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DO SOMETHING ELSE

30/ Cowboy

By 27. March 20175 Australien

Es gibt Menschen, denen begegnet man nicht. Mit denen kollidiert man. Und zwar mit der Energie fahrender Hochgeschwindigkeitszüge. Ich hatte noch etwa zwei Sekunden bis zum Aufprall, als ich in seine Richtung lief. Das wusste ich da allerdings noch nicht.

Eigentlich könnte der sich ja mal von der Tür weg bewegen, um mir mit dem Rucksack zu helfen, waberte mir ein schlecht gelaunter Gedanke durch mein, vom Alkohol, noch schmerzendes Hirn.

Er trug Jeans, Cowboystiefel und eines dieser dunkelblauen Schafscherer Hemden, unter dem sich die Muskeln abzeichneten und einen Stetson auf einem dichten, dunklen Haarschopf.

Als ich weiter auf ihn zuging, traf mich ein Blick aus leuchtend violett blauen Laseraugen, unter schwarzen Wimpern, die länger waren als meine eigenen. Und mir schossen plötzlich absurde Gedanken durch den Kopf.

Die Augenfarbe kann unmöglich echt sein, das sind Kontaktlinsen. Ich komme mir vor wie in einer Filmkulisse. Irgendwie „ Denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wie alt ist der eigentlich? Und warum interessierte mich das plötzlich brennend? Der Dreitagebart ist sexy. Der ist ja kleiner als ich…

Meine Hormone, die wochenlang vor sich hin gedämmert hatten, waren plötzlich hellwach.

Das ist doch völlig egal. Guck dir mal das Grübchen an. Der Kerl sieht verdammt gut aus. Jubilierten sie und tanzten Samba.

Ruhe da drin, wies ich sie böse zurecht. Aber stimmt, er hatte eines. Und ein süffisantes Grinsen im Gesicht, als ich direkt vor ihm stand und er immer noch lässig über der Tür lehnte, ohne sich zu rühren. Ich knallte ihm den Rucksack vor die Füße.

„Hi, I´m Jeanette…Happy New Year. And don´t bother to help me.“

Er schob den Akubra zurück und das Grinsen wurde breiter, als er mich von oben bis unten musterte.

„G´day, beautiful. Happy New Year.“

Oh je, die Ausstrahlung passte zur Stimme. Mir fiel es plötzlich schwer den Blickkontakt zu halten. Ich war nervös.

Reiss dich zusammen, stauchte ich mich innerlich zusammen. Es kann doch nicht sein, dass du wegen eines Kerls, den du drei Sekunden kennst, nervös wirst.

Er nahm mir endlich den Rucksack ab und warf ihn mit einem Schwung auf die Ladefläche, als sei es ein Wattebausch. Ich bekam das Ding kaum vom Boden hoch.

Ich ging zur Tür.

„Willst du fahren?“

Verflucht. Ich war schon wieder auf die linke Seite des Autos gelaufen und kam mir vor wie ein Idiot.

„Ihr habt ja diese komische Geschichte in Deutschland mit dem Rechts fahren auf der Strasse.“

„Die ganze Welt fährt Rechts, weil es Sinn macht“, schnaubte ich zurück. Er lachte gutmütig.

Im Auto wurde mir klar, dass ihm zwar bewusst war, dass er gut aussah, es ihm aber relativ egal sein musste. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er war unregelmäßig rasiert, die Locken konnten mal einen Schnitt vertragen und das Hemd hatte einen Riss. Eitel war er nicht. Nur selbstbewusst. Das Auto war ein Chaos aus Pappbechern, Werkzeugen, Seilen, Sporen, Rodeo Startnummern und  … Kinderzeichnungen.

Mir sank das Herz.

„Hast du Kinder?“ fragte ich überflüssigerweise.

„Ja, drei. Lily, meine Kleine und zwei ältere aus Maras erster Ehe. Aber wir sind getrennt. Sie leben bei ihr.“

„Das tut mir leid“, sagte ich und wundere mich noch heute, dass ich bei der Lüge nicht umgehend vom Blitz erschlagen wurde. Für die Kinder tat es mir aber wirklich leid. Sie mussten noch klein sein und Trennungen waren immer schlimm.

„Wie alt sind sie?“

„Lily ist drei, Lachland und Sophie sind sieben und neuen Jahre alt.“

„Wie lange seit ihr getrennt?“

„Drei Monate.“

Das war nicht viel. Ich zuckte innerlich zusammen, als ich einen Schatten über sein Gesicht huschen sah. Der Mann litt. Und zwar sehr. Vielleicht nicht wegen der Exfrau aber wegen der Kinder. Und ich hatte plötzlich den Impuls ihn in die Arme zu nehmen. Herrgott, reiß dich endlich zusammen. Das gibt´s doch nicht. Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche, klappte es auf und hielt mir ein Foto vor die Nase. Die Kleinste war eindeutig seine Tochter, mit den fast schwarzen, wuscheligen Haaren, einer niedlichen Stupsnase und große, intensiven Augen, wie die ihres Vaters. Nur Grüngrau.

„Sehr süß.“

Er grinste stolz.

„Sie müssen dir sehr fehlen.“

„Es ist nicht leicht. Ich bezahle auch für alle drei. Und werde das auch weiter tun.“

„Das müsstest du nicht oder?“

„Nein aber es war von Anfang an klar, dass ich, wenn ich mit Mara zusammen komme, auch die Verantwortung für die Kids habe. Das gehört dazu. Mit allem Spaß aber auch mit allem lästigen Alltags Scheiß. Wenn du da überlegen musst, kannst du es gleich lassen. Und ich war mir sicher, das für die nächsten dreißig Jahre zu wollen.“

Wir unterhielten uns eine Weile darüber, wo ich bereits rumgereist war, was ich erlebt hatte, meine Familie, meine Verwandte Anne, wie ich an die Adresse der Farm gekommen war und was meine Aufgaben auf den Ritten sein würden.

„Reitest du Rodeos?“ fragte ich und zeigte auf die Startnummer, die auf dem Armaturenbrett unter einem Sammelsurium von leeren Verpackungen lag.

„Bis vor kurzem. Pferde und Bullen. Dann warf mich ein Bulle in die Zuschauertribünen, praktisch meiner Tante vor die Füße, die nur den Kopf schüttelte und fragte, warum ich mir das antue. Ich fragte mich das dann auch und hörte auf. Ich werde es nur noch bei kombinierten Veranstaltungen machen. Bald ist das „Man from Snowy River Festival“, da wirst du das sehen. Dort kommen die besten Jackaroos und Jillaroos aus Australien zusammen.“

Ich fischte eine Kinderzeichnung vom Boden. Es war eine fünfköpfige Familie darauf zu sehen und ein weißer Hund mit schwarzen Punkten.

„Was ist passiert? Warum habt ihr euch getrennt?“

Er zögerte lange bevor er antwortete.

„Darauf gibt´s wohl keine einfache Antwort. Ich war ein Idiot. Ich wollte Familie, Vater werden, hab mich Hals über Kopf verliebt und nicht lange gewartet. Ich schuftete wie verrückt für das Haus und kam mir wie ein Held vor, weil ich Maras Leben verbesserte. Sie hatte es nicht einfach mit zwei Kindern alleine. Wir zogen zusammen und ich fand es schön, ein Heim zu haben und jemand der da war, der den Laden schmiss. Aber es dauerte nicht lange nachdem Lily kam, bis sie versuchte alles zu kontrollieren und unzufrieden wurde. Mit mir, ihrem Job. Sie kaufte wie verrückt ein. Sie mochte nicht wenn ich mit Freunden weg ging oder dass ich Rodeos ritt. Ich konnte ja verstehen, dass sie alles versuchte, für sich und die Kinder wieder Sicherheit zu schaffen und ein geregeltes Leben. Mutterinstinkt – aber es war nur noch Stress. Und sie war eifersüchtig wie verrückt, obwohl sie anfangs selbstbewusst gewirkt hatte. Ich nahm jede Überstunde die ich kriegen konnte um alles zu bezahlen und war kaum noch Zuhause. Ich hatte ja noch nicht mal Zeit für EINE Frau.“

Mir stieg innerlich etwas der Kamm. Klar war die Frau schuld.

„Und was war dein Anteil, weswegen es schief ging?“ fragte ich etwas schärfer als beabsichtigt.

„Ich dachte es reicht das Geld heim zu bringen. Ich hatte lange auf Stations im Outback gearbeitet. In einer Männerwelt. Da redest du nicht viel. Das bereitet nicht unbedingt auf das Dasein als Ehemann vor. Aber das rechtfertigt nicht …“ er verzog das Gesicht und brach ab.

Das war erstaunlich selbstreflektiert. Er wechselte das Thema und wir unterhielten uns über Musik, sein Leben auf der Station, die Trekking Ritte und das etwas schwierige Verhältnis zu seinem Vater, seit er wieder auf der Farm lebte. Wir hatten fünf Stunden Fahrt vor uns, bis in die Berge. Unterwegs hielten wir an und luden ein Pferd ein, das er gekauft hatte und machten Halt bei einem Fast Food Restaurant.

„Welchen Burger willst du?“

„Kein Fleisch bitte.“

„Ernsthaft? Bist du Vegetarier?“

„So in etwa, seit Neuestem.“

„Ich bin gespannt wie du das Jo erklärst.“

„Wer ist Jo?“

„Joanna, meine Mutter.“

Er hielt mir eine Packung Pommes Frittes unter die Nase.

„Die helfen gegen den Hangover. Du sieht immer noch wie eine Leiche aus. Aber eine hübsche“,  grinste er unverschämt und schob mir eine Cola hin.

Ich schloss irgendwann die Augen und schlief. Als ich wieder wach wurde, war die Landschaft trockener und hügeliger und die Straße zu Piste geworden und führte durch Buschwald. Jack fuhr mit halsbrecherischem Tempo und wich geschickt den Schlaglöchern aus. Vor uns schossen Kängurus und Wallabys knapp an dem Bullbar vorbei. Es ging weiter bergauf, denn die Farm lag auf etwa 1200 Metern Höhe. Plötzlich hielt er an. Auf der Straße lag ein Joey, ein graues Riesenkänguru. Erwachsene Tiere können riesig werden aber das Baby war kaum einen Meter groß. Es rührte sich nicht. Wir stiegen aus und Jack fluchte.

„Die Arschlöcher fahren sie an und lassen sie einfach elend verrecken. Es lebt noch. Schau dich nach der Mutter um. Sie wird noch in der Nähe sein und kann sehr gefährlich werden.“

Dann war er weg. Zwei Minuten später kam er mit einem dicken Ast zurück. Ich begriff was er vorhatte und hielt ihn am Arm fest,

„Was machst du da? Du hast doch gesagt daß deine Mutter Tiere pflegt. Wir nehmen es mit. Ich kümmere mich darum. Bitte.“

„Du kannst es nicht retten. Es hat beide Hinterläufe gebrochen und den Schwanz auch. Ich kann es nur erlösen. Verdammt, dass ich das Messer vergessen habe.“

Er ging auf das Tier zu und schlug es hart auf den Kopf. Die Beine zuckten noch kurz. Ich hatte mich weggedreht und mir waren die Tränen gekommen. Weil ich übermüdet war, emotional Kopf stand und es mir nicht nur leid tat, dass das kleine Lebewesen tot war, sondern dass es vorher so hatte leiden müssen. Und um die arme Mutter, die irgendwo im Gebüsch den Verlust noch gar nicht richtig begriff.

„Du musstest noch nie selbst etwas töten, oder?“

„Nein“, schniefte ich. „Fleisch kommt aus der Kühltruhe“, versuchte ich einen Witz.

Plötzlich nahm er mich in die Arme und drückte mich kurz an sich. Es war kein Wort, sondern mehr ein Gefühl, dass mir urplötzlich durch das Herz oder den Kopf oder wo auch immer schoss.

Zuhause.

Ich machte mich verwirrt los. Ich hatte keine Ahnung was hier ablief aber ich war mir nicht sicher, wie ich das alles einordnen sollte. So hatte mich bisher nur ein Mensch aus der Fassung gebacht.

„Du wirst dich dran gewöhnen müssen. An den Tod meine ich. Damit wirst du hier öfter konfrontiert werden. Und du wirst das vielleicht auch tun müssen.“

Ich würde mich wirklich daran gewöhnen müssen. Die Straße schlängelte sich an Weideland und Buschland vorbei den Berg hinunter, bis wir eine Betonbrücke, die einen breiten flachen Fluss überspannte, überquerten. Dahinter bog er links ab. Vor uns erstreckte sich eine große ebene Fläche, auf der etwa achtzig Rinder und vierzig Pferde grasten. Den idyllischen Flusslauf säumten Büsche und Bäume. Einer davon war so breit, dass man ein Auto dahinter hätte verstecken können. Er musste uralt sein. Die rote Rinde schälte sich in langen Streifen vom Stamm. Die Piste führte etwa fünfhundert Meter auf eine Anhöre, auf der ein weißes Holzhaus mit umlaufender Veranda, in einem kleinen Garten stand. Dahinter erahnte ich Scheunen aus Wellblech. In der Ferne zeichneten sich bläulich die Snowy Mountains, die „Schnee Berge“, vor dem strahlend blauen Himmel ab. Australiens einziges Skigebiet.

„Wir sind da, beautiful. Mach das Gatter auf.“

Ich sprang hinaus, öffnete das Tor und machte es wieder hinter ihm zu. Wir hielten an zwei Containern, in denen das Sattelzeug gelagert war, wie Jack mir erklärte und an denen Korrale und Viehschleusen anschlossen. Wir luden das neue Pferd aus und entließen ihn in einen Paddock, bevor wir zum Haus hoch fuhren. Das Haus erweis sich beim näheren Betrachten als etwas herunter gekommen, trotzdem wirkte es auf mich wie aus einem Märchenbuch. Ich dachte plötzlich an den „Zauberer von Oz“. Irgendwie war ich wie Dorothy in ein Wunderland geweht worden, dachte ich, als ich von der Anhöhe auf die umliegenden Hügel blickte und in das Tal, das sich bis zum Horizont erstreckte. Eine Welle von Glück stieg in mir hoch. Ich liebte den Ort von der ersten Sekunde an.

„Ich zeige dir später alles. Jo wartet nicht gerne mit dem Essen.“

Er riss die klapprige Haustür auf, aus der drei aufgeregte Hunde in allen Größen schossen und uns wild bellend umsprangen. Er schob mich vor sich her, durch ein völlig überfülltes Wohnzimmer, in die Küche. Dort stand eine kleine Frau, die einmal – im Stil von Elizabeth Taylor – schön gewesen war, am Herd. Da kam also das Aussehen her. Die Stimme, die mich begrüßte war erstaunlich tief und hatte immer einen Unterton Ironie, wie ich bald merken sollte. Jo hatte einen trockenen Humor, den ich mochte. In der Küche war es noch chaotischer als im Wohnzimmer. Auf dem Stuhl am Herd, der mit Holz befeuert wurde, lag eine große graue Katze.

Sie begrüßte mich herzlich und augenzwinkernd mit dem Worten: „ Ah das deutsche „Kraut“ ist also da“ und meinte zu ihrem Sohn: „Es gibt Lamm. Hast du mir die Einkäufe mitgebracht?

„Sicher, Jo.“

„Den Sack mit Hundert Dollar Scheinen auch?“

„Verdammt, nächstes Mal.“

„Man darf ja hoffen.“

Die Tür zur Küche schwang auf und herein polterte Jacks Vater Will – etwas untersetzt mit einer “Platz-hier-komme-ich” Persönlichkeit – , der mich ebenso herzlich willkommen hieß wie seine Frau, bevor er mich an den Tisch schob und Jack mit einem Haufen Anweisungen überschüttete. Was dem nicht wirklich gefiel. Da waren ordentlich Spannungen im Raum, stellte ich fest.

Jo knallte mir ein gigantisches Lammsteak mit einem „Greif zu Mädchen“ auf den Teller und ich schaute Jack hilflos an.

„Sie ist Vegetarierin.“

Man sah Jo an, dass ihre Gefühle, ihre Kochkünste betreffend, verletzt waren und sie sich fragte, wie sich mich um Himmels Willen satt bekommen sollte. Ich brach promt ein.

„Na jaaaaa. Erst seit Kurzem. Und nicht hundert Prozent Vegetarier.“ Jo starrte mich weiter an. „Also eher achtzig Prozent und ich bin flexibel. Ich nehme einfach mehr Gemüse“, endete ich lahm und trat Jack unter dem Tisch ans Schienbein, weil er in den Kartoffelbrei grinste.

„Gut, es gibt Nachtisch“ sagte Jo und mir war meine Charakterschwäche verziehen.

Ich würde das mit dem Vegetarier Dasein einfach noch etwas verschieben.

„Du kannst dich heute erst mal in deinem Zimmer einrichten und Jack zeigt dir alles“, wandte sich Will an mich. „Morgen packen wir für einen siebentägigen Ritt. Ein paar der Leute reisen am Abend schon an. Ein paar Perde müssen noch beschlagen werden, Jack. Der Versorgungswagen muss ausgerüstet werden. Die Packtaschen für das Packpferd müssen repariert werden, denn der Gurt ist gerissen. Und dann ….“

Es folgte eine lange Liste von Aufgaben. Langweilen würde ich mich hier nicht. Das stand fest. Ich fing einen Blick, aus sehr blauen Augen auf.

Definitv nicht…

Yaouk-2

Yaouk-1