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DO SOMETHING ELSE

20/ Das Herz Australiens

By 6. January 20173 Australien

Ich saß im Flugzeug nach Alice Springs und in meinem Hirn schossen Gedanken wie Schwalben herum.
„Du bist so mutig“, hatte eine Freundin am Telefon in Brisbane gesagt.

Einen Scheiß war ich.

Was war schon mutig mit ausreichend Geld und einem Rückflugticket auf einen relativ sicheren Kontinent zu fliegen? Waren die Mutigen nicht diejenigen, die eine Familie gegründet und ein Haus gebaut hatten? Die tagtäglich zur Arbeit gingen und dem Druck stand halten mussten, die Hypothek abzuzahlen und ihre Kinder zu versorgen? Die das Risiko eingingen verletzt zu werden, zu scheitern mit ihrem Traum und alleine da zu stehen mit der Verantwortung?

Ich hatte doch nur die Verantwortung hingeschmissen. Von der ich nicht mal wirklich welche hatte für irgendwen. Wieso hatte ich mich so über meinen Chef mokiert, der – um aus seinem unglücklichen Familienleben auszubrechen – am Wochenende Motorcross fuhr? Meine Flucht aus dem Alltag war doch das gleiche in Grün gewesen. Ein Pferd eben. Dehnte ich die Flucht nur ein Jahr aus? Durfte man das? Mal ausbrechen, während die Anderen weiter machten? Wie würde mich das Jahr beeinflussen? Hätte ich den Mumm mein Leben danach radikal zu verändern? Oder würde ich danach wieder in einen sicheren Job gehen, mit kleinen Fluchten am Wochenende? Würde ich überhaupt noch zurück wollen oder können? Würde ich hier mein Glück finden? Oder würde ich genauso unglücklich da stehen wie zuvor und mich beschissen fühlen, weil es mir materiell so gut ging, dass ich kein Recht dazu hatte.

Ein Jahr war so viel und so verdammt wenig Zeit um mein Leben herum zu reißen.

Ich starrte in die graugrüne Steppe unter mir, die langsam zur Wüste wurde und hatte das Gefühl, in mein Herz zu blicken. Es fühlte sich genauso tot an. Meine Trennung war über ein Jahr her und manchmal schmerzte es noch so, dass mir die Luft weg blieb und die Einsamkeit vor mir gähnte wie ein schwarzer Abgrund. Ich weiß nicht warum es mir in Lateinamerika so gut gegangen war und das plötzlich so stark aufschlug. Wenn ich ehrlich war, hatte es dieses schwarze Loch in meinem Inneren schon vorher gegeben. So wie die Maya Gold und Lebewesen in den Schlund von Vulkanen warfen, um die Götter zu besänftigen, forderte mein innerer Abgrund Opfergaben in Form von Anerkennung, Anwesenheit von Menschen und Bestätigung von Außen. Um das diffuse Gefühl der Einsamkeit und Selbstzweifel zu besänftigen. Ich hatte zweimal versucht mich mit jemand anderem abzulenken. Es stellte sich heraus, dass ich nicht der Typ dazu war. Statt Trost durch die Nähe eines Anderen zu spüren, wurde die Leere nur größer. Egal wie viele Opfer dem gefräßigen Monster gebracht wurden. Es war nie genug. Es war nie satt. Fühlten sich alle Menschen so? Als ob ein wichtiger Teil fehlte? Von dem ich noch nicht mal wusste, was es war. Weil ich in der Beziehung sehr geliebt wurde, war der Abgrund weniger spürbar. Aber dann begann er sich wieder auszudehnen. Wie eines der schwarzen Löcher im Universum, das alles verschlang, was in sein Gravitationsfeld gelangte. Hätte ich gewusst, dass die Lösung dazu noch zehn Jahre in der Zukunft lag, hätte ich mich wohl aus dem Flugzeug geworfen.

Es war nicht mehr so schlimm wie damals, als ich direkt nach der Trennung und nach den Anschlägen des 11. September, nach New York flog. Alle hatten Angst. Nur ich nicht. Denn ein Teil von mir wünschte sich tot zu sein, damit endlich der zerfetzende Schmerz aufhörte, dem ich nur im Schlaf entkommen konnte. Wegen dem ich mich am Tag oft zusammenkrümmte, weil ich ihn körperlich so deutlich fühlen konnte, als sei mir ein Arm oder Bein abgetrennt worden. Wegen dem ich im Badezimmer vor der Wanne kniete, die Arme um den Körper geschlungen, Rotz und Wasser heulte und innerlich „Bitte, bitte, bitte“ schrie, ohne genau zu wissen um was ich eigentlich bat. Und versuchte den Schmerz herauszuwürgen, was nicht ging, weil er in jeder Körperzelle fest saß, wie Krebs. Hätte ich damals schon gewusst, dass der Körper ein eigenes Zellgedächtnis hat, das uns krank machen kann, hätte ich keine wissenschaftlichen Untersuchungen gebraucht, um zu wissen, dass das stimmte.

Ich hatte beim Verlieben nie halbe Sachen gemacht. Ganz oder gar nicht, das wollte ich immer. Sonst war ich lieber alleine. Das hatte ich bekommen. Fünf Jahre lang. Ich verstand Menschen nicht, die sich oft neu verliebten, beneidete sie aber darum. Denn ich litt viel länger. Und da es die erste richtig große Liebe gewesen war, bei der man glaubt, dass sie ewig hält, hatte ich keinen Vergleich und Angst, dass sich mein Herz vielleicht für immer wie ein toter, kalter Stein anfühlen würde. Ich fühlte mich schuldig, obwohl er angefangen hatte mit dem Ende. Die Beziehung brach an meinem Geburtstag im Mai auseinander und nach ewigem Hin und Her – wir konnten nicht mit aber auch nicht ohne einander – rief ich ihn an Silvester an und sagte:

„Ich will von dir fünf Worte hören: „Ich liebe dich nicht mehr.“
Am anderen Ende der Leitung war es lange still. „Ich kann das nicht sagen“ hörte ich ihn leise.
„Ich will dass du das sagst, denn ich kann nicht mehr”, sagte ich kühl, während mein Herz so stark klopfte, dass ich es hören konnte und fürchtete, es würde mir den Brustkorb sprengen.
Wieder war es lange still. „Ich liebe dich nicht mehr“, kam es dann fast unhörbar durch die Leitung.
„Gut. Jetzt ist es vorbei”, sagte ich und legte auf.

Aber es war nicht vorbei. Denn der eigentliche Grund, dass ich nicht loslassen konnte, war nicht mein Schuldgefühl oder sein gutes Aussehen oder seine warmherzige, lustige Art, die er seiner südamerikanischen Mutter verdankte, sondern dass er mich wirklich „sah“.
Er nutzte mich nicht als Projektionsfläche für das, was er sehen wollte, wie so viele Männer denen ich begegnet war. Er fühlte genau das, was ich war. Verstand meinen kreativen Geist, meine Ängste, meine Sehnsüchte, meine wilde und sanfte Seite, meine Melancholie und meinen inneren Hippie, der oft erfolglos gegen meine innere Gouvernante kämpfte. Ohne dass ich ihm je hatte erklären müssen, was manchmal in mir für ein Gefühls Tornado tobte und welche emotionalen Achterbahnen ich fuhr. Er wusste das einfach.

Er war der einzige Mensch, der mir nie sagte: “Leg dir ein dickeres Fell zu. Du bist zu sensibel.” Vielleicht weil er schon wusste, dass es irgendwann meine größte Stärke sein würde. Ich kannte mich damals selbst kaum. Ich wusste aber dass ich etwas verloren hatte, von dem ich nur ahnte, wie wertvoll es war.

Das war auch der Grund gewesen, warum ich nicht wie geplant einen Jeep gekauft hatte um alleine durch die Wüste zu fahren. Ich hatte keine Mitfahrgelegenheit gefunden und wollte auch keine einzelne Person neben mir, mit der ich reden musste. Es war nicht ungefährlich aber gut geplant sehr gut machbar. Selbst wenn das Auto liegen bleiben sollte. Das Auto und die Ausrüstung, die ich brauchte um fast ins Herz des australischen Kontinents zu kommen – und lebend wieder raus – überstiegen jedoch meine Mittel. Aber eigentlich hatte ich schlicht Angst im Outback über tausende Kilometer, alleine zu sein mit mir. Ich war noch nie so lange wirklich alleine gereist. Ich wollte in einer Gruppe untergehen. Unsichtbar sein. Ich wollte, dass sich mal jemand anderes kümmerte.

Hier war ich also um wilde Abenteuer zu erleben, wollte wieder das Mädchen sein, dass sich als Kind Schatzkarten gemalt hatte, aus aufgehäuften Sofakissen Pferde und aus Seilresten Zaumzeug gebastelt hatte. Stöcke waren meine Macheten, Kochlöffel Pistolen und alte Handtaschen meiner Mutter wurden zu Satteltaschen. Ich war Piratin, Cowboy, Beduine und immer Entdeckerin. Und ich hoffte gleichzeitig, dass mich die Reise zu der Frau machen würde, die ich glaubte sein zu können.

Auf diesem immer noch wilden Kontinent, war ich am richtigen Ort.

Und war schon in den ersten Tagen feige.

„Tolle Arbeit Jeanette. Du bekommst eine Chance, die Milliarden Menschen nie haben werden und bringst es fertig dir mit Zukunftsängsten die Gegenwart zu versauen und dir mit der Vergangenheit und Selbstkritik so richtig den Rest zu geben. Enjoy the fucking ride“, jaulte mein innerer Hippie auf. Zu meinem Erstaunen hielt die Gouvernante (Ich nannte sie Fräulein Rottmeier – ja, die aus Heidi) mal die Klappe, statt einen klugscheißerischen Kommentar abzugeben.

Ich war so schnell aus Brisbane verschwunden, wie ich konnte. Die Stadt hatte alles, was das Leben komfortabel machte und die Menschen waren unglaublich hilfsbereit. Aber weil sie noch sehr jung war, hatte sie nichts für die Seele. Sie war zu perfekt. Zu wenig Wildes, zu wenig Geschichte, zu wenig Gegensätze. Die glatten Kanten und Wänden der modernen Häuser strahlten sachliche Effizienz aus und eine Ordnung, die mich unangenehm an Deutschland erinnerte. Die weichen Formen alter Fassaden fehlten, es gab keine Risse oder bröckelnden Putz, nichts woran sich das Auge festhalten wollte und nichts, was die Phantasie anregte.

Ich liebte alte Dinge, weil ich mir immer vorstellte, wem sie gehört hatten, was sie gesehen und erlebt hatten. Ich wollte keine Ordnung in Australien, sondern das genaue Gegenteil. Es sollte aber noch zwei Monate dauern bis ich endgültig die Uhr vom Handgelenk abnahm und nicht mehr das gehetzte Gefühl hatte, irgendwo sein zu müssen. Bis ich wirklich in der Wildnis ankam, statt das Gefühl zu haben durch Disneyland zu fahren, in dem jemand den Busch nachgebaut hatte.

Der Landeanflug riss mich aus meiner Grübelei. Das Flugfeld von Alice lag einsam in einer riesigen Ebene, die sich teils bis zum Horizont erstreckte, teils von felsigen Hügeln begrenzt wurde. Die Farben der Erde reichte von Altrosa über Terrakotta bis sattem Dunkelrot. Das verwaschene Blaugrau der Pflanzen sah aus, als habe die Sonne sie ausgeblichen. Sie schienen mit einer matten, weißen Lasur überzogen zu sein, unter der die echte Farbe nur noch zu erahnen war. Dort wo bewässert wurde, leuchtete das Grün unnatürlich schrill. Der Boden war mit gelbem oder silbernem Spinnifex Gras bewachsen und darüber leuchtete ein wolkenloser blauer Himmel.

Ich hatte im Flugzeug das Buch „Spuren“ gelesen, das die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die in den 50er Jahren von Alice Springs mit drei Kamelen ganz alleine den mörderischen Treck an die Westküste unternahm. Im Zentrum Australien gibt es nur tausende Kilometer glutheiße, höllische Leere und es war ein Wunder, dass sie alleine nicht verrückt geworden war.

Ich hatte erwartet das im Buch beschriebene öde Kaff mit harten Kerlen und Pissrinnen unter den Bartresen vorzufinden. Alice Springs erwies sich aber als überraschend modern, mit einem Reptilien Zoo, einer Mall, einer Station der Flying Doctors und der School on Air, die die Kinder im Outback über Funk unterrichtet. Und Galerien, die Aborigine Kunst zu astronomischen Preisen verkaufte. Zu deren höchstem Heiligtum, dem Uluru oder Ayers Rock, war ich am nächsten Tag unterwegs.

Ich hasse Touristenorte, weil dort nie Raum für Stille ist und man jede Menge Grund zum fremd schämen hat. Auf einem Schild am Fuße des Uluru war zu lesen, dass der Weg, den die Touristen nach oben nahmen, genau dem heiligen Weg der Aborigines folgte und sie daher darum baten, aus Respekt den Felsen nicht zu besteigen. So gut wie niemand nahm Rücksicht darauf und es wälzten sich eine Karawane bergan, die aussah als würden schwitzende rote Termiten in hässlichen Klamotten über den Kadaver eines großen Tieres herfallen. Der Eindruck wurde noch verstärkt durch die Eisenstäbe, die man entlang des Pfades, auf dem der Legende nach die Götter aufgestiegen waren, in die Haut geschlagen hatte, um ein Geländer daran zu befestigen. Als hätte man eine Kirche oder Moschee mit Graffiti beschmiert und die Fenster zerschlagen.

Jenny, unser weiblicher Guide, die halb Maori war und eigentlich aus Neuseeland stammte erklärte: „Den Felsen gab es zu Beginn der Traumzeit in den Vorstellungen der Aborigines nicht in der heutigen Form. Die Traumzeitgeschichten sind teilweise mehrere zehntausende Jahre alt. Der Ulurufelsen ist in zwei mythische Hälften geteilt, in die Sonnenaufgangszeit und in die Sonnenuntergangseite Der Mythos erklärt die Form und Bildung des Uluru, insbesondere der Mutitjilda-Schlucht, in der mit der Regenbogenschlange Wanambi, die bedeutendste Traumzeitfigur der Aborigines, wohnt. Wenn ihr den felsen nicht besteigt, könnt ihr die neun Kilometer drum herum laufen und sie auch dort sehen.“

Ich lief mit einer Yogalehrerin aus Spanien den Weg entlang. Die Felsoberfläche sah aus der Nähe aus wie schuppige rote Haut, in die an manchen Stellen ein riesiges Messer klaffende Wunden geschlitzt hatte. In den Höhlen nisteten Vögel und an Stellen sah der Fels aus, wie zu Stein erstarrte riesige Wellen. Das Bild, das man auf Fotos immer vom Uluru sah – der eckiger Kastenkuchen – stimmte überhaupt nicht. Die Grundfläche ist riesig und unregelmäßig und der Anblick immer anders. Viele Stellen sind – wenigstens dort – nicht zu betreten, weil sie den Aborigines heilig sind. Zum Beispiel eine Höhle, die aussah wie der Beutel eines Kängurus. Hier kamen die Frauen hin um ihre Kinder zu bekommen. Der Felsen kann von den Aborigines für Zeremonien geschlossen werden, was erst durch die Selbstverwaltung möglich wurde.

Wie die Aborigines nach Australien kamen, weiß keiner so genau. Es wird angenommen dass das passierte, als Australien weiter nördlich gedriftet war und der Meeresspiegel niedriger lag. Vor der Ankunft der Weißen gab es über zweihundert verschiedene Sprachen und siebenhundert Dialekte. Wirft man die Aborigine in einem Topf, könnte man das Gleiche mit allen Europäern machen. Gemeinsam haben die meisten Gruppen nur die Verbindung zu ihrem Landesteil in dem sie wandern und einige Legenden, wie die der Regenbogenschlange aus der Traumzeit. Sie haben eine vom Rest der Menschheit relativ unterschiedliche Biologie. So haben Sie zum Beispiel keine Enzyme, die Alkohol im Körper aufspalten können, weil es den ja nicht – wie bei uns – seit tausenden von Jahren gab. Durch ein kompliziertes Heiratssystem wurden Inzest und Krankheiten vermieden, außerdem kennen sie die Heilwirkung von hunderten von Pflanzen in ihrem Land. Fast alles schien hier antiseptisch zu wirken.

Meinen Frieden mit dem Ort machte ich erst am Abend im weiter entfernt liegenden Camp, wo ich mir einen einsamen Platz suchte und zusah, wie die untergehende Sonne den Felsen glutrot aufflammen lies und die Nacht dem Felsen die Stille zurück gab. Am nächsten Tag ging über der Wüste die Sonne langsam auf und der Himmel war wunderschön, puderrosa und hellblau von lila Wolkenbändern durchzogen, die über dem jetzt blassrosa Felsen schwebten. Auf dem Weg zum Kings Canyon – der aussieht als habe jemand riesige, ausgefranste rote Pfannkuchen übereinandergestapelt – begegneten uns wilde Kamele, die man eine Zeitlang nach Saudi-Arabien exportiert hatte. Bis die Einfuhr verboten wurde, weil sie schneller liefen als die heimischen Tiere. Australien hatte die Verwandtschaft abgehärtet.

In den Canyons gibt es lebenswichtige Wasserstellen, in denen sich der Regen fängt und hält. Oft regnet es in zehn Jahren nicht. Dann aber so heftig, dass „flashfloods“ die Straßen unpassierbar machen. Auf dem Weg zu den Kata Tjuta oder Olgas, sechsunddreißig kuppelförmigen Bergen, von denen der Mount Olga mit etwa 560 Metern der höchste ist, machen wir Halt in einer Trucker Kneipe. Die wettergegerbten Jungs am Tresen,  in Shorts und Crocodile Dundee Hut, ließen einen kurzen Blick in Brusthöhe über die Sheilas (Australische Bezeichnung für Frauen) schweifen und wandten sich wieder ihrem Bier zu. Sie fuhren die gigantischen Road Trains, die bis zu 55 Meter lang sind und die entlegendsten Gebiete versorgen.

An den Kata Tjuta schaffte ich es gerade noch Fotos zu machen, bevor der Wind tonnenweise Staub aufwirbelte und man die Steine nur noch schemenhaft durch einen graugelben Schleier sah. Die Landschaft war beeindruckend, ich wäre gerne darin herumgewandert und ich schwor mir nie wieder eine Tour zu buchen.

Auf dem Bus stand: Only for the young and fit – it can be extreme! Das Einzige was hier extrem war, war das Schnarchen des Typen, der im Swag später neben mir sägte und den ich erfolglos mit kleinen Steinen bewarf. Ein Swag ist eine Art Schlafsack aus Zeltplane mit eingebauter Matratze, in den der eigene Schlafsack geschoben wird. Das obere Teil kann über den Kopf geklappt werden, was einem erlaubt, auch ohne Zelt draußen zu übernachten. Über mir in der eiskalten Nacht, sah der Himmel aus als habe jemand Millionen Diamanten auf dunkelblauen Samt geworfen. Sie schienen zum Greifen nah.

Am nächsten Tag stand ich vor den „devils marbels“. Riesige runde Steine, die aussehen wie gigantische rote Steinmurmeln, die das Kind eines Riesen hat liegen lassen, und die durch Erosion entstanden waren. Den Namen haben sie, weil einem Viehzüchter hier eine Rinderherde über Nacht eingegangen war. Die Viecher hatten sich mit giftigen Pflanzen, die sie über Tage gefressen hatten, selbst vergiftet. Manche Kugeln sehen aus als brauchten sie nur einen leichten Schubs um wegzurollen, daher kam auch prompt die Warnung, nicht daran hochzuklettern, weil sonst genau das passieren würde. Die Aborigines glauben, sie seien die Eier der Regenbogenschlange.

Wir übernachteten auf der Banka Banka Station und die Emus, die bis an die Terrasse der Küche kommen konnten, fielen wie Wahnsinnige über die Salatreste her. Die mussten sich um ihre Figur keine Gedanken machen, denn sie waren Haustiere und landeten nicht im Topf. Genauso wenig wie die drei roten Riesen Kängurus, die über das Gras hopsten. Um 22 Uhr zerrte ich meine „Turnmatte“ aus dem Zelt auf die Wiese – Swags gab es keine, es war warm genug – und stopfte mir Oropax in die Ohren wegen der riesigen Roadtrains, die bis in die späte Nacht vorbeidonnerten.

Vor uns lag an nächsten Tag noch eine sehr lange Strecke durch die Wüste. Langsam wurde die Vegetation dichter und über den schneeweißen Stämmen der Bäume leuchtet endlich mal frisches Grün. Soweit man sah, standen hier rote Termitenhügel in der Landschaft. Es gab welche, die bis zu 8 Meter hohe betonierte Festungen bilden, über Jahrzehnte geschaffen, von Millionen, fünf Millimeter großer Insekten.

„Wenn ich mit dem Bus dagegen fahre, sieht der hinterher nicht gut aus.“ lachte der Fahrer, als ich ihn fragte, wie stabil sie waren. „Es sind schlaue Kerlchen. Eine Art bringt Ausbuchtungen am Turm an, damit der immer genau soviel im Schatten, wie in der Sonne liegt. Damit regeln sie bis auf ein Grad genau die Temperatur im Inneren. Andere bauen schmale Türme, die genau auf der Nord-Süd Achse verlaufen. Aus den gleichen Gründen. Warum die einen so und die Anderen anders bauen, weiß keiner.“

In Daly Waters – einem Gott vergessenen Kaff – machten wir Halt. Früher war es mal ein internationaler Flughafen, da damalige Flugzeuge nicht ausreichend große Tanks für Kerosin hatten, um nonstop zu fliegen. Heute hat es nur noch die Funktion einer Notlandebahn für das Spaceshuttle und bald auch das nicht mehr. Als ich in die aus rohen Brettern zusammengezimmerte Bar trat, fiel mein Blick zuerst auf einen Typen, der ein Holzhaus auf dem Kopf trug…

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