KOSTENLOSER NEWSLETTER

> Neue Kapitel im LIVE BUCH
> Inspirationen – als Artikel und Videos
> Informationen über Events
> Besondere Angebote, die Sie sonst nirgends bekommen

Tragen Sie sich einfach ein! :)

DO SOMETHING ELSE

21/ 25 Millionen Menschen – und eine Verwandte im Outback

By 16. January 20173 Australien

Der Kerl mit dem Holzhaus auf dem Kopf war Mitglied einer seltsamen Truppe. Sie machten dort offensichtlich für die Besucher ein bisschen auf bizarre Hinterwäldler und fertigten Holzschilder mit Schenkelklopfer Aufschriften wie „bearandbullshitcreek“ an. Die Bar war wild mit Memorabilien dekoriert und mit Massen von Unterwäsche all derer, die beim Billard verloren hatten und keine Runde bezahlen wollten. Ein armer, buntgefärbter Gockel hopste angebunden auf dem Tisch rum. Doch die Bar hatte tatsächlich eine Daseinsberechtigung. Die Stationhands, die auf den gigantischen Rinder Stations im Outback arbeiteten, flogen regelmäßig mit dem Flugzeug auf ein Bier ein.

Nach einem Blick auf die entlegendste Ampel Australiens, schwamm ich in Katherine in den warmen Quellen. Im Palmenwald durch den wir liefen, hingen tausende, pechschwarze und sehr große Flughunde, die schlaftrunken vor sich hin quiekten und auf den Boden schissen. An den Wasserrohren drängten sich die neugierigen, regenbogenbunten Lorikeets, eine kleine Papageienart.

Im unglaublich schönen Katherine Gorge, hatte ich die Wahl zwischen einer Kanutour und faul sein und ich entschied mich – um Geld zu sparen – für das Faulenzen. Was sich als fünf Kilometer langer Spaziergang bei 38 Grad entpuppte. Am Ende wurden wir aber mit einem fantastischen Ausblick in die Schlucht belohnt und kraxelten hinunter zum Schwimmen. Wenn mir das nächste Mal ein Aussi mit dem Wort „faul“ kam, würde ich vorsichtig sein.

In der Schlucht gab es auch große schwarze Fledermäuse, die sich laut kreischend um einen Schattenplatz stritten.

„Denen ist offensichtlich warm, weil sie sich in den einen Flügel einwickeln und den anderen als Fächer benutzen“ sagte Lara zu mir, die neben mir stand und mit zusammen gekniffenen Augen nach oben starrte.

„Hmmm … Warum sie sich nicht in einen schattigeren Baum hängen, hat wohl etwas mit den Rätseln der Natur oder einem kleinen Hirn zu tun. Wäre ich komplett schwarz, würde ich jedenfalls woanders abhängen.“

An dem Tag legten wir insgesamt 650 km zurück. Wie winzig Deutschland gegen diese Weite war.

Ich weiß nicht wie man auf die Idee kommen kann ein Buch über „Cockney-Slang“ mit ins Outback zu schleifen, aber ein Engländern hatte eines und klärte mich am Lagerfeuer darüber auf, was zum Beispiel„ Fuckin A“ hieß. Ich versicherte ihm, dass mir das im Leben bestimmt mal weiter helfen würde, sollte ich einmal in die Lage kommen, einen Londoner Hafenarbeiter beeindrucken zu wollen. Für linguistisch Interessierte: es heißt so viel wie „cool“.

Nützlicher waren die australischen „Washattergesagt?“ Sätze, die wir gesammelt hatten und uns gegenseitig präsentierten:

G‘day mate – nett Dich kennenzulernen / Guten Tag

Go on – ich bin nicht ganz sicher ob Du weißt über was Du da redest.

Wanna rage – willst Du Unmengen Alkohol trinken bis wir beide umfallen?

As mad as a cut snake – Sehr böse

She looked like a stunned mullet – Sie war schockiert.

Thongs – Flip-Flops

Kangaroos loose in the top paddock – Exzentrisch und nicht sehr schlau

Fair dinkum – Wahr, echt

Give it away – Gib´s auf

Up and down like a bride‘s nightie / up and down like a dunny seat – Ständig die Meinung wechseln

Bloody oath! – Definitiv wahr.

Nur um Einige zu nennen. Die sollten mir tatsächlich noch nützlich sein. Später am Abend hörten sich meine ersten Versuche am Didgeridoo sehr nach Elefantenfurz an. Einer der „Spieler“ schaffte es aber sogar dem Ding Melodien zu entringen und war so begeistert, dass man ihn gewaltsam davon wegzerren musste, weil alle schlafen wollten.

Am nächsten Tag ging es wieder um 5 Uhr los, zum riesigen, fast 20.000 Quadratkilometer großen Kakadu National Park, im tropischen Norden von Australien. Er liegt 240 km östlich von Darwin und ist der größte und bekannteste Nationalpark Australiens. Der Park gehört den Bininj und Mungguy – an das Gebiet spirituell gebunde Aboriginal-Stämme, die sich nach traditionellen Sitten und Gebräuchen liebevoll um das Land kümmern. Der Park ist von einer atemberaubenden, wilden Schönheit, mit über 200 Meter hohen Wasserfällen, Flüssen, Wetlands und einer unglaublichen Artenvielfalt. Ein Garten Eden. Allerdings mit mehr als einer Schlange. Die Regenzeit hatte noch nicht angefangen, wegen derer dann die Straßen unpassierbar werden und die Mordrate im Gebiet sprunghaft anstiegen, weil die fast 98 {67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a} Luftfeuchte die Leute aggressiv macht.
Aggressiv machten mich nur die Fliegen, die Ähnlichkeit mit unserer Stubenfliegen haben aber einem penetrant in Augen, Ohren oder Nase flogen.

Rob, der Guide hatte den Spitznamen “Feral”, weil er gerne ohne Zivilisations Ballast im Busch herum kreuchte. Er hatte viele Aborigine als Freunde und kannte sich daher sehr gut mit deren Gebräuchen und der Vegetation aus.

„Der Name „Feral“ passt bei dem auch sonst ganz gut.“ flüsterte ich Carmen, der Yogalehrerin zu.

„Wieso?“

„Laut Statistik denken Männer ja alle 8 Minuten an Sex. Bei dem muß man aber im Sekundentakt messen.“

„Aber wenn er mal über den Busch statt nackte Krankenschwestern, Möpse oder sexistische Witze erzählt ist er OK“, meinte sie nachsichtig.

„Nichts ist in Ordnung, wenn ein Mann mit vierzehn Jahren konserviert wurde und noch mit Ende Dreißig versucht, mit sexistischen Witzen, Frauen zu erheitern“ raunzte ein älterer Schweizer– seines Zeichens Psychoterapeuth und dem Namen Urs – der uns zugehört hatte.

Dem war nichts hinzuzufügen.

Bei der Bootsfahrt auf dem St. Mary River hatten wir Glück mit dem Wetter und die Boote waren so niedrig, dass ich mich fragte, was die riesigen „Salties”, die Salzwasser Krokodile, eigentlich davon abhielt hinein zu springen und sich ein Touristen Häppchen zu sichern. Vermutlich nichts und sie verdauten grade noch einen.

Was kein Witz war, denn plötzlich gegann Feral laut „Back, back“ zu brüllen und zum Ufer hin mit den Armen zu winken. Dort liefen zwei Typen im Abstand von drei Metern am Wasser entlang. Sie kapierten aber recht schnell und hauten ab. Salties sind unglaublich schnell und waren auch schon landeinwärts gewandert und hatten Menschen aus dem Schlafsack gezerrt. Eine Frau hatte Glück, da ein paar Leute dem Biest auf den Kopf schlugen, bis es los lies. Was sie selten tun, bei einem Druck von drei Tonnen auf den Kiefern.

Respekt hatte ich auch vor einem Vogel mit einem sehr grossen Schnabel, der sogar die dicke Krokodilhaut durchschlagen kann.

„Er klaut sich gerne deren Fische und tötete alles was in sein Revier kommt. Auch Artgenossen. In der Paarungszeit, wird das erste Weibchen das auftaucht, gefressen. Die Nächste hat dann (eventuell) mehr Glück,“ erklärte Feral.

„Das ist ein bisschen wie mit der „Absprungfrau“ nach einer harten Trennung,“ sinnierte einer der Engländer.

Besann sich aber schnell darauf den Mund zu halten. Vermutlich da ihm einfiel, dass er sich mit einer Überzahl an Frauen, in einem Kanu, auf einem mit Krokodilen versuchten Fluss befand, die ihn alle aus schmalen Augen anstarrten. Die Frauen, nicht die Krokodile.

Wie sahen einen großen Adler, Wildgänse rauschten über uns hinweg und einen Wasserbüffel mit riesigen Hörnern, der wie Pferde und Kamele eigentlich nicht nach Australien gehörte, stand Schilf kauend im flachen Wasser. Am nächsten Tag schauten wir uns eine der bekanntesten Felsenmalereien der Welt an. Im Röntgenstil gezeichnet, sah man die abstrahierten Innereien der Tiere und Menschen, in den typischen Farben Rot, Ocker Schwarz und Weiss, auf die Felsen gemalt.

Der Ausblick vom Felsen in alle vier Himmelsrichtungen über die „Wetlands“, war wunderschön. Auf dem Weg zu den Jim Jim Falls wurde mir klar, warum wir im 4WD unterwegs waren. Auf der Buschpiste haute es uns hin und her und wir durchquerten rumpelnd und schlingernd zwei Wasserläufe, so dass man sich später die Knochen wieder an den richtigen Platz sortieren musste. Vieles von dem, was wir sahen, hätte ich alleine nie zu Gesicht bekommen, da es eine besondere Technik gibt, Flüsse zu durchqueren und die Autos einen hohen Auspuff benötigen.

An den darunter liegenden Twinfalls war es traumhaft, man konnte aber leider nicht schwimmen, weil sich ein schlaues altes Krokodil das sich dort angesiedelt hatte, nicht von den aufgestellten Ködern in die Fallen locken lies. Die Jim Jim Falls bilden nur in der Regenzeit Wassserfälle. Dann sind sie allerdings auch unzugänglich und nur aus der Luft zu besichtigen. In der Trockenzeit kann man aber bis in das Becken laufen und in dem– von beeindruckenden 200 Meter hohen Felswänden umgebenen See – schwimmen oder an dem schneeweißen Strand liegen. Der See war eiskalt aber wir stürzten uns hinein. Ich zuletzt, da ich die darwinsche Evolutionstheorie etwas abwandelte und mir dachte:

„Der Schnellste stirbt zuerst, wenn hier auch ein Saltie drin ist“.

Über dem Wald flogen Schwärme weißer Sufurrested Kakadus wie wirbelnde Blütenblätter hinweg und sammelten sich zu Tausenden in den Bäumen. Die Luft schrillte und vibrierte von ihren Kreischlauten. Am letzten Abend zog ich mit einer Gruppe Iren durch ein paar Bars, auf der erfolglosen Flucht vor 70er und 80er Jahre Musik. Aktuelles hatte ich seit ich in Australien war noch nicht gehört.

Kaum stand ich mit einem Bier am Tresen, näherte sich ein großer, gut aussehender Australier, der sich als Daniel vorstellte. Gab es hier ein Labor, wo sie diese durchtrainierten, blonden Surfertypen züchteten?

Ich fragte ihn genau das.

Daniel lachte ein bisschen geschmeichelt: „Das hier ist ein Outdoor Land. Die eine Hälfte surft, die andere ist im Busch unterwegs, hackt Holz usw.“

„Bei uns in Deutschland sind die dürren Bürotypen in der Überzahl.“ seufzte ich.

„Beautiful, du bist jetzt in Australien. Welcome,“ grinste er.

Daniel war lustig und charmant, wie die meisten australischen Jungs, die ich kennen lernte und nach zwei weiteren Bier bot er mir an, mich mit seinem Jeep in den Litchfield National Park mitzunehmen. Für den hatte ich widerwillig ein letztes Bus Ticket gebucht, weil auch er mit normalen Autos nicht zugänglich war. Am nächsten Tag sammelte er mich vor meinem Backpacker mit einem klassischen 4WD Pickup auf, und wir fuhren zum Ticket office, wo ich die Karte wegen der 24 Stunden Policy nicht zurück geben konnte.

Also fuhren wir zum Barry Springs, wo wir in den mit Orchideen überwachsenen Seitenarmen schwammen, die mir mit der wilden und bunten Vegetation und den bunten Schmetterlingen und Vögeln, die über uns schwebten, wie ein Fantasie Land erschienen. Ich war wie verzaubert von der wilden Schönheit. Am Abend fuhren wir zurück und kaufen Sandwitches. Ich musste mich mit Daniel fast schlagen, damit ich wenigstens das Essen bezahlen durfte. Wir fuhren zur Mindil Beach, wo wir, auf dem Ende der Ladefläche sitzend, gerade noch den Rest eines schrill pinkfarbenen Sonnenuntergangs sahen. Auf der Rückfahrt hatte ich für meinen Bruder ein Didgeridoo gekauft, das Daniel ganz gut spielen konnte, während ich weiterhin Elefantenfürze produzierte.

„Du musst den Mund halb, in der mit Bienenwachs umschlossenen Öffnung haben, die Lippen müssen dabei vibrieren. Die Seite des Mundes, die draußen bleibt muss aber geschlossen sein. Nebenbei solltest du noch atmen …“

Ich versuchte es.
„…und vergessen, dass das Ding von Termiten ausgehöhlt wurde“, lachte er, während ich das Didgeridoo ausspuckte und ihm meinen Ellenbogen in die Rippen haute.

„Wird mich irgend etwas töten wollen, wenn ich mit den Füssen ins Wasser gehe?“ fragte ich und starrte in die sich senkende Dunkelheit.

“Du schaffst es nicht mal bis zum Strand“, kam prompt die Antwort. Da er keine Miene verzog, nahm ich das ernst.

„Hat dich mal ein Box Jelly Fish erwischt?“

„Jaaaa, nicht direkt, aber wenn sich was am Fischköder verfängt und man sich damit, weil man schwitzt, über das Gesicht wischt, dann ist das schon sehr unangenehm.“

Sehr unangenehm. Ich Weichei hätte jetzt gesagt, dass es höllische Qualen sind, wenn einem jemand minutenlang glühende Zigarettenstummel auf die Haut drückt und die Viecher einen in kurzer Zeit töten können. Aber die Jungs hier waren offenbar kernig.

Nach einigen „4 xxxx“ sangen wir – die Ladefläche des Pickups als Bühne nutzend – Robbie Williams, tanzten und machten idiotische Fotos auf dem Dach des Trucks. Ich hatte selten soviel Spaß gehabt, seit ich in Australien angekommen war. Danach brachte er mich brav nach Hause. Wir wollten uns nach meiner Tour am nächsten Tag wieder sehen.

Ich weiß nicht genau wann es passiert war aber irgend etwas, das wie ein Stahlband um mein Herz lag, begann sich zu lockern. Ich hatte es immer geschafft, mich alleine an stille Plätze zurück zu ziehen. Die unglaubliche Weite dieses Landes, mit seinen endlosen Horizonten und seiner rauhen, wunderschönen Natur, hatte meiner Seele den Platz und Freiraum gegeben, den sie in Deutschland nicht hatte. Ich kann keine bessere Beschreibung dafür finden, als dass irgendetwas in mir sich ausdehen konnte und damit leichter wurde. Vielleicht auch weil die Menschen hier mit einer Leichtigkeit lebten, die uns in Deutschland völlig fremd ist und die sich langsam auf mich übertrug. Und ich hatte langsam genug von vielen Menschen. Ich brauchte sie nicht mehr um hinter ihnen zu verschwinden.

Im Museum von Darwin, wo ich zunächst mit dem Bus hin fuhr, gab es eine sehr gute Abteilung über Aborigine Kunst und die Tierwelt Australiens. Endlich konnten die Viecher mal nicht wegrennen, wenn ich sie näher betrachten wollte. Ist schwierig wenn man ausgestopft oder gefriergetrocknet ist.

Im Bus zum Park traf ich dann drei lustige Krankenschwestern namens Sharon, Shirley und Shelly (ein Witz), die sich gut auskannten. Als wir an einem zerstörten Gebäude vorbeikamen, erklärte mir Selly: „Die australische Armee hat hier vor Jahren bei einem Übungsflug eine Bombe verloren, die das Gebäude traf und die Frau und die Kinder des Besitzers umbrachte. Der landete in der Nervenheilanstalt. Die Army bestreitet bis heute dass sie es waren.“

„Wer fliegt eigentlich sonst noch so mit Bomben rum fragt man sich da spontan“, meinte ich.

„Ja, die Army sammelte die Bombe auch ein. Obwohl sie ihnen ja nicht gehört. Aber man ist ja hilfsbereit. Der Rechtsstreit läuft bis heute.“

Im Park, der an Schönheit dem Kakadu National Park in Nichts nachstand, hatten wir wieder oft Gelegenheiten zu schwimmen. Auf einem schönen Aussichtspunkt sprach mit eine freundliche ältere Frau an und ich stellte mich ihr vor.

„Hallo, ich heiße Jeanette Bouffier.“

Ich erwähnte sonst nie meinen Nachnamen und ich weiß nicht warum ich es dieses Mal tat. Aber was die Frau, deren Augen fast aus den Höhlen traten, daraufhin sagte, haute mich um.

“Ich heiße auch Bouffier” sagte sie. Mit eindeutig australischem Akzent.

Sollte ich hier, mitten im australischen Outback, auf der anderen Seite der Weltkugel, unter 25 Millionen Menschen, über eine australische Verwandte gestolpert sein? Das gab´s doch gar nicht …

Roadtrain-Australien

Kakadu-national-Schlange-Echse

Kakadu-National-St.-Mary-River

Kakadu-national-Park-Wetlands2

Kakadu-national-Park-Wetlands

Kakadu-national-Park-Termiten

kakadu-national-Park-Sonnenuntergang

Kakadu-national-Park-Schildkröte

Kakadu-national-Park-Flughunde

Kakadu-National-Park-2

kakadu-1Australien-Kakadu-National-Jacaranda

Jim-Jim-Falls