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DO SOMETHING ELSE

22/ Ein Cowboy namens Stretch

By 22. January 20174 Australien

„Sie heißen auch Bouffier?“ fragte ich die Frau etwas blöde.

„Ja, mein Name ist Anne“, stellte sie sich vor.

Sie war etwa 55 Jahre alt, klein und zierlich mit einem braunen Bob, großen, freundlichen braunen Augen und einem netten Lächeln.

“Hi, ich bin Jeanette. Das ist verrückt, ich nenne normal nie meinen Nachnamen. Weißt du woher deine Vorfahren kamen?”

„Sie kamen 1855 aus Östrich-Winkel in Deutschland, sie waren Weinbauern. Ich habe alle Unterlagen aus Deutschland un dhabe die übersetzen lassen. Und ich habe die Einwanderungspapiere aus Australien“, strahlte sie.

Mir klappte der Kiefer runter.

„Die Verwandten meines Vaters leben immer noch dort. Sie haben Weinberge.“

Wir starrten uns immer noch verblüfft an. Eine Verwandte. Auf der anderen Seite des Planeten.

Anne – die Biologie Lehrerin war – erzählte mir, was sie alles an Informationen gesammelt hatte und ich erzählte ihr ein wenig, was ich über unsere Familiengeschichte wusste. Wir stellten fest, dass wir beide eigentlich gar nicht in dem Bus hatten sein wollen. Auch sie hatte ihr Ticket nicht zurück geben können. Das Schicksal hatte es anscheinend so gewollt.

„Du musst mich unbedingt besuchen kommen“, sagte sie begeistert. “Meine Familie wäre hin und weg. Was hast du vor?“

“Ich reise zum Cape Tribulation, arbeite dort im Busch für ein Business die Pferde Trecks machen, danach Darwin, das Great Barrier Reef und dann die Küste hinunter. Silvester will ich in Sydney feiern, da ich direkt danach einen Job in den Snowy Mountains habe, bei einer Familie habe, die auch Trekking Ritte mit Pferden macht.”

„Das ist ja großartig. Ich wohne nördlich von Sydney. Wenn du noch nicht weißt, was du an Weihnachten machst, bist du herzlich eingeladen mit mir und meiner Familie zu feiern.“

Ich sagte spontan zu.

“Ich bin gespannt, wie Weihnachten in Australien sein wird.”

“Verdammt heiß.” lachte sie.

Wir verbrachten den Rest des Tages zusammen, genossen die überwältigende Schönheit der Natur und tauschten beim Abschied Adressen aus. Es war abgemacht. Ich würde Weihnachten bei Anne feiern.

In Cairns, einem der Tore zum Great Barrier Reef, suche ich mir ein Hostel, in diesem kleinen aber extrem touristischen Ort, der Abends ein wenig wie der Ballermann Australiens wirkte. Komasaufen inklusive. ich hoffte, dass es im Zimmer ruhig bleiben, und keiner die Nacht würgend über der Kloschüssel hängen würde, wie ich das in einigen Backpackern schon erlebt hatte.

Die Nachricht von Daniel erreicht mich sechs Stunden zu spät. Er war bereits am Morgen angekommen und bei seiner Schwester. Aber immerhin bekam ich sie überhaupt. Danke Telstra.

Wir gingen essen und unterhielten uns stundenlang über Gott und die Welt. Ich weiß gar nicht mehr über was wir alles redeten aber es war lustig und interessant. Wir bummelten danach am Strand entlang, bis es dunkel wurde und wir uns einen Wind geschützten Platz suchten und uns setzten. Ich fand heraus, dass er neun Jahre jünger war als ich, obwohl er älter wirkte.

Er fand das lustig: „Meine Mutter ist auch acht Jahre älter als mein Vater und die sind immer noch glücklich.“

Er grinste mich von der Seite an. Ich erzählte ihm von meiner Familie, er von seiner Kindheit, und seiner Leidenschaft für das Surfen und dann gingen wir nahtlos zum Knutschen über. Der Mann wusste was er tat und nach anderthalb Jahren Trauer, war ich für meinen Teil froh, mich überhaupt noch zu erinnern wie das ging.

„Ich kann dir Surfen beibringen“, meinte er in einer Atempause zu mir.

„Ach so nennt man das jetzt“, stichelte ich und erntete einen bestürzten Blick.

„So war das nicht gemeint. Was denkst du denn von mir? Ich bin deinetwegen nach Cairns geflogen, nicht nur wegen meiner Schwester. Und ich würde dich gerne wiedersehen. Du hast doch Zeit.“

Mir dämmerte, dass ich es hier nicht mit einem Player zu tun hatte. Ich hatte hier eines der guten, grundehrlichen Exemplare vor mir. Einer, der genau das meinte, was er sagte und es auch tat. Der noch wenig Narben auf dem Herz hatte und offen genug war, es einer Frau ohne zu Zögern zu schenken. Ich war verblüfft und gerührt von seiner ehrlichen Direktheit.

„Das finde ich sehr schön, aber ich kann das nicht machen.“

„Stört dich, dass ich jünger bin?“

„Nein. Aber diese Reise ist für mich nicht nur Abenteuer, weißt du. Ich suche irgendwas. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich muss weiter.”

Ich brachte den Satz kaum ohne Zähneklappern raus. Der Wind, der vom Meer wehte, war sehr kalt geworden.

Er nickte langsam.

„Ich bringe dich nach Hause, dir ist kalt. Aber es wäre schön, wenn du Morgen mit mir und meiner Schwester mitkommen würdest. Ich würde dir gerne noch die Gegend hier zeigen. Wir fahren hoch nach Cape Tribulation. Da kommst du alleine nur schwer hin.“

Verdammt, warum begegnete mir so ein charakterliches Goldstück gerade jetzt? Aber ich wusste, dass ich nicht zufrieden sein würde, wenn ich blieb. Die Unruhe würde nicht verschwinden.

Ich verbrachte mit ihm und seiner Schwester Tegan noch einen wunderschönen Tag im tropischen Zipfel Australiens und mir fiel der Abschied von diesem tollen Kerl, den ich nur so kurz gekannt hatte, schwer. Aber bleiben würde ich nicht, das wusste ich. Ich wollte weiter, weil ich der Überzeugung war, dass noch irgendwo auf diesem riesigen Kontinent, das Abenteuer meines Lebens auf mich wartetet.

Am nächsten Tag rief ich Ida an. Meine nächste Station würde bei ihr und ihrem Mann Stretch in Mount Carbine sein. Ein zwanzig Seelen Kaff, zwei Stunden von Cairns in den Busch hinein. Die beiden machten Trekking Ritte mit Pferden. Ich sollte dort aushelfen und hatte keine Ahnung, was auf mich zukam, als sie mich mit einem uralten Fiat, der nur von Rost zusammen gehalten wurde, in Cairns auflas.

Ida war eine Wetter gegerbte Kettenrucherin, mit einem Raucherhusten, bei dem ich Angst hatte, dass sie mir jede Sekunde weg sterben würde und einer Stimme, mit der sie Whiskywerbung hätte sprechen können.

Ich erfuhr, dass sie eigentlich Neuseeländerin ist und mit einem Maori verheiratet war.

„Wir fahren nach Port Douglas. Mein Mann hat gerade einen Ritt mit ein paar Leuten aus Hamburg beendet und wir verlanden dort sie Pferde.“

Der Ort sieht mit seinen altmodischen Häusern und gepflegten tropischen Gärten teuer aus und ich bin froh hier nicht übernachten zu müssen.

„Da ist er.“ sagt Ida und deutete auf einen zwei Meter großen Hünen, mit weißem Rauschebart und blitzenden Augen im wettergegerbten Gesicht, der aus Harveys Bar kam. Es war klar, woher er seinen Spitznamen hatte. Stretch sah in Jeans, Holzfällerhemd, abgewetzten Boots und einem Stetson, der schon die Erstbesiedlung Australiens erlebt haben musste, in dem Ort so fehl am Platz aus, wie ein Holzfäller im Buckingham Palast. Er zerquetschte fast meine Hand in einer riesigen Pranke und hieß mich mit dröhnender Stimme willkommen.

Die Pferde waren in sehr gutem Zustand, mit guten Hufen und gesunden Rücken. Stretch bemerkte, dass ich die Tiere musterte und grinste.

„Was hättest du gemacht, wenn sie in einem schlechten Zustand gewesen wären?“ fragte er.

„Dir die Meinung gesagt. Dann wäre ich gegangen.“ antwortete ich.

„Eine Frau nach meinem Geschmack“, lachte er dröhnend und erzählte, dass er mal Trailboss war, wo er die Hälfte der Pferde erst mal aus dem Verkehr ziehen musste, um sie auszukurieren. Er gehörte offenbar zu den Menschen, die es hassten, wenn Tiere schlecht behandelt wurden. Alleine dafür schloss ich ihn sofort ins Herz.

Wir kamen sehr spät am Haus an und ich bekam nur mit, das es etwas einsam hinter einer Tankstelle und einem Trucker Motel mit Bar lag. Der Ort hatte etwa ein halbes Dutzend Gebäude. Das Haus selbst war ein ziemlich schmutziger Rohbau, an allen Ecken offen und voller Krusch. Ich bekam ein eigenes Zimmer hinter dem Raum in dem die Sättel lagerten. In einem Lagerraum dazwischen, war die Dusche untergebracht.

„Sag Bescheid wenn du sie nutzen willst, damit keiner durch rennt“, sagte Ida und Stretch winkte mich zum Kühlschrank und riss ihn auf. Er enthielt überwiegend Bier, Portwein, Eier und Steak. Etwas Gemüse drängte sich verschüchtert in die Ecke. Mich erwartete offenbar eine ausgewogenen Ernährung.

„Fühl dich wie Zuhause und nimm dir was du willst“, dröhnte Stretch und schob eine dicke und freundliche Blueheeler Hündin aus dem Bereich der Kühlschranktür.

„Das ist Feral“, informierte er mich.

„Fuck off Feral“, informiert er Feral, die sich prompt beleidigt verzog. Am nächsten Tag gab es typisch australisches Busch Frühstück. Toast mit Spiegeleiern, Speck und Baked Beans. Später drückte er mir eine Viehpeitsche in die Hand und zeigte mir mit seiner, wie mansie knallen lässt. Es klang wiePistolenschüsse.

„Übe das schon mal. Es kann sein, dass wir bald Rinder treiben müssen.“

Das klang ja vielversprechend.

Weniger vielversprechend waren meine Versuche mit der Peitsche zu knallen. Meine Unterarme waren schnell mit roten Striemen bedeckt. Stretch betrachtete meine Experimente mitleidig.

“Wenn du dich nicht schlägst, dann mit Sicherheit das Pferd. Schrei für´s Erste lieber rum. Das könnt ihr Frauen doch”, grinste er.

„Nachher reparieren wir aber erst den Elektrozaun und ich zeige dir die Pferde. Und falls ich die Zusage bekomme, gehen wir heute oder Morgen Wildpferde fangen, die sich auf einem Privatgelände in der Nähe befinden. Dir wird nicht langweilig werden“, meinte Stretch.

Klasse, ich war hier offenbar zum ersten Mal  am richtigen Ort für Abenteuer…

 

TITELBILD-Cape-Tribulation-768x459Didgeridoo

Kookaburra

Bar-Australien-Cairns

 

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