht auf mehreren Personen beruhte, denen der Dichter begegnet war, blieb umstritten.

Es war dämmrig geworden, als wir zurück zur Farm fuhren. Der Toyota war ein normales Auto ohne Bull Bar und Joanne fuhr auch ohne Vierrad Antrieb ziemlich rasant, was einem Wallaby zum Verhängnis wurde. Geblendet vom Licht, stürzte es sich mit einigen anderen direkt vor das Auto. Intelligent waren die Tiere leider nicht. Es gab einen riesigen Schlag. Das Auto schlingerte kurz auf dem Geröll, bis wir zum stehen kamen. Wir schauten uns betroffen an und Joanne fluchte leise vor sich hin. Sie liebte Tiere über alles.

„Schau nach ob es noch lebt“ sagte Joanne. Ich war schon dabei auszusteigen und warf einen kurzen Blick auf die Front des Autos. Das Scheinwerferglas war zerbrochen und Kotflügel und Stoßstange hatte eine ordentliche Delle.

Langsam ging ich auf das Tier zu und hoffte, dass es – falls es noch lebte – die Augen geschlossen hatte. Es lag auf der Seite, die langen Läufe und der Schwanz ausgestreckt. Es rührte sich nicht aber ich sah den Herzschlag. Das Blut. Und hörte leises Fiepen. Es war als nicht tot. Mir zog es das Herz zusammen und ich rannte zurück zum Auto.

„Es lebt noch“ rief ich mit zittriger Stimme Joanne zu. „Du musst es töten, es hat sicher Schmerzen.“

„Ich kann das nicht machen.“

„Meinst du ich? Du bist hier aufgewachsen. Ich komme aus der Stadt. Ich habe noch nie etwas getötet.“

„Ich kann kein Tier töten. Ich rette sie nur“, gab Joanne durchs Autofenster zurück und mied meinen Blick.

„Und was machen wir jetzt? Wir können es doch nicht leiden lassen.“

“ich kann es nicht” sagte sie stur.

Mir wurde klar, dass sie das Tier lieber liegen und leiden lies als es umzubringen.  Sie konnte es wirklich nicht. Ich hingegen würde den Gedanken nicht ertragen können, dass das Tier noch Stunden litt, weil ich nicht den Arsch in der Hose gehabt hatte, es zu erlösen.

Ich holte tief Luft. „Ich gehe einen Knüppel suchen,“ sagte ich und lief ein Stück in den dämmrigen Busch hinein. Was jetzt noch fehlte, war, dass mich eine Schlange biss und ich neben dem Wallaby verenden würde, weil Joanne eventuell auch mit solch einem Notfall überfordert war. Einen dicken Ast fand ich nicht aber einen Fels Brocken. Ich wuchtete ihn vom Boden hoch, ging zu dem immer noch wimmernden Tier, drehte den Kopf zur Seite und zerschmetterte ihm den Schädel. Ich ließ zitternd den Stein fallen, vergewisserte mich dass es wirklich tot war und stieg ins Auto.

“Danke” sagte Joanne.

Wir fuhren schweigend weiter. Es war noch dunkler geworden. Wir waren keine zehn Minuten unterwegs als uns ein Känguru vor das Auto lief und in den zerbeulten Kotflügel krachte.

„Scheiße“, brüllte ich und Joanne hielt an.

„Das glaube ich nicht“, seufzte sie.

Ich stieg kommentarlos aus und ging zu dem Tier, das noch lebte. Ich suchte erneut nach einem Felsbrocken und fand in der einbrechenden Dunkelheit keinen. Verdammt. Ich konnte es schlecht erwürgen. Ich sah mich ratlos um. Dann ging ich zum Kofferraum und wühlte darin herum. Und fand einen Radschlüssel aus Stahl. Ich weiß nicht ob Sie schon mal versucht haben, etwas mit einem Radschlüssel zu töten, aber es ist weder einfach noch unblutig. Ich hoffte, dass es nach dem ersten Schlag schon tot war, schlug aber sicherheitshalber noch drei mal zu und musste mich sehr zusammenreißen um nicht in Tränen auszubrechen als ich wieder einstieg.

Ich dachte daran, dass ich gehofft hatte, das Tier würde mich nicht ansehen.Was sind wir Menschen doch für eiskalte Pharisäer. Unsere Wurst oder unser Steak aus Massentierhaltung essen wir gerne, obwohl auch diese Tiere oft unerträgliche Schmerzen leiden, bevor sie endlich sterben dürfen. Aber die haben uns ja nicht in die Augen geschaut. Müssten wir sie selbst töten und ihnen dabei in die Seele schauen, würde unser Fleischkonsum vermutlich rasant sinken. Jetzt, da ich dieses Buch schreibe, esse ich aus dem Grund tatsächlich so gut wie gar kein Fleisch mehr.

Auf der Farm lief ich zu meinem Zimmer und begegnete Jack auf dem Flur, dem ich berichtete, was vorgefallen war. Er verstand meine Aufregung nicht ganz und meinte nur: „Nimm in Zukunft ein Messer mit, dann kannst du ihnen die Kehle durchschneiden. Und zieh dir was anderes an. Du bist von oben bis unten mit Blut bespritzt, das kriegst du sonst nicht mehr raus.“

Der Mann war manchmal ein Ausbund an Empathie. Der Spiegel im Flur bestätigte mir, dass ich aussah wie Chucky die Mörderpuppe, nach einem Exzess.

Ich rannte Richtung Dusche und hörte Jack noch rufen:

„Ich hole Morgen Lily ab.“

Das hatte ich ganz vergessen. Ich war gespannt darauf Jacks Tochter kennen zu lernen …