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DO SOMETHING ELSE

34/ Busch Romantik mit Dixie Klo

By 16. April 20176 Australien

Nach dem Ritt waren wir zu einer Veranstaltung im Ort unterwegs. Ein Freund der Familie hatte Geburtstag und das halbe Dorf war eingeladen. Nach ewigen Zeiten in Jeans, zog ich eines der Kleider an, die ich aus einer Laune heraus gekauft hatte und hohe Schuhe. Ich war ein wenig overdressed aber es war mir egal, weil Jack mich anstarrte wie eine Erscheinung, als ich aus dem Zimmer kam.

„Wow.“ Beautiful, ich habe dich noch nie in einem Kleid gesehen. Das kannst du ab jetzt anlassen.“

„Zum Zäune ziehen aber ungeeignet.“

„Richtig. Hab ich an lassen gesagt? Ausziehen wäre eine andere Option.“

Ich lachte. Er trat neben mich. „Über die hohen Schuhe reden wir noch.“

„Dein Ego ist groß genug, um die auszugleichen.“

„Im Liegen gleicht sich ohnehin alles aus.“

Das war das erste mal, dass mir spontan keine Erwiderung einfiel und ich ärgerte mich, dass er es geschafft hatte, mich so aus dem Konzept zu bringen. Und er wusste es.

„Lass uns gehen bevor dein Hirn explodiert“,  grinste er auch prompt. „Ich kann dich denken hören.“

Es war ein Dorffest, wie man sich das so vorstellt. Mit langer, einfach gedeckter Tafel, bunten Girlanden, einer improvisierten Bühne und etwas blechern klingenden Boxen und der ungemütlichen Beleuchtung einer Bahnhofswartehalle.  Die Band spielte Country Musik und leider sang eine wenig talentierte Frau, die sich aber bald – Gott sei Dank – von der Musikanlage ablösen lies. Die Kinder rannten bald kreischend um die Tische, so dass die Gläser umfielen. Die Frauen hatten irgendwann die etwas unmodernen hohen Schuhe, an die sie wenig gewöhnt waren, unter den Tischen ausgezogen und waren dabei die Tupperwaren wieder einzusammeln, während ein paar der Jüngeren, versuchten widerstrebende Männer auf die Tanzfläche zu ziehen, die schon leicht angetrunken auf den Stühlen hingen. Ich lernte viele Leute kennen und es war ein netter Abend aber mich beschlichen zum ersten Mal Zweifel, ob ich mich ewig über Pferde, Wildschweinjagd, Football, Kinder, Dorfklatsch und  Rinderpreise unterhalten könnte. Hier ging es meist um die einfacheren Dinge des Lebens.

Am nächsten Tag packten wir Pferde und Ausrüstung auf den Wagen und fuhren – ein Portaloo (Dixieklo) hinter uns her ziehend – zu dem Event. Das leider nicht wirklich in dem Zustand ankam, wie es sollte.

„Wieso nehmen wir das Ding überhaupt mit?“

„Weil da so viele Leute kommen werden, dass die festen Toiletten nicht ausreichen.

„Solltest du mit dem Ding offroad so schnell fahren?“

Ich warf einen Blick in den Rückspiegel und sah, wie das Dixieklo gefährlich hinter uns her schlingerte.

„Mir wäre das wirklich etwas peinlich, wenn wir da ankommen, sich das Ding losreißt und wir von einem Klohäuschen überholt werden, das ins Camp rast.“ Die Vorstellung war zu viel und wir lachten Tränen, bis wir fast da waren.

„Weißt du, was ich toll an dir finde?“

„Dass ich hübsch, sexy, intelligent und witzig bin und beim Campdraften deine Pferde ruiniere?“

„Wegen der Aufzählung am Anfang, toleriere ich Letzteres.“ Er lachte. „Nein, es ist entspannt mit dir. Man kann mit dir Lachen und Spaß haben aber genauso gut Schweigen, ohne dass es komisch ist.“

„Ich weiß was du meinst. Viele  Menschen glauben sie müssten was sagen, wenn mal keiner was sagt. Oder man hat selbst das Gefühl reden zu müssen, weil da sonst eine Spannung in der Luft hängt. Mit dir habe ich das auch nicht.”

“Mal sehen, wie lange du still bist.”

“Ob du es glaubst oder nicht, ich bin eher ruhig und gerne für mich. Ich rede nur viel wenn mich etwas sehr interessiert oder ich Menschen neu kennen lerne und neugierig bin, wenn ich sie mag. Bei dir trifft beides zu.” Wir lächelten uns an.

Und ließen das Reden bleiben. Bis wir kurz vor dem Camp waren.

„Ich bin dafür, das Klo zu parken, bevor wir im Camp auflaufen. Ich bin noch nie mit einem Dixiklo irgendwo vorgefahren.“

Das sah Jack genau so. Will hatte uns schon von weitem gesehen, half uns das Ding abzukoppeln und warf einen Blick hinein.

„Verdammte Scheiße“ brüllte er los. (im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich zeigte). „Ich hab dir doch gesagt du sollst das Ding vorher ausleeren. Du musst wie ein Wahnsinniger gefahren sein.“

Ich öffnete vorsichtig die Tür, spähte hinein und warf sie angeekelt wieder zu.

„Ich hab´s  ja gleich gesagt.“

„Du könntest…“ fing Jack an.

„Mir ein Bier holen gehen. Genau. Viel Spaß mit dem Klo.“

Ich weiß nicht was er damit anstellte aber ich machte mich schnellstens aus dem Staub, um den Truck zu entladen und unser Camp aufzubauen.  Er kam dazu.

„Wir haben noch Zeit bevor es hier richtig los geht. Hast du Lust in die Berge zu reiten?“

Hatte ich. Wir sattelten die Pferde, packten Snacks in die Satteltaschen und banden die Mäntel hinter die Sättel.

Es ging einen schmalen Pfad durch den Wald steil bergauf, bevor wir eine Ebene erreichten und wir wieder nebeneinander reiten konnten.

Wir sprachen nicht viel, sahen uns aber immer wieder von der Seite an, wenn wir dachten, der andere würde es nicht merken. Mir fiel wieder der Spruch ein, den jemand auf dem letzten Ritt über ihn gesagt hatte.

„You can take the boy out of the country, but not the country out of the boy.“

Er sah so glücklich aus, wie ich ihn seit langem nicht gesehen hatte. Er gehörte hier her, in die riesigen windgepeitschten Ebenen und in die raue Natur. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er je in der Stadt gelebt hatte.

Wir hatten ein felsiges Hochplateau erreicht, von wo aus man einen Blick über das weite Land hatte, das in verwaschenen Pastellfarben vor uns lag und aussah, wie mit schnellen Farbtupfern und Pinselstrichen gemalt. Der Buschwald erstreckte sich kilometerweit und lief in grasbewachsenen Ebenen aus, die durchzogen waren von Schilf umsäumten Wasserläufen und glitzernden Seen. Der Anblick war atemberaubend und ging mir direkt ins Herz, das sich anfühlte, als würde es plötzlich kräftiger und lauter schlagen. Wir banden die Pferde an Bäume, lockerten die Gurte und kletterten auf einen der großen grauen Felsen, die den Steilhang begrenzten und setzten uns.

„Es ist wunderschön, Jack.“

„Ich war viel zu lange weg. Ich habe den Frieden hier vermisst. Hier kann man einfach fühlen, was wirklich wichtig ist. Alles andere fällt irgendwie ab.“

„Mir geht es ähnlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass man hier für ein paar Stunden vergessen kann, wie verrückt draußen die Welt ist, mit Krieg, Hunger, Hass, Gewalt und Problemen.“

Er schaute still auf die Landschaft und ich wusste, an was er dachte. An Lily, die 700 Kilometer weit weg war. Er tat mir schrecklich leid. Ich lies ihn in Ruhe und holte das Essen aus den Packtaschen und setzte mich wieder zu ihm.

Wir aßen eine Weile schweigend und schauten auf die Schönheit unter uns.

„Ich will wieder malen“, platze es plötzlich aus mir heraus. Ich war selbst ganz verblüfft darüber, dass ich das sagte.

„Du kannst malen?“

„Na ja, ich habe es jahrelang nicht mehr gemacht. Und damals war ich ziemlich schlecht. Aber am liebsten würde ich grade zum Pferd  rennen, in den Ort reite und Leinwand und Farben kaufen.“

„Wenn du dich etwas geduldest, gehe ich mit dir Farben kaufen. Ich bin sehr gespannt.“

„Ich auch. Ich weiß gar nicht wirklich wie ich es anfangen soll.“

„Einfach machen, dann wird es schon.“

Wir hatten beide keine Ahnung, dass er da gerade eine fundamentale Weisheit von sich gegeben hatte. Das merke ich jetzt, beim Lesen. Das wichtigste ist bei Allem immer das anfangen. Irgendwie und möglichst schnell, alles andere folgt von selbst. Die meisten Projekte werden nie gemacht. Wir bleiben im Träumen und Planen stecken, aus Angst damit zu scheitern. Dabei scheitert man wenn man den ersten Schritt gar nicht macht.

Nach einer Weile wurde es Zeit zurückzureiten, um das Barbeque nicht zu verpassen. Als wir ins Camp kamen, brannten schon Feuer. Eigentlich waren offenen Feuer wegen der Trockenheit zu dieser Zeit verboten. Aber das scherte die Einheimischen wenig.

Als ich Jack darauf ansprach, meinte er: „Waldbrände verursachen nur dumme Touristen.“

„Wir haben nur ein Zelt.“ bemerkte ich. „Wo schläfst du? Es ist wieder Frost angesagt.“

Er schaute mich mit Leidensmiene an.  „Ich kann unter der Laderampe schlafen. Wenn Dads Schnarchen aus dem Lastwagen nicht zu laut ist.“

„Blöder Trick um auf Mitleid zu hoffen.“

„Nach ein paar Bundys findest du den Trick vielleicht originell.“

„Eher nicht.“

„Aber vielleicht hast du dann Mitleid.“

„Sehe ich wie eine Frau aus, die Mitleid hat?“

„Nein Beautiful. Grade siehst du nur schön aus.“

Der Mann schaffte es jedes Mal wieder mich aus dem Konzept zu bringen.

Das Camp quoll über vor Familien mit ihren Trailern und Pferden. Es gab live Musik, Reden wurden gehalten, eine halbe Rinderherde gegrillt und das Bier und der Bundaberg Rum flossen in Strömen. Ich saß mit Jack und einigen seiner Freunde, die er zum Teil ewig nicht gesehen hatte, um ein kleineres Lagerfeuer herum, an dem  jemand Gitarre spielte. Ich war beim dritten Bundaberg Rum angekommen und öffnete die vierte Dose.

Ich hatte mir damals schon, als ich Jacks Stimme zum ersten Mal am Telefon hörte, gedacht , dass er vermutlich auch gut singen konnte.  Und er konnte es wirklich. Ich weiß nicht mehr was er sang, nur dass ich völlig gefangen war von dem Lied und ihn über das Feuer hinweg anstarrte. Er lies mich ebenfalls nicht aus den Augen.

Als jemand anderes das nächste Lied anstimmte, kam er zu mir herüber und setzte sich neben mich auf den Baumstamm, der vor dem Feuer lag und nahm meine Hand.

„Ist das die vierte oder fünfte Dose?“

„Vierte.“

„Findest du den Trick jetzt origineller?“

„Nein.“

„Funktioniert er trotzdem?“

„Ja.“

Er zog mich hoch und wir stolperten durch die Dunkelheit zu meinem Zelt, das einsam unter Bäumen stand. Ich fiel über zwei Swags auf dem Boden.

„Ah du hast vorgeplant, also war…“

Er schnitt mir mit einem Kuss das Wort ab und ich hielt für eine bemerkenswert lange Zeit den Mund.

Als ich mit weichen Knien nach gefühlten Minuten wieder aus dem Kuss auftauchte, flüsterte ich:

„Also Knutschen kannst du genauso gut wie Singen. Was kannst du noch gut?“

„Ich könnte dir die besten drei Minuten deines Lebens bescheren?“

„Mach zehn daraus und du hast einen Deal.“

Sagen wir es so. Es  wurden deutlich mehr.

Viel Schlaf bekamen wir nicht, was aber auch daran lag, dass am Morgen ein Höllenlärm losbrach, Jack mich von sich schob und aus dem Zelt sah, um zu sehen, was passiert war…

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