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DO SOMETHING ELSE

33/ Brumbies, Blutegel und Film Ruhm

By 15. April 20176 Australien

Jack war neben mich geritten und begann mich über meine Reisen auszufragen und ich erzählte ihm wo ich überall gewesen war.

„Wieso machst du das?“

„Was meinst du? Das Reisen?“

„Ja. Und wieso alleine?“

„Für mich ist eines der wichtigsten Dinge im Leben Freiheit. Das bedeutete es für mich. Wenn ich reise, bestimme ich alleine, was als nächstes passiert, was ich machen will. Ich plane wenig. Am alleine Reisen gefällt mir, dass mir keiner rein quatscht und dass ich wieder zu mir selbst komme. Wenn du jemanden dabei hast, geht das nicht.“

„Hmmm…“

„Wolltest du nie andere Länder sehen?“

„Nein, ich liebe es hier. Ich habe es schon nicht gemocht von der Farm weg zu sein. Was soll es da draußen schon groß geben?“

Ich sah ihn völlig verblüfft an: „Andere Kulturen, Tiere und Pflanzen, die man noch nicht kennt, exotisches Essen, tausend neue Eindrücke, die den eigenen Horizont erweitern, faszinierende Begegnungen mit Menschen, die total verschieden von einem selbst sind und im Herz doch sehr ähnlich, Kunst, Schönheit, wilde Natur, Abenteuer. Tausend Dinge eben.“

„Du bist ziemlich intelligent, ich habe dich vorhin mit meinem Vater über Cäsar und Marc Anton reden hören.“ So richtig glücklich sah er mit der Feststellung nicht aus.

„Ich habe nur eine gesunde Halbbildung, die ausreicht, um auf Partys Leute zu beeindrucken“, lachte ich.

„Ich bin mit Sechzehn von der Schule abgegangen um auf einer Station im Busch zu arbeiten. Ich habe Cäsar nie gelesen.“

Ich ahnte um was es hier ging.

„Ich wünschte, ich hätte es nicht gemusst“, grinste ich. Du bist klug, du hast einen schnellen Witz und bist schlagfertig, genau wie ich, kannst alles was Schrauben und Motoren hat reparieren und hast sehr viel Herz Intelligenz.“

„Herz Intelligenz?“

„Du verstehst intuitiv, wie Menschen ticken aber du nutzt es nicht aus. Es gibt übrigens acht verschiedenen Arten von Intelligenzen. Nur zwei davon werden in der Schule unterrichtet. Du hast auch einige von den anderen. Ich sehe die jedenfalls“

Ich wusste dass er sich über das, was ich gesagt hatte freute, merkte aber auch, dass es ihn noch beschäftigte. Er wusste, dass uns intellektuell eine Kluft trennte. Nicht weil er weniger intelligent war, sondern weil ich mehr Zeit zum Lernen gehabt hatte. Wie groß die war, hatten wir noch nicht heraus gefunden. Bisher hatte uns der Humor und die Anziehung, darüber eine Brücke gebaut. Hinter uns hörten wir plötzlich jemanden schreien. Jack fluchte als er sah, was passiert war. Jan war mit ihrer Stute, die nicht zur Herde gehörte, zu dicht auf ein anderes Pferd auf geritten, das ausgeschlagen hatte und sie am Knie getroffen hatte. Sie saß weinend auf ihrem Pferd. Die Stute, die vorher schon unruhig gewesen war, tänzelte noch mehr hin und her. Es gab keine andere Möglichkeit, Jan hier heraus zu bringen. Sie würde reiten müssen. Aber besser auf einem ruhigeren Pferd.

„Traust du dir zu sie zu reiten?  So wie sie hüpft, sollte man wirklich sattelfest sein. Einem der Gäste kann ich sie nicht geben.“

„Ich kann es versuchen,“ meinte ich und sie bugsierten Jan auf Locos Rücken, während ich auf die hibbelige Stute stieg.

Ich lenkte das nervöse Tier ein wenig von den anderen weg und tat gar nichts. Ich ließ sie einfach machen was sie wollte, solange sie den anderen folgte. Es dauerte keine zwanzig Minuten, da hatte sie sich komplett beruhigt und trabte entspannt und fröhlich den anderen hinterher. Jack schloss zu mir auf.

„Ich habe es ja gesagt. Mit dem Tier ist alles in Ordnung. Mit einem guten Reiter ist sie in ein paar Monaten ein großartiges Pferd. Ich werde versuchen Jan zu überreden, sie hier zu lassen.“

„Für das Pony wäre es definitiv besser,“ stimmte ich zu.

„Wenn sie ja sagt, kannst du sie auf dem Viehtrieb reiten. Dann lernt sie gleich richtig was dazu. Du musst sie auch Morgen reiten, denn meine Stiefkinder kommen. Jo bringt sie ins Camp. Wir haben sonst nicht genug ruhige Pferde.“

„Ich bin gespannt deine Kid´s kennen zu lernen.“

„Willst du eigentlich noch Kinder haben?“ Fragte er mich unvermittelt.

„Überhaupt und generell oder wie ist die Frage gemeint?“

„Nein, ob du in etwa neun Monaten eines willst.“ Er grinste breit.

„Wie wäre es mit etwas Romantik Jack? Du könntest Blumen pflücken. Ich mag Blumen.“

„Ich habe keinen romantischen Knochen im Körper. Aber ich habe dir mein Pferd und meinen Sattel gegeben.“ Sprachs, galoppierte an mir vorbei und lies mich mit dem Gefühl zurück, eine Vollidiotin zu sein.

Mentale Notiz: Der Mann ist ein Sensibelchen und nicht alle Männer schenken Blumen. Manche geben ihre Pferde und Sättel her.

Warum achten wir nicht öfter auf das, was wir bekommen, statt danach zu schauen, was wir haben wollen?  Wir wollen etwas erzwingen und übersehen dabei, was uns jemand freiwillig gibt. Wieso haben wir immer so konkrete Vorstellungen davon, wie uns jemand Zuneigung zeigen muss? Anstatt uns darüber zu freuen, dass wir sie überhaupt bekommen?

Die Lektion lernte ich damals leider nicht gründlich genug.

Paula holte mich ein. Ich hatte mich mit der etwas pummeligen, lebhaften Australierin mit den roten Locken angefreundet, obwohl es mir am Anfang nicht gefallen hatte, wie sie mit ihrem Pferd umgegangen war. Statt zu fragen, was sie tun sollte, hatte sie es nach Dressur Manier – und dem armen Tier ziemlich brutal im Maul zerrend – versucht zur Räson zu bringen. Was überhaupt nicht nötig war. das arme Ding wusste ienfach nicht, was sie von ihm wollte. Ich war zu ihr gegangen und hatte ihr erklärt, dass Trailpferde anders ausgebildet waren und ihr gezeigt, was sie tun musste.  Empathie mit einem Lebewesen sah anders aus.

Sie hatte mich mit einem bösen Blick gemustert, der so schnell vorbeigegangen war, dass ich zweifelte, ihn wirklich gesehen zu haben. Was ich mir nicht eingebildet hatte, war mein Bauchgefühl gewesen, das mich beim ersten Zusammentreffen vor ihr gewarnt hatte. Ich hatte es ignoriert. Ich hätte meinen Alarmglocken besser geglaubt. Aber es sollte noch Jahre dauern, bis ich meinem Bauchgefühl vertraute. Wenn es meldete, dass etwas nicht stimmt, irrte es sich so gut wie nie. Und noch länger dauerte es, bis ich lernte, mir die Zeit zu nehmen weiter zu beobachten und zu überlegen ob und wie ich darauf reagieren wollte. Der Bauch ist vom Kopf nicht zu trennen. Aber wir lernen leider alle, dem Verstand den Vorzug zu geben und verdrängen oft, was wir fühlen. Und so erzählte ich ihr viel von mir und ignorierte ihre teilweise beißende Art, wie sie über andere Menschen sprach und wie sie versuchte, mich mit Witzen gegen Jack aufzubringen. Ich hatte damals noch keine gute Wahrnehmung dafür, wenn Menschen manipulierten, mich benutzten oder Spiele spielten. Ich merkte nur, dass ich mich mit ihr oft nicht wirklich wohl fühlte, konnte aber nicht genau sagen weshalb. Also verdrängte ich die Warnungen, die mir mein Gefühl schickte. Weil sie lustig war, sich mit Jack gut verstand und ich mich selbst für irrational hielt.

 Und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Davon ahnte ich aber zu dem Zeitpunkt nichts und war auch gerade zu sehr damit beschäftigt den Geschichten von Jacks Stieftochter zuzuhören, die auf einem faulen Reitelefanten saß, den ich als Handpferd mitführte. Und der mir regelmäßig versuchte den Arm auszukugeln, weil er nicht einsah neben meinem Pferd zu laufen.

Es war rührend, wie sich Jack um sie und um ihren Bruder kümmerte und es war deutlich zu sehen, wie die beiden an ihm hingen. Ich hatte ihn noch nicht mit Lily erlebt, die für einen Ritt zu klein war und in Sydney geblieben war. Aber sie würde bald zu Besuch kommen.

„Mädchen, du springst auch auf jeden billigen biologischen Trick an, den dir Mutter Natur vor die Füße schmeißt.“ sagte ich mir innerlich. Er funktionierte trotzdem. Ein warmes Gefühl breitete sich jedes Mal im Herz aus, wenn ich ihn mit den Kindern sah und mitbekam, was für ein großartiger Vater er war.

Wir durchritten die letzten Tage unglaublich abwechslungsreichen Landschaften, durchquerten kristallklaren Gebirgsbächen, ritten an Gletscherseen entlang und über windgepeitschten, alpinen Kräuterfeldern und hatten fantastische Ausblicke auf bizarre Landschaften, die durch die Buschbrände entstanden waren. Schwarz verkohlte Baumstämme ragten verbogen in den stahlblauen Himmel und bildeten eine Fantasiewelt, die wirkte, wie von einem anderen Stern. Wir ritten im Schatten riesiger Snow Gum Wälder, sahen Wildschweine, Wallabys und Wombats, Singvögel  und wurden Nachts vom Lärm der Opossums geweckt, die versuchten die Mülltonnen zu räubern. Um dann am Morgen von Schwärmen kreischender Kakadus geweckt zu werden, die einen neugierig von den Ästen herunter musterten, aufgeregt hin und her wippend und damit wirkten, wie eine Punkrockband, mit grellgelben Irokesen auf dem Kopf.

Am letzten Tag hatte eines der Pferde einen aufgescheuerten Widerrist, so dass ich es mit Jack abwechselnd ohne Sattel und nur mit Satteldecke ritt. Was dafür sorgte, dass ich vor lauter Muskelkater im Bauch, zwei Tage kaum ohne Schmerzen atmen konnte. Aber den Gästen hätten wir das kaum zumuten können.

Wir brachten sie alle wohlbehalten und glücklich zur Farm zurück. Für uns war die Arbeit nicht vorbei, denn die Wagen mussten ausgeräumt und die Ausrüstung, die Zelte und Swags gereinigt werden.

Am nächsten Tag packte Jack mich und die Kinder in den Wagen und wir fuhren zu den heißen Quellen der Yarrangobilly Caves und entspannten ein paar Stunden im warmen Wasser in wunderschöner Natur. Ich entdeckte auf der Rückfahrt eine Golftasche mit Schlägern auf dem Rücksitz, die mir vorher nicht aufgefallen war.

„Du spielst Golf?“ Ich wusste, dass meine Stimme in etwa so ungläubig klang, als hätte ich gerade entdeckt, er würde nackt, außer mit einem rosa Tütü bekleidet und Elfenflügeln auf einem gelben Elefanten Rodeo reiten.

„Ja, wieso?“

„In Deutschland ist das ein Sport für Reiche.“

„Hier spielt das jeder.“

Als wir wieder an der Farm ankamen, packte er die Schläger aus und schlug ein paar Bälle auf der Wiese vor dem Haus. Es hatte etwas tendenziell Unwirkliches, ihn in voller Cowboymontur Abschläge üben zu sehen. Ich brachte die Kinder ins Haus zu Jo, die ihnen so viel Essen auf den Teller häufte, als seien sie drei Tage durch die Wüste gekrochen. Durch das Fenster sah ich Jack telefonieren. Ich wusste, mit wem er redetet. Er war offensichtlich wütend und lief in langen Schritten am Plateau entlang und dann Richtung Hütte, wo das Brennholz lagerte. Ich nahm zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank und ging ihm nach. Er saß auf einem der Hackklötze und hatte den Kopf gesenkt. Ich zog die Axt aus dem anderen und setzte mich neben ihn. Ich reichte ihm ein Bier und wir starrten beide eine Weile auf unsere Stiefelspitzen, bevor er etwas sagte.

„Ich kann einfach nicht mit ihr reden. Egal was ich sage, sie wird wütend.“

„Wie soll sie denn reagieren?“

„Ruhig und vernünftig. Frauen brauchen sich nicht wundern, wenn ein Mann sich nicht meldet. Wir haben einfach zu oft Frauen erlebt, die ausrasten, Vorwürfe machen, total emotional werden. Ich schreibe fast nur noch SMS.“

„Das Ganze ist doch auch sehr emotional. Ich weiß, dass du sehr gute Gründe hattest zu gehen. Aber du hast die Beziehung abgebrochen und bist weggegangen. Und sie weiß, dass sie Fehler gemacht hat. Das macht es aber noch schlimmer für sie. Und wenn Gefühle oder auch nur das Ego verletzt werden, schlägt man oft um sich.

„Ich habe Angst, dass sie mir die Kinder weg nimmt.“

„Genau deshalb versuch es weiter, möglichst ohne zurück zu hauen. Ich will dir keine Ratschläge geben, aber auch wenn ihr wütend miteinander redet, ist es noch eine emotionale Verbindung. Die braucht ihr als Eltern noch wegen der Kinder. Mit SMS ist die nicht mehr da. Ruf lieber weiter an.“

„Ich hasse das. Was findest du am schlimmsten?“

„Nach Trennungen oder in Beziehungen?“

„Beziehungen.“

„Wenn du plötzlich nur noch über Belanglosigkeiten redest, wo vorher Intimität war. Dann gehe ich lieber. Oder die Situationen, wo plötzlich Schweigen ist und du genau weißt, dass der andere eigentlich genauso gerne reden würde wie du aber beide Angst vor der Reaktion des Anderen haben. Weil der ja verständnislos sein könnte, oder böse wenn du dich wieder meldest. Mich erschrecken die so, weil sie manchmal aus heiterem Himmel kommen und man so schnell fest steckt. Eben war noch alles schön und dann macht einer was, womit der andere nicht klar kommt oder es falsch versteht. Aber du weißt nicht genau, was der verstanden hat. Also sagst du lieber nichts mehr, aus Angst es schlimmer zu machen, weil du den richtigen Anfang nicht findest um wieder in Kontakt zu kommen.“

„Die Lösung wäre Sex.“

Ich verschluckte mich vor Lachen am Bier.

„So stellen Männer Nähe her. Aber vermutlich hast du sogar Recht. Worte machen manchmal bei Erklärungsversuchen mehr kaputt als ganz. Einfach wieder was zusammen machen und Spaß haben wäre das beste. Und dann reden. Nur eins von beiden klappt ja auch nicht.“

„Brauchst du gerade Nähe?“ fragte er mit großem Augenaufschlag und nahm meine Hand. Diese Augen.

„Hab ich doch. Wir reden.“

„Siehst du. Und das ist das Problem.“

„Von wegen Problem. Da wir hier grade sitzen, werde ich etwas Holz hacken. Deine Mutter hat gedroht mit Kochen aufzuhören, wenn sie es wieder selbst machen muss.“

„Das wäre wirklich ein Problem. Du kannst ja nicht kochen.“ Ich musterte ihn böse.

“Ich kann kochen, deine Mutter lässt nur niemanden in die Küche.”

Er betrachtete mich. „Du hast ganz schön Muskeln bekommen. Sehr männlich.“

„Hau ab.“

“Tiger.”  Ich hörte ihn noch lachen als er in den Jeep stieg,

Wir verbrachten die nächsten Tage damit neue Zäune zu ziehen, im Fluss zu schwimmen und Rinder zu treiben. Von meinen Campdrafting Fähigkeiten war Jack nicht übermäßig beeindruckt aber da er seine Flirterfolge nicht ruinieren wollte, hielt er sich mit Kritik meist zurück und gab sich Mühe mit den Anweisungen. Es war einfach verdammt viel schwerer zu zweit Rinder zu treiben anstatt zu sechst, wie ich es kannte. Der Anfang war noch relativ leicht. Wir sammelten die Tiere zu einer Herde zusammen und trieben sie durch Koppeln bergab.

„Wenn wir alle eingesammelt haben, treiben wir sie den Hang runter zum Fluss. Ich bleibe an der Seite, du nimmst das Ende. Da musst du verdammt schnell sein. Sie werden versuchen rumzudrehen.“

Ich war damit beschäftigt zwei Kühe mit neugeborenen Kälbern dazu zu bringen zu den anderen aufzuschließen, die prompt merkten, dass niemand mehr sie von hinten anbrüllte. Fünf machten auf dem Absatz kehrt und liefen an mir vorbei. Jack, der an der Flanke hin und her galoppiert war, flippte aus und brüllte mich an.

„Verdammt, treib sie vorwärts, ich hab dir doch gesagt du musst schnell sein. Und dreh mein Pferd nie wieder mit dem Hintern zu einer Kuh. Du ruinierst mir damit ein gutes Campdrafting Pferd.“

„Das hättest du mir sagen müssen. Und was zur Hölle soll ich denn machen wenn sich die Kälber nicht bewegen, Klugscheißer? Sie umreiten?“ schrie ich außer mir zurück. Ich war stinksauer. Was erwartete der Kerl? Dass ich drei Leute ersetzte?“ Offenbar. Wir saßen uns auf den Pferden gegenüber und brüllten uns mit hochrotem Kopf an, bis ich Schnappatmung bekam. Die Viecher waren so gebannt von dem Schauspiel, dass sie vergaßen wegzulaufen.

Plötzlich grinste er mich an: „Ich mag Frauen mit Temperament. Bei dir weiß man nie, wann man ein Kätzchen oder einen Tiger vor sich hat.“

Ich hatte gerade zum Weiterbrüllen angesetzt und brach in lautes Lachen aus. Der Mann schaffte es einfach immer jeden Streit mit Humor zu entspannen.

„Also setz das Temperament dazu ein, ständig hinter ihnen quer zu galoppieren, bis sie vorwärts gehen und die Rinder anzubrüllen, statt mich.

„Ok.“

Wir machten weiter und schafften es tatsächlich, alle zum Fluß hinunter und in die Korrale zu bugsieren, wo es einfacher war sie zusammen zu halten, bis Jack die Jungstiere aussortiert hatte.

Ein Freund von ihm kam vorbei um zu helfen und wir schleusten die männlichen Rinder in ein Gatter. Darin wurde das Tier eingeklemmt, zur Seite gekippt und Jack schnitt ihm die Hoden ab. Ich hasste die Arbeit, weil ich auf dem Tier sitzen musste, das sich mit aller Kraft wehrte. Ich war immer noch nicht abgehärtet genug um diese Methoden einfach als gegeben hinzunehmen. Aber eine Diskussion darüber wäre sinnlos, das wusste ich.

Es war unglaublich anstrengende Arbeit und wir saßen danach völlig erschöpft auf der Veranda mit einem Bier. Ich erstarrte mitten in einer Bewegung. Denn plötzlich wusste ich, wo ich diesen Anblick schon einmal gesehen hatte. Die langezogene, überdachte Veranda eines weißen Holzhauses, auf der eine Bank stand und Hunde und Katzen lagen. Ich hatte sie in einem Traum gesehen, den ich seit ich ein Kind war, öfter geträumt hatte. Vielleicht genau so oft, wie den Traum, in dem ich fliegen konnte. Das musste ein Zufall sein. Ich bildete mir die Ähnlichkeit bestimmt nur ein. Trotzdem war ich so weggetreten, dass ich erst nach einer Weile das Gespräch zwischen den Männern wieder mitbekam.

„In einem der Campgrounds ist nächste Woche eine Veranstaltung. Die Stockmen formieren sich, um gegen den Rauswurf aus dem Park zu demonstrieren. Kommt ihr hin?“

„Dad hat mir davon erzählt. Soweit ich weiß, ist ein Protestmarsch nach Canberra geplant. Zur Camdrafting Competition fahren wir danach. “

Ich hatte offenbar einen größeren Teil des Gesprächs verpasst. Bis dahin stand jedoch noch einmal ein dreitägiger Ritt an. Ich hatte mich bereits an die Routine gewöhnt, versorgte die Pferde, bewirtete die Gäste, unterhielt mich mit ihnen, wusch ab, sattlelte und fütterte Pferde, sammelte Holz, belud das Packpferd, briet kiloweise Eier und Speck, verbrannte mir die Finger am Camp Ofen, in dem Brot in der heißen Asche des Lagerfeuers buk. Wärmte Wasser für die portablen Duschen und verlor meinen Glücksbringer.

Eine Freundin hatte ihn mir für die Reise geschenkt. Sie hatte meiner Stute, die ich hatte einschläfern lassen müssen, einen Zahn gezogen, nachdem sie tot war.  Ein Silberschmied hatte ihn in Scheiben geschnitten – so dass er aussah, wie die weißen Jahresringe eines Baumes –  und in Silber gefasst. Der Anhänger war wunderschön gewesen und nun war er weg.  Ich suchte alles ab aber er war nicht zu finden. Ich hatte ein schreckliches Gefühl.

„Was suchst du?“ Jack stand hinter mir.

Ich brach in Tränen aus. „Mein Glücksbringer ist weg.“

Ich beschrieb ihm den Anhänger und wir suchten gemeinsam. Aber er war unauffindbar.  Jack legte einen Arm um mich.

„Ich bin nicht abergläubisch aber…“

„Das sehe ich. Du bekommst einen von meinen.“

„Deinen was?“

„Milchzähnen. Dann hast du ein Stück von mir dabei, das bringt auch Glück.“

Ich weiß wie sich das liest, aber das war mit das Liebenswerteste, was je ein Mann zu mir gesagt hatte. Und ich bekam den Zahn tatsächlich. Allerdings nicht an einer Kette.

Der Ritt war etwas besonderes, denn ein Filmteam stieß am zweiten Tag zu uns, um ein Interview mit Will und mir zu machen. Außerdem hatten sie uns gebeten ein paar gute Locations für Action Shots zu finden.

Ich war mit Jack am Abend in die Nähe des Sees geritten, um eine Stelle am Fluss zu finden, durch die die ganze Gruppe galoppieren konnte und in der man aber auch schwimmen konnte. Die einzigen Idioten, die das bei der Kälte tun würden, waren allerdings nur er und ich.

Wir schlugen einen Bogen zum Camp zurück und ritten eine Anhöhe hinauf, als sie vor uns standen. Ein Mob – eine Herde – Wildpferde graste keine fünfzig Meter vor uns. Als sie uns sahen, schossen die Köpfe in die Höhe. Wir zügelten unsere Pferde. Noch hatten sie nur unsere Pferde bemerkt. Ein wunderschöner dunkelgrauer Hengst, mit weißen Flecken patrouillierte seine Herde auf und ab. Den Hals wie ein Schwan gerollt, die Nüster weit gebläht, so dass man das Rosa innen sehen konnte. Das Signal zur Flucht gab aber die Leitstute und plötzlich donnerten vierzig Wildpferde an uns vorbei. Eine wogende Masse aus braunen, schwarzen, weißen und grauen Körpern floh den Hang hinab und verschwand in der Ebene. Mir verschlug es die Sprache und ich kam gar nicht auf die Idee Fotos zu machen, so gefesselt war ich von dem Anblick.

„Wow.“ sagte ich atemlos, als ich meine Stimme wieder hatte.

„Unglaublich schön, nicht wahr! Sie gehören zwar nicht hier her aber sie gehören zu unserer Geschichte. Vor einiger Zeit wollten sie die Anzahl der Brumbies reduzieren. Sie kamen mit Helikoptern und richteten ein Massaker an. Aber wenn du eines mit dem Lasso fängst und erwischt wirst, zahlst du 5000 Dollar Strafe.“

„Was soll der Schwachsinn?“

„Frag das einen Politiker. Die Leute machen es trotzdem. Und mit den Rindern droht auch uns aus dem Park geworfen zu werden. Zumindest wollen sie sehr stark einschränken, wohin wir noch reiten können. Daher das Interview.“ Wir ritten schweigend weiter.

Am nächsten Tag baute das Filmteam die Kameras auf und wir stoben als Gruppe durch den Fluß, dass die Gischt nur so spritzte. Dann stieg ich im Bikini in das eiskalte Wasser. Die Kamera hielt auf uns zu, bis Jack das Gesicht verzog, aus dem Wasser auftauchte und an etwas Braunem an seinem Bein zog.

„Blutegel.“

Mein Kreischen muss bis nach Neuseeland zu hören gewesen sein. Ich schoss wie der Blitz aus dem Wasser und schüttelte meine Haare aus. Jeder Mensch hat Grenzen. Blutegel waren meine.

Die Aufgabe danach vor die Kamera zu galoppieren und meinen Spruch aufzusagen, war dann relativ einfach.

„Meine Grammatik ist womöglich nicht ganz perfekt”, warnte ich den Regisseur.

„Die der meisten Australier auch nicht“, grinste er. „Die glauben das sei was zu essen.“

Nach dem dritten Take war das Ding im Kasten und wir konnten weiter reiten.

Ich hatte an diesem Abend beschlossen ohne Zelt zu übernachten und starrte noch eine Weile in die frostkalte, glitzernde Sternennacht – am nächsten Tag würde eine dünne Schicht Eis vom Swag absplittern – und dachte an die Wildpferde. Ich würde bald wieder einem begegnen…

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