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DO SOMETHING ELSE

27/ Fraser Island und die spannendste Begegnung meiner Reise

By 22. March 20175 Australien

Ich hatte eine „Self drive Tour“ auf Fraser Island gebucht und suchte den Notausgang. Ich war nämlich mit einer anderen jungen Frau in der Gruppe mit fünf irischen Typen in Adiletten, “Wifebeater” Shirts und Polyester Shorts gelandet, die um ein paar Paletten Bier herum standen und schon jetzt unbeschwert rülpsten und furzten.

Bevor ich mir einen Fluchtplan zurecht legen konnte, wurde ich in eine Gruppe mit zwei netten Kanadiern, zwei Norwegern und drei Schweden eingeteilt. In der anderen Gruppe blieb eine entsetzte Noah zurück.

Ich hoffte sie würde den Trip überleben. In unserem Fall hoffte ich der Jeep würde überleben, da er auf meine Kreditkarte gebucht war. Wurde uns eine Fahrt im Salzwasser nachgewiesen, waren 1000 $ Strafe fällig.

Die komplette Insel bestand aus Sand, so dass wir auf ausgefahrenen Sandpisten zum Lake McKenzie schlingerten. Fuhr sich der Jeep fest, musste man die Luft aus den Reifen ablassen und ihn ausgraben. Der See sah aus, wie nicht von dieser Welt. Durch den schneeweissen Silikat Sand war das Wasser des Sees ristallklar und am Ufer Türkiesblau, bis es abrupt in Dunkelblau überging und dann Schwarz wurde. Obwohl der Himmel bedeckt war, blendete der Sand wie Schnee. Ich hatte die glorreiche Idee ihn zu durchschwimmen, hatte aber völlig die Größe unterschätzt. Irgendwann waren die Köpfe am Ufer nur noch Stecknadel groß und die Wellen unheimlich. Das war etwa in der Mitte. Marie, die mit mir schwamm offenbarte mir, dass sie Schwimmlehrerin sei. Leider war ich das nicht. Und kam trotzdem japsend am anderen Ufer an. Die Iren, die zeitgleich mit uns angekommen waren, hatten dagegen gewettet erfuhr ich später.

Wir verbrachten zwei wunderschöne Tage damit am Strand zu fahren, Süßwasserläufen zum Meer auszuweichen, im glaskalaren Eli Creek zu baden, Tiger Haie von den Klippen aus zu beobachten und aufzupassen, dass wir bei nächtlichen Toilettengängen keinen Dingo am Hintern kleben hatten, was schon vorgekommen war auf der Insel. Wir bewunderten die „Coloured Sands“ – farbige Dünen, erforschten das Wrack der „Maheno“, machten Regenwald Touren und schwammen im Lake Birrabeen und den Champagner Pools, die die einzige Möglichkeit boten im Meer zu schwimmen, ohne als Haifutter zu enden.

Zurück im Hostel traf ich auf eine stinkwütende Noah, die mit den fünf irischen Kerlen so zimlich alles an Horror erlebt hatte, was vorstellbar war. Und die sich als Polizisten entpuppt hatten. Irland war in guten Händen.

In einem Café am Meer, in dem ich später saß um mein Tagebuch zu schreiben, hatte ich dann eine der beeindruckendsten Begegnungen meiner Reise.

Ich sang leise vor mich hin als ich schrieb:

„Riders on the storm, riders on the storm. Into this house we‘re born…“

Und  jemand stimmte neben mir ein:

„Into this world we‘re thrown. Like a dog without a bone…”

Ich blickte auf. Neben mir saß ein Mann, der aussah wie Sam Elliott. OH MEIN GOTT vielleicht war es Sam Elliott.

Sam sagte: “Ich mag „The doors“ auch.” Und hielt mir grinsend die Hand hin.

Bei näherem Hinsehen war es eine jüngere Version von ihm aber die Ähnlichkeit war verblüffend. Er sah aus wie eine Mischung aus Hippie, Holzfäller, Jackaroo und Pirat.

„Ich war mal am Grab von Jim Morrison“, gab ich an.

Er lachte: „Ich nicht. Hi, ich bin Mac.“

Mac entpuppte sich als lebender Kinofilm. Er war in jungen Jahren ein erfolgreicher Unternehmer in Californien gewesen. Damit hatten wir gleich viele Gesprächsanknüpfungspunkte. Wir unterhielten uns eine Weile über die USA, meine und seine Kindheit dort, den Vietnamkrieg, Weltherrschaft, Oldtimer, Area 51, über was ich schrieb, mein Leben, 1000 andere Dinge und dann erzählte er über sich.

„Mit Mitte Vierzig hatte ich alles. Viel Geld, Zutritt zu allen Clubs, eine Villa, wichtige „Freunde“ und Geschäftskontakte. Ich hatte ein bildschönes Model geheiratet und zwei Kinder mit ihr bekommen.

„Trophy wife passend zum Lifestyle?“ zwinkerte ich.

„Im Rückblick, ja. Ich dachte aber, dass ich sie wirklich liebe. Aber sie warf mir wirklich irgendwann mal genau das vor. Wahrscheinlich hatte sie Recht. Die erfolgreiche Fassade war damals wichtig. Der Erfolg und die schöne Frau machten mich zu jemandem. Weil ich gar nicht genau wusste, was ich wirklich wollte vom Leben. Es dauerte leider nicht lange, bis klar wurde, dass wir überhaupt nicht dieselben Lebensvorstellungen hatten. Oder sagen wir es so: Ich hatte meine aufgegeben um sie zu bekommen. Blind verliebt.“

„Was war passiert?“

„Ihr war Familienleben, ihre Freunde, Partys und ein geregelter Alltag mit den Kids wichtig. Ich merkte immer mehr, dass es mich einengte. Mich begann all das zu langweilen. Ich war im Unternehmen schon festgenagelt mit viel Verantwortung und Zuhause auch noch. Am Anfang fand ich das auch alles bequem. Dass sie alles organisierte und mich bemutterte, wie die Kinder. Aber irgendwann merkst du, dass du mit deiner Mutter lebst und nicht mit einer Partnerin. Ich wollte mehr Freiheit, sie begann es zu hassen, dass ich viel weg war. Wir rieben uns auf. Na ja, wir sind heute gut befreundet und sie ist mit einem Typen aus Silicon Valley verheiratet, dem das alles noch richtig wichtig ist.” Er grinste.

“Mir ging es aber weiter nicht gut. Ich suchte Sinn und fand keinen. Ich war im Leben nur auf Leistung getrimmt worden. Du bist nur jemand, wenn du was darstellst. Aber was ich ohne das war, wusste ich nicht. Also schmiss ich alles hin und ging nach Indien für ein paar Monate und beschäftigte mich mit Buddhismus. Später fuhr ich dann mit dem Motorrad alleine bis nach Feuerland hinunter. Ich lernte wie man Silberschmuck macht und verkaufte den unterwegs. Ich liebte es.

„Es muss dir zimlich schlecht gegangen sein um so was Radikales zu machen.“

„Klingt verrückt, nicht? Wenn man alles hat.“

„Nein,“ sagte ich knapp. Er nickte.

„Die Buddhisten sagen, dass das Leben Leid ist. Wenn du das akzeptierst, hast du den ersten Schritt zum glücklich sein gemacht. Wir haben zwei große Emotionen: Angst und Erwartung.

„Wie ist das gemeint?“ fragte ich. Von Buddhismus hatte ich natürlich gehört aber keinen blassen Schimmer.

“Wir haben Angst zu verlieren, was uns glücklich macht und Angst zu bekommen, was uns unglücklich macht. Wir investieren unsere Zeit und unser Leben in den Job, unser Geschäft, oder einen Menschen und dann erwarten wir, dass der uns glücklich machen soll. Aber unsere Erwartungen werden nie erfüllt. Wir schieben die Verantwortung für unser Glück auf andere. Wir sind aber verantwortlich für unsere Welt. Wenn wir uns ändern, ändert sich alles. Ohne dass die Anderen sich ändern müssen. Aber Menschen mögen keine Veränderung. Daher versuchen wir alles festzutackern. Aber das geht nicht. Denn das universelle Gesetz des Lebens ist, dass das einzig Beständige die Veränderung ist.”

Ich dachte nach. Das klang verblüffend einleuchtend.

„Wenn ich darüber nachdenke, bin ich wirklich oft nur wegen Ängsten unglücklich. Oder unerfüllten Erwartungen. Aber wie ist das mit dem Schmerz gemeint?“

„Du sitzt hier schon länger auf diesem Stuhl habe ich gesehen. Wie fühlt sich das an?“

„Gut,” sagte ich. Er schaute mich erwartungsvoll an.

War wohl nicht die richtige Antwort. Also fühlte ich genauer nach.

„Na ja, als ich mich hingesetzt habe, war es toll, weil ich rumgelaufen war und viel gestanden hatte. Ich war total glücklich hier im Schatten zu sein und endlich zu sitzen. Aber langsam tut mir der Hintern etwas weh,“ sagte ich.

„Genau. Man kann also sagen, dass du am Anfang glücklich warst. Aber nach einer Stunde fängt dir an etwas weh zu tun. Aber du hast keine Schmerzen, weil du zu lange gesessen hast. Die hattest du von Anfang an. Du hast sie nur nicht bemerkt, weil du dem Schmerz des Rumlaufens entkommen konntest.”

„Ich bin also nicht glücklich weil ich sitze, sondern weil der Schmerz des Stehens vorbei ist?“

„Genau. Wir brauchen also immer ein Problem um glücklich zu sein. Wir werden aber wütend auf den Stuhl, weil der uns nicht glücklich macht.“

Ich war fasziniert.

„Und was sagen die Buddhisten noch?“

„Es gibt vier Grundregeln, kann man sagen. Erstens: Das Leben ist Leid. Zweitens: Alles was wir haben ist vergänglich. Wir werden alles wieder verlieren. Manchmal, damit es wieder kommen kann. Aber wir versuchen an allem festzuhalten und sind nur damit beschäftigt uns zu ängstigen alles wieder zu verlieren und anbzusichern. Drittens: Karma. Karma bedeutet Ursache und Wirkung des Geistes. Alles was wir denke, wird wahr. Viertens: das Leben ist wertvoll. Leider leben wir immer so, als hätten wir endlos Zeit. Es ist aber verdammt kurz.“

Ich hatte das Gefühl, als hätte jemand grade die Tür zu einer komplett neuen Welt für mich geöffnet. Es sollte aber noch ein paar Jahre dauern, bis ich hindurch gehen würde. Aber das wusste ich damals leider noch nicht.

„Das vierte Gesetz habe ich von alleine rausgefunden.” sagte ich. “Deswegen bin ich hier. Weil mir klar wurde, dass ich nicht warten darf auf Irgendwas. Dass es jeden Moment vorbei sein kann.“

Ich erzählte ihm von meinen Gründen.

„Du bist eine ziemlich starke Frau.“

Ich weiß nicht wieso aber ich wurde plötzlich wütend. Nicht auf ihn. Einfach aus dem Nichts.

„Ich hasse den Satz. Ich habe den so oft gehört im Leben.“

„Warum?“

„Ich weiß es nicht.“

„Darf ich eine Vermutung äußern?“

„Puh…ja bitte.“

„Weil es heißt, dass du mit einer Maske herumläufst. Dass du dir gerne auch mal erlauben würdest schwach zu sein. Hilfe anzunehmen. Schutz in Anspruch zu nehmen, von jemandem der stärker ist, wenn es gerade schwer ist. Dass du es manchmal auch hilflosbist hinter der fröhlichen Fassade. Daß es aber keiner sehen darf, dass du auch mal nicht stark bist, sondern orientierungslos, verzweifelt. Wie alle anderen auch. Und das macht dich wütend.“

Der Mann war mir unheimlich. Er hatte zimlich genau ins Schwarze getroffen. Das merkte ich. Und es gefiel mir nicht.

„Verletzlichkeit zu zeigen, ist eine große Stärke.“

„Damit habe ich nicht die besten Erfahrungen gemacht. Wie ging es dann weiter?“ Lenkte ich ab.

Er merkte sichtlich, dass ich ihm auswich, aber er spielte mit.

„Nachdem ich in Indien war, kaufte ich ein Motorrad und fuhr bis Feuerland hinunter. Teilweise begleiteten mich meine beiden Kinder auf der Strecke. Das hat uns enorm verbunden.
Komm, ich zeige dir mal womit ich hier unterwegs bin.“

Er zeigte mir seinen Landrover und den Anhänger. Ich sah zum ersten Mal eines dieser typisch australischen Konstrukte, in die Stauraum, eine Küche und ein Bett mit Zelt integriert waren.

„Deutlich luxuriöser als mit dem Motorrad kann ich dir sagen. Und ungefährlicher. Mich hatten Leute gefragt, warum ich keine Angst hatte. Es könnte doch gefährlich sein. War es auch. Ich habe meine zweite Frau in Mexico kennen gelernt.“ Er lachte.

„Wo ist sie?“ fragte ich.

„Sie ist Journalistin und hat gerade einen Auftrag.“

„Stört sie das nicht, dass du so viel machst und wenig Zuhause bist?“

„Sie hat mich so kennen gelernt. Sie wusste das. Außerdem sind wir uns da ähnlich. Wenn sie kann, begleitet sie mich. Ansonsten arbeiten wir auch zusammen. Wir lieben beide unser Zuhause aber genauso unsere Freiheit und weg zu können, wann wir wollen. Aber zurück zur Gefahr. Wenn man richtig lebt, hat man keine Angst vor dem Tod. Höchstens vor dem Streben.“

„Ja, das stimmt. Ich habe ohnehin manchmal das Gefühl, als seien wir hier nur auf der Durchreise,“ sinnierte ich.

Er sah mich lange an und dann sagte er etwas, was ich bis heute nie vergessen habe:

„Du hast eine alte Seele.“

Ich bereue bis heute, das ich ihn nicht fragte, was genau er damit meinte, denn ich musste bald los zum Bus um zu meinem neuen Zuhause auf Zeit zu kommen. Einer Farm die Küste hinunter. Und ich bereue, dass ich ihn nie nach seinem vollen Namen gefragt hatte. Ich hätte ihm gerne noch so viele Fragen gestellt.