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DO SOMETHING ELSE

29/ Schafe, Schafe, Schafe und Silvester in Sydney

By 25. March 20175 Australien

Ich saß im Zug auf dem Weg zur Schaffarm, die Stretch‘s Schwester Miriam und ihrem Mann Eric gehörte. Wir passierten Sydneys Vororte mit kleinen Reihenhäusern, die Giebel, Balkone und Fenster dekoriert mit Holzverzierungen die aussehen wie Spitzenbesatz. Danach ging die Landschaft in Wald und später in grünes Weideland über. Nach fünf Stunden Fahrt war ich im Outback. Absolut flaches Land mit rötlicher Erde unter einem riesigen blauer Horizont erstreckte sich so weit das Auge sah. Miriam holte mich mit den beiden Kindern Scott, der sieben Jahre alt war und der zwölfjährigen Kristen am Bahnhof ab. Die kleine Stadt wirkte gepflegt und sehr amerikanisch, mit den weitläufigen, pastellfarbenen Häusern, die an schnurgeraden breiten Straßen angeordnet waren, die von kleinen Parks, der Kirche, der Schule und dem Gemeindehaus unterbrochen wurden. Die offenen Vorgärten und Häuser schmückte extreme weihnachtliche Dekoration, die völlig fehl am Platz wirkte in dieser heißen Einöde. Ich hatte völlig vergessen, dass bald Weihnachten war.

Wir fuhren noch vierzig Minuten zur Farm, auf der außer dem Hausschaf B-da, der Katze Snuggles und einigen Hütehunden, 3500 Schafe lebten. Ich kam mir vor wie in ein Gemälde von Edward Hopper versetzt. Das Haus mit der Scheune und den Silos war die einzige Erhebung, so weit das Auge reichte, abgesehen von den spärlichen Bäumen und Büschen.

„Wir haben seit über zwei Jahren Dürre und ernten nur vierzig Prozent Getreide im Vergleich zu sonst. Und die Preise für Wolle sind auch runter gegangen“, erklärte Miriam.

Auf den von der Sonne steinhart gebackenen Weiden wuchsen nur vereinzelte trockene Grasbüschel. Nur um das Haus herum gab es Grün im gepflegten und bewässerten Garten. Es fühlte sich unwirklich an und ich bekam ein Gefühl von Endzeitstimmung, obwohl nichts wirklich daran erinnerte. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, bekam mein eigenes Zimmer und ein leckeres Abendessen. Am nächsten Morgen standen wir um 5:30 Uhr auf, weil die Hitze später unerträglich wurde. Ich sollte Schafe von einer Koppel auf die nächste treiben.

„Kannst du einen Quad fahren?“ fragte Eric.

„Nein aber es klingt nach viel Spaß.“

„Ist es auch, aber pass auf die Bodenwellen auf. Man sieht sie nicht aber du fliegst dann meterweit. Die Schafe vorwärts treiben geht ohnehin nur langsam.“

Ich hatte schnell raus, wie der Quad funktionierte und hatte riesigen Spaß, die 450 Tiere zusammen und aus der Koppel auf den Weg zu treiben. Es war erstaunlich einfach. Eines der Tiere, das dicke Wolle trug, legte sich hin und ich konnte es nicht dazu bewegen wieder aufzustehen, auch als ich es energisch anschubste. Ich habe dieses Tier bis heute nicht vergessen. Denn was ich nicht wusste war, dass die Fliegen ihre Eier in den Kot der Tiere, der an der Wolle hängen bleibt ablegen und sich die Maden in das Fleisch bohren, so dass die Tiere hohes Fieber bekommen. Später als die Schafe geschoren und in ein Desinfektionsbad kamen, sah ich, was die Insekten mit den Tieren machten. Sie fraßen sie praktisch bei lebendigem Leib auf. Ich konnte es damals nicht wissen aber mir zieht sich noch immer das Herz zusammen, wenn ich daran denke, wie das Tier gelitten haben musste und ich es noch traktierte aufzustehen. Ich rief über Funk den Jeep und wir legten es auf die Ladefläche.

Die Lämmer bekamen mit acht Wochen den Schwanz abgeschnitten – ohne Betäubung denn die war bei so vielen Tieren zu teuer und aufwändig – und die Hoden gleich mit, um das zu verhindern. Sonst wären sie alle nach drei Tagen tot. Am ersten Tag suchte ich also kranke Tiere heraus, trieb sie in die „Wendemaschine“, die das Tier mit Metallkrallen umfasste und es ruckartig umdrehte. Da hing es dann festgeklemmt und man konnte die befallene Wolle am Hintern wegnehmen. Danach mussten die Schafe nach Jahrgang sortiert werden. Man konnte sie an den Ohrmarken auseinander halten. Ich lernte schnell die Befehle um die Hunde zu dirigieren, die – wenn sie zwischen den Schafen nicht durchkamen – über die zusammengepressten Leiber liefen.

„Boots, no, you useless fluffy bastard!“ war der Satz, den alle an dem Tag am meisten brüllten, denn wir hatten einen einjährigen Border Collie dabei, der den Job noch nicht begriff und völlig sinnlos Schafe auf der Koppel verrückt machte. Es war Sonntag und wir arbeiteten bis zum Mittag unter sengender Sonne und ich sah aus wie ein paniertes rotes Brötchen. Der Staub mischte sich mit dem Schweiß und bildete eine Schicht auf der Haut. Am Haus kam mir ein kugelrunder B-day entgegen, der Trinkverbot hatte, weil er Nachts im Futtersilo war und ihm der Magen platzen würde, bekäme er zu saufen. Hinter ihm her torkelte Snuggles, die Mini Katze, um die sich alle Sorgen gemacht hatten, weil sie wohl von einer Spinne gebissen worden war. Es schien ihm aber besser zu gehen denn wir hatten ihm Wasser mit einer Pipette gegeben, da er nicht trinken konnte.

Ich bekam auch zum ersten Mal das Echidna zu Gesicht, dessen stacheliger Hintern wieder unter dem Haus verschwand, als ich es beim Klauen von Katzenfutter erwischte. Mir taten die Hunde leid, die in engen Zwingern gehalten wurden. Ich fragte Miriam ob es nicht möglich sei ihnen Laufleinen zu machen. Immerhin täten sie hier doch Schwerstarbeit und hätten ein wenig mehr verdient als das. Sie hatte dafür gar kein Verständnis. „Die sind das gewohnt.“ kam die engstirnige Antwort. Am nächsten Tag wurden die Schafe geschoren. In der Scheune arbeiteten drei Scherer, die pro Schaf zwei Dollar bekamen. Sie arbeiteten mit Elektroscheren und bei der Geschwindigkeit, mit der sie das machten, schoren sie den Tieren oft lange Streifen Haut mir vom Körper. Ein mit blutigen Schnitten überzogenes Tier schoss eins nach dem anderen davon. Mir drehte sich der Magen rum. Da kam also unsere Wolle her. Gab es eigentlich irgendwas, was wir Menschen auf diesem Planeten taten, was nicht grausam und zerstörerisch war und auf Kosten anderer Lebewesen ging?

Ich verstand Eric und ich verstand auch die Scherer. Um überhaupt noch einen Gewinn zu erzielen, hatten sie keine Wahl. Ich beschloss wenigstens weniger Fleisch zu essen in Zukunft. Ich hatte die Aufgabe das Vlies, das an einem Stück war auf den Drahttisch zu werfen und die Dornen heraus zu sammeln. Das war schmerzhafte Arbeit, denn man konnte dafür keine Handschuhe anziehen. Die Kanten, die filzig un dvoller Dornen waren, wurden abgerissen. Die Wolle selbst wurde nach Farbe, Länge und Welligkeit sortiert und dann in 200 Kilogramm Ballen gepresst und auf den Laster geladen. Ich bekam fettige Hände von dem ganzen Lanolin das in der Wolle war.

„Aus einem Schaf Vlies werden bis zu 18 Anzüge gemacht.“ verriet mir Eric.

„Was verdienst du an einem?“ fragte ich ihn.

„Zwanzig bis dreißig Dollar.“

Das war nicht viel, wenn man mit einrechnete, wie viel Futter sie zukaufen mussten, wegen der Dürre und wie viel Arbeit dazu kam. Die Zeit dort war eine interessante Erfahrung, die Familie herzlich aber ich war froh als ich endlich zu Anna, meiner Verwandten abreiste, die in der Nähe von Sydney lebte und mit deren Familie ich bei achtunddreißig Grad Hitze Weihnachten feierte.

Sie hatte ein hübsches Haus außerhalb der Stadt und ich war froh wieder Grün zu sehen, Blumen und Gras. Wir besuchten wunderschöne Strände und Aussichtspunkte entlang der Küste. Gingen in Nobby Beach am endlosen Strand Fisch essen und fuhren mit dem Boot zum „Dolphin watching“ und zu Weinproben in das idyllische Hunter Valley, wo sich ein gepflegtes Weingut an das andere reihte und die reichen Australier mit dem Hubschrauber in die noblen Restaurants einflogen.

„Komm, ich zeige dir mal die Unterlagen aus Deutschland, die ich mir habe schicken und übersetzen lassen. Dann fahren wir zu meiner Cousine zum Weihnachtsessen. Sie haben ein tolles Haus in einer Bucht. Und heute Abend gehen wir tanzen in einen Club.“

„In einen Club?“ Ich war verblüfft. Sie war eher schüchtern und ich dachte nicht, das sei in Clubs gehen würde.

„Ich bin doch Lehrerin und meine Oberstufe hat gefragt, ob wir heute Abend hinkommen. Und in deinem Alter geht man doch gerne tanzen“, lächelte sie.

Also verbrachte ich ein ungewöhnliches Weihnachtsfest mit BBQ an einer langen Tafel mit der australischen Familie Bouffier, während die Hitzewellen im Takt von Jingle Bells um den Weihnachtsbaum waberten. Von Anne aus rief ich in den Snowy Mountains an, da ich nach Silvester anfangen würde für das Unternehmen zu arbeiten, das Trekkingritte machte. Ich hatte noch keine Ahnung, wie ich dort hinkommen würde. Ich hatte erwartet mit Will, dem Besitzer zu sprechen.

„G´day mate. No, it´s Jack, his son.“ Hörte ich eine tiefe, warme und deutlich jüngere Stimme als die von John.

Mir fiel fast der Hörer aus der Hand, denn die Stimme ging mir durch und durch. Wenn die Stimme schon so klang, wie sah dann der Mann dazu aus, fragte ich mich unwillkürlich. Das sollte ich bald herausfinden, denn wir verabredeten, dass er mich in Sydney einen Tag nach Neujahr abholen würde.

Ich hatte mich in den Billabong Gardens in Newtown und drei Minuten Fahrt mit dem Zug von Sydney Central entfernt, einquartiert und hatte keine Ahnung dass das ein so funky Stadtteil war. Trendscouts hatten ihre helle Freude an den Leuten hier und das erste was ich machte war, mich zwanzig Minuten mit dem Punk Schuhverkäufer in einem der Schuhläden hier zu unterhalten. Hier lief jeder so ausgefallen rum, wie er wollte. Überall gab es kleine Cafés, Shops, und verrückte Klamottenläden, in alten, etwas heruntergekommenen viktorianischen Häusern auf der Kings Street. Es war bewölkt und ich beschloss mir Sydney anzusehen. Ich fuhr zum Darling Harbour, nahm die Fähre zur Harbour Bridge oder „Coat Hanger“ wie sie auch liebevoll genannt wird. Ich besuchte das Opernhaus und das wunderschöne Aquarium, in dem man in Tunneln aus Glas praktsich inmitten der Fische lief. Über und neben mir schwebten Haie, Riesenrochen, Meeresschildkröten und hunderte andere Meeresbewohner. Ich besuchte die Gallery of contemporary art, aß Eis in „The Rocks“, einem alten Stadtteil am Hafen, in dessen Backsteingebäuden – die an London erinnerten – sich eine Bar und ein Café an das nächste reiht. Die Preise in den Läden waren astronomisch Also begnüge ich mich mit Bummeln. In den Bergen brauche ich ohnehin nichts. Ich weiß nicht warum, aber vor einem Unterwäscheladen blieb ich stehen, ging nach kurzem Zögern hinein und kam mit einer Tüte wieder hinaus. Manchmal hat man Eingebungen. Ich traf in Sydney eine Menge Leute wieder, die ich unterwegs kennen gelernt hatte, denn die meisten wollten Silvester in Sydey verbringen und wir zogen in einer großen Gruppe gemeinsam durch die Bars, bis wir am Morgen in einem Irish Pub landeten. Ich buchte meinen Flug nach Neuseeland, denn dort wollte ich nach meinem Aufenthalt in den Snowy Mountains hin.

Ich nahm den Bus zum berühmten Bondi Beach und sah den Surfern zu, bummelte durch die Shops und Galerien und ließ mir das leckere Essen in den kleinen Restaurants schmecken, in denen sich ein buntes Völkchen aus Studenten, Backpackern, Künstlern, Surfern und Hippies tummelte. Kaum saß ich irgendwo, schon kam jemand und sprach mich an. Ich hatte mich mit Madeleine verabredet und gemeinsam mit anderen Backpackern, zogen wir am Silvestermorgen mit zehn Kilo Eis, Sekt, Bier und Snacks zum botanischen Garten, da man dort vom Maquarie Point die Oper und die komplette Bucht überblicken konnte.

„Wo wohnt ihr eigentlich?“ fragte ich Madeleine und ihre Freundin.

„Nirgendwo. Alles war ausgebucht als wir gestern ankamen und wir strandeten in einem Einkaufszentrum. Einer der Sicherheitsleute sprach uns an, weil wir auf einer Bank rum lagen. Er rief einen Freund an und der machte uns sein Gästebett zurecht.“

„Ich liebe Australien“, sagte ich.

Am Parkeingang die böse Überraschung. Weder Glas noch Alkohol waren erlaubt. Wir schlichen uns um die Ecke, kippten das Wasser aus einigen Plastikflaschen, füllten den Sekt um und stellten uns wieder in Reihe die Taschenkontrolle.

day girls. Alcohol, Glass?

Nope.“ meinte Madeleine.

Der Knabe griff nach der ersten Platikflasche.

Water, is it?“ Verdammt, ich konnte noch nie gut lügen.

„Sure.” sagte schnell einer der Jungs.

Der Hilfs Sherriff drehte die Flasche auf, hielt die Nase daran und grinste.

Nice try.

Und schmiss alle Flaschen in den Müll. Ich fischte sie trotzig wieder heraus und wir tranken das Zeug bei neununddreißig Grad Hitze auf der Stelle aus. Es wurde nicht nur deswegen ein sehr lustiger Tag, denn wir hatten immerhin zu feiern, dass er das Bier nicht gefunden hatte, mit dem wir um Mitternacht unter einem explodierenden Himmel anstießen. Hunderte von Booten, mit tausenden von kleinen Lichtern geschmückt, waren in die Bucht, geglitten, als von der Oper, der Brücke und zwei weiteren Orten in der Bucht, die ersten Raketen des offiziellen Feuerwerks in den Himmel aufstiegen und in einer Farbsymphonie den Himmel erhellten.

Es war eine lange Nacht und dementsprechend übermüdet war ich, als ich am Bahnhof aus dem Zug stieg, an dem mich Jack abholen würde. Ich setzte gegen die blendende Sonne meine Sonnenbrille auf und schaute mich blinzelnd um. Und tatsächlich. Am Ende des Parkplatzes stand ein Landrover mit Pferdetransporter, an dessen offener Tür ein Cowboy lehnte

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