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DO SOMETHING ELSE

35/ High Country

By 1. May 20176 Australien

Ich hörte Jack vor dem Zelt mit jemandem reden. Durch den Spalt wehte ein eiskalter Luftzug und lies von der Hitze am Mittag noch nichts ahnen. Es musste drei oder vier Uhr am Morgen sein. Sogar die Kookaburras hielten noch den Schnabel.

„Was ist los?“

„Ein Brumbie Hengst ist ins Lager gekommen und versucht Stuten zu stehlen. Verflucht wo ist mein Hut?“

Er zog sich schnell an und rannte nach draußen.

Ich grinste in mich rein. Die Welt konnte untergehen aber ohne Hut würde dem kein Cowboy entgegen treten.

Wir hatten Wallache und so war ich mir zimlich sicher, später noch ein Pferd zum reiten zu haben. Ich warf mir etwas über und spähte selbst nach draußen. Der Mond war fast völlig von den Laubkronen der Bäume verdeckt und ich sah nur schemenhafte Umrisse, die in graublaue Schatten getaucht waren. Das Lager war in Aufruhr. Laute Stimmen riefen und Pferde stampften umruhig und wiehrten. Zwischen den hohen Bäumen schoss plötzlich ein schwarzes Geisterpferd hindurch, das von sehr lebendigen Männern mit Taschenlampen verfolgt wurde. Es verschwand im Busch. Alleine. Wäre er früher in der Nacht gekommen, hätte er vielleicht mehr Erfolg gehabt. Viele der Pferde waren nur mit Stricken an langen Seilen angebunden, die zwischen den Bäumen gespannt waren. Zwei, drei panische Pferde, zerrissen sie mit Leichtigkeit. Aber der Hengst verschwand ohne Beute zu machen.

Jack kam zurück und kroch zurück in den Schlafsack.

„Brrr, bist du kalt. Der war ja dreist. Passiert das öfter?“

„Ja, es sind Junghengste, die es nicht schaffen einem alten Hengst die ganze Herde abzujagen, denn dafür müssen sie kämpfen. Solange der Alte stark genug ist, haben sie keine Chance. Also ist es einfacher, so an Stuten zu kommen. Und manchmal gelingt es ihnen. Dreistigkeit siegt eben.“ Ich sah ihn nicht aber wusste dass er lächelte.

„So so, Dreistigkeit…, nur musstest du mich niemandem abjagen. Ab wann hattest du denn die Idee, dass wir in einem B… Swag landen könnten?“

„In dem Moment, als ich dich sah. Aber Hals über Kopf hätte es viel weniger Spaß gemacht. Ab wann wusstest du es?“

„Nach drei Tagen.“

„Du lügst.“

„Stimmt.“ Ich lachte.

Wir schafften es noch etwas Schlaf zu bekommen. Ich wunderte mich, dass ich überhaupt schlafen konnte, mit jemandem neben mir, in den ich fast verkotet war, weil auch ein Doppel Swag nur minimalen Raum bot. Jack war am Morgen längst vor mir auf, um die Pferde zu versorgen und ich wappnete mich dafür, mir beim Frühstück anzügliche Bemerkungen anzuhören. Es blieb aber erstaunlich ruhig und ich war froh darüber. Wir saßen praktisch unter dem Mikroskop, weil wir ständig Menschen um uns herum hatten. Der Ritt nach Quenbeayan dauerte mehrere Tage und die Gruppe war auf über hundert Pferde angewachsen. In den Straßen des Ortes würden bis zu Tausend dazu kommen. Reporter begleiteten den Treck und Will, der die „Bush Users Group“ gegründet hatte, gab Interviews. Die Vertreter des Nat. Park Service kamen zu Wort und viele andere Stockmen, die mit ritten. Die Gespräche an den Lagerfeuern, drehten sich vor allem um dieses Thema.

„Ich verstehe beide Seiten,“ sagte ich zu Will. „Ihr wollt eure Geschichte bewahren und die Legende vom „Man of Snowy River“. Die Park Verwaltung will die Schäden minimieren, die Radfahrer, Wanderer und Reiter anrichten und den Park möglichst ursprünglich erhalten. Und die Rinder rauszuwerfen, hatte sicher den Grund, dass andere Pflanzenarten eingeschleppt wurden und die Hufe den Boden verdichten. Oder nicht?“

Ein ältere Mann mischte sich ein. „Das stimmt schon. Aber den Park sich selbst zu überlassen, ist fast unmöglich. Das Gleichgewicht ist ja schon lange zerstört. Fremde Pflanzen sind schon lange ein Problem. Solange wir „Grazer“ mit unseren Rindern im Park waren, gab es wenig Buschfeuer. Es gibt Wildschweine, deren Bestand außer Kontolle ist und Wildhunde, die die Tiere getötet haben, die früher das Gras kurz gehalten haben.

Jack, der neues Holz auf die prasselnden Flammen gelegt hatte, fügte hinzu: „Die Folgen haben die verheerenden Waldbrände Anfang des Jahres gezeigt.“

„Wir hatten selbst noch Glück, dass wir nicht alles verloren haben. Der Wind drehte rechtzeitig.“ sagte Will.

„Hättet ihr nicht Wasser aus dem Fluss zum löschen pumpen können?“

Er zog ein Bild aus seiner Brieftasche und hielt es mir hin. ich erkannte, wie naiv meine Frage war. Im Vordergrund war die Farm zu erkennen und dahinter auf dem Hügel, eine gigantische Feuerwand, die mehr als  doppelt so hoch war wie das Haus. Es sah aus wie Dantes Inferno. Allenfalls die Niagara Fälle hätten das gelöscht.

„Mein Gott.“

„Ja, die Flammen hatten plötzlich enorm viel Nahrung, dazu kam die Dürre. Die Tiere konnten gar nicht so schnell fliehen, wie sich die Flammen ausbreiteten. Und all das, was jetzt herum liegt, wird Nahrung für die nächsten großen Feuer sein. Aber das glauben sie uns nicht. Lieber werfen sie uns raus.“

„Ihr könnt aber immer noch in 40 {67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a} des Parks reiten, so wie ich das verstanden habe.“

„Auf dem Papier,“ sagte eine Frau, die Eva hieß. „Genau genommen sind es nur 10 {67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a}. Entweder wegen unwegsamen Terrains oder weil wir geschützte Gebiete durchqueren müssten, was aber verboten ist. Es ist Augenwischerei. Es wäre sinnvoller, die Menschen auf den kompletten Park zu verteilen, dann hätte man weniger Schäden, als wenn man alle auf ein kleines Gebiet zusammen pfercht.“

„Und wenn es dann dort wirklich sichtbar wird, haben sie einen Grund uns endgültig rauszuwerfen. Es ist wichtig den Park zu managen. Aber er ist nun mal auch für die da, die hier leben. Es ist unsere Geschichte, die verloren geht,” sagte Will.

Bevor ich diese Menschen kannte, wäre ich komplett auf der Seite der Parkverwaltung und der Umweltschützer gewesen. Aber ich begann die Situation mit den Herzen der Stockmen und ihren Familien zu sehen, deren Vorfahren den harten Lebensbedingungen in den Bergen getrotzt hatten. Lange bevor das Land zum National Park erklärt wurden, waren sie hier gewesen. Sie hatten zwar die Balance gestört aber sich auch darum gekümmert. Sie betrachteten es als das ihre. Ich konnte verstehen, dass sie es haßten, dass andere plötzlich über ihr Schicksal bestimmten. Ich verliebte mich nicht nur langsam in die Berge und das das Land, sondern auch in die Freiheit, die es hier noch gab und die ich so nicht kannte.

Wir verbrachten weiter sechs bis sieben Stunden pro Tag im Sattel. Abends war ich oft zu erschöpft vom Tag in der Sonne und der körperlichen Anstrengung, dass Jack und ich kaum redeten, wenn wir im Zelt lagen. Ich glaube wir hatten beide das Gefühl, dass es nicht nötig war. Wir teilten gemeinsam schöne Erlebnisse und waren zusammen. Das war genug.

Als wir eine Hochebene durchritten, entdeckten Jack und einer seiner Freunde, Trev, eine Rotte Wildschweine auf einem der gegenüberliegenden Hügel.

„Mistviecher, gegen die macht keiner was.“

„Du kannst sie ja zusammentreiben und einfangen,“ veräppelte ich ihn.

„Soll ich eines für dich fangen?“

„Das will ich sehen.“ Ich hatte das als Witz gemeint.

Ich hatte den Satz kaum draußen, als die Beiden einen Blick tauschten und im gestreckten Galopp auf die Rotte zu hielten. Jack lenkte Loco neben eines der borstigen, fast schwarzen Tiere und schnitt es von den anderen ab. Er hing für einen Moment neben seinem Pferd und warf sich dann auf den Rücken des Schweins, das ein lautes, erschrockenes Quieken von sich gab. Loco blieb ein paar meter weiter mit schleifenden Zügeln stehen. Beide verschwanden in einer Staubwolke.  Aus der Jack plötzlich grinsend auftauchte und ein verwirrtes Schwein davon schoss. Loco war ein paar Meter weiter, mit schleifenden Zügeln stehen geblieben.

Kurz darauf kamen sie Staub bedeckt aber fröhlich grinsend zurück geritten.

„Du hast sie nicht alle,“ meinte ich lachend zu Jack, der stolz grinste.

„Unterschätze mich nicht, wenn du etwas zu mir sagst.“

Am letzen Tag begegneten wir in einem dicht bewachsenen Waldgebiet, einer Gruppe Männern. Alle trugen Drizabone Mäntel und saßen auf wunderschönen Stockhorses. Und alle hatten Lassos dabei. Ned ritt zu ihnen hinüber und unterhielt sich mit ihnen. Sie sahen aus, wie aus einem alten Westernfilm.

„Sie fangen Brumbies,“ sagte Ned, als er zurück kam.

„Ist das nicht verboten?“

„In diesem Teil des Parkes gibt es noch keine Kameras.“ Er grinste.

Die Leute hier oben hatten ihren Eigensinn offenbar noch nicht verloren.

Abends am Lagerfeuer fragte ich Jack, was er in Zukunft vor hatte. Momentan arbeitete er für seinen Vater und nahm Gelegenheitsjobs an. Für das Geschäft sah die Entwicklung allerdings meinem Empfinden nach nicht rosig aus.

„Ich weiß es noch nicht. Die Ritte werden weiter gehen, auch mit beschränktem Zugang zum Park. Aber sie werfen nicht genug ab. Will bekommt die Pension aus seinen Zeiten als Politiker, deswegen geht es. Es sind vor allem die Versicherungen und die Versorgungsfahrzeuge, die viel Geld fressen.

„Also willst du es gar nicht weiter machen?“

„Glaubst du der alte Mann hört so schnell auf? Außerdem liebt er es vor den Touristen die Show zu machen. Ich habe lieber meine Ruhe. Ich will Pferde trainieren und vielleicht irgendwann zur Polizei, wie meine Schwester. Ich weiß es noch nicht. Ichbin ja grade erst…“ Er schwieg.

Der rote Schein des Feuers zeichnete unruhige Schatten auf sein Gesicht, als er in der Glut stocherte. Es schien seine innere Unruhe zu spiegeln und ich fühlte, dass er plötzlich weit weg von mir war. Ich hatte mich in etwas hinein begeben, von dem ich merkte, dass es mir immer mehr zu bedeuten begann. Von dem ich geglaubt hatte, dass es ohnehin nicht für mich bestimmt war. Die Sache mit Jack hatte alles verändert. Ich fühlte aber auch, dass ich auf schwankendem Boden stand. Und es machte mich unsicher. Ich verdrängte das Gefühl sofort wieder. Damals wusste ich noch nicht, dass wir das anziehen, was wir denken; wir unsere Realität mit unseren Gedanken schaffen. Ich wollte mir trotzdem instinktiv nicht das Schöne, das wir gerade hatten, zerstören. Aber das ist schon nicht einfach, selbst, wenn man es weiß.

Am letzen Tag ritten wir über die Hauptstraße in die Stadt ein und hunderte von Reitern, die den Ritt nicht mitgemacht hatten, reihten sich dort ein. Es war ein kleines Volksfest und Kinder standen mit ihren Müttern am Straßenrand und winkten. Es war ein beeindruckendes Bild. Und eines, das vermutlich so, nie wieder jemand sehen würde. Ich war mir sicher, dass die Stockmen den ungleichen Kampf verlieren würden. Aber ganz aus den Bergen würden sie nie verschwinden. „Das einzig Beständige ist die Veränderung.“ Den Satz kannte ich damals noch nicht. Er ist ein Naturgesetz. Es ist nur manchmal sehr schwer, sich damit abzufinden, dass man Veränderung nicht aufhalten kann.

Mir fiel die Ironie damals nicht auf, aber die Legende des „Man from Snowy River“,  musste in der folgenden Woche für einen Werbespot für Wurst herhalten, in dem Jack die Hauptrolle spielte…

Protest-Ride-Canberra