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DO SOMETHING ELSE

19/ Australien – Hippies, Busch und tödliche Tiere

By 4. December 20163 Australien

Ich stand seit fünf Minuten auf australischem Boden und bisher hatte nichts versucht mich umzubringen. Ich war fast ein wenig enttäuscht.  Immerhin war ich von wohlmeinenden Menschen seelisch darauf vorbereitet worden, dass mir praktisch alles in Australien nach dem Leben trachten würde. Vielleicht wollten sie mir aus Neid auch einfach die Vorfreude versauen. Dafür hatte ich zwar keine Beweise aber man glaubt ja gerne die absurdesten Dinge über Andere, ohne einen Beweis dafür zu haben – außer der eigenen Paranoia.

Ich war um 7 Uhr am Morgen in Brisbane gelandet, von einem strahlend blauen Himmel begrüßt und mit ausgesucht australischer Höflichkeit vom Zoll völlig auseinander genommen worden.

„Und sie wollen nicht in ihrem Job hier arbeiten?“

„Nein, nein, dafür ist mein Englisch zu schlecht“, antwortete ich in Glocken klarem Englisch, fing aber gegen Ende des Satzes geistesgegenwärtig an, etwas zu stottern. Falls das hier amerikanische Verhältnisse waren, konnten die mich auch heim schicken, wenn sie den Verdacht hatten, dass ich illegal bleiben wollte. Ich war aber wohl glaubhaft, denn mit dem freundlichen Hinweis, daß das Eintragen des sechsmonatigen Visums in den Pass im DIMA office auch noch eine Woche Zeit hat, war ich entlassen.

“Have a great time, lurve.” rief er mir noch hinterher.

Das Land fing spntan an mir zu gefallen. Dabei war ich eher zufällig hier gelandet. Aber es passiert ja nichts umsonst im Leben. Mal sehen, wohin mich das führen würde.

Das Wetter war kühl und ich fühlte mich so gar nicht wie in Australien. Vom Bahnsteig fiel mein Blick auf Kmart und Subways und McDonalds. Vielleicht war ich doch im falschen Flieger gewesen? Es wirkte alles eher amerikanisch. Das Känguru das ich meinte auf dem Rollfeld gesehen zu haben, war wohl eher eine dem Jetlag geschuldete Halluzination gewesen.

Ich wartete auf den Zug der mich nach Nimbin bringen würde. Ja, genau, das ist der Ort wo Drogen geduldet werden, einem die Joints direkt in den Mund fliegen und das Cannabis praktisch in die Bong wächst. Bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: es gibt dort auch Aussteiger, die Retreats aufgebaut haben. Zu einem davon, das Freunden einer Freundin aus Deutschland gehörte, war ich unterwegs. Mein erster Job gegen Kost und Logis.

Der Zug kam quietschend zum Halten und vor mir prangte der Name in riesigen Lettern: Gold Coast. Das klang schon eher nach Down Under.

Mit ein paar kalten Nudeln im Magen stieg ich später in den Bus nach Nimbin um und wurde herzlichen an Bord begrüßt.

„Gdayyourupearlmate.“

„Excuse me, what?“

„Good day, you are up early mate.“

„Ahhhh.“

Das konnte ja lustig werden. Ich war der einzige Fahrgast und bekam vom enthusiastischen Fahrer (in kurzen Hosen mit weißen Kniestrümpfen, was hier bei Männern ab einem bestimmten Alter Mode zu sein schien) eine exklusive Sight Seeing Tour und erfuhr zum Beispiel, daß Australien der flachste Kontinent ist und fast keine geologische Aktivität hat.

Zumindest reimte ich mir das zusammen, denn was er sprach klang nicht wirklich nach Englisch. Das war ja schon bei der Begrüßung klar geworden. Ich war das snobbystiffupperlip Englisch der Briten und das Kaugummi kauende, nölige Englisch der Amerikaner gewöhnt aber das hier war eine ganz andere Nummer. Der Gute zog alle Konsonanten so in die Länge, dass aus „nice“ ein „noooooice“ wurde. My wurde zu mi. Dazu kürzte man offenbar Worte gerne ab und hängte statt der Endung ein „o“  oder „y“ dran. Aus „definitely“ wird „defo“ aus „afternoon“ „arvo“, aus „registration“ „reggo“ und aus breakfast „brekky“. Die Liste schien endlos zu sein.

Nicht verwunderlich, dass ich ein paar Anlaufschwierigkeiten hatte (die etwa vier Monate dauern sollten).

„Die Abwesenheit von Erdbeben wird aber durch die gefährlichen Viecher hier wieder aufgewogen, oder?“ warf ich ein.

Er lachte.

„Praktisch jeder australische Haushalt hat ein Buch über die gefährlichsten Tiere Australiens. Es ist 5 cm dick und auf jeder Seite wird ein Tier beschrieben. Dass die Tiere hier so giftig sind, liegt daran, dass Australien ein sehr lebensfeindlicher Kontinent ist. Wenn das Gift schnell tötet, müssen die Jäger das Opfer nicht lange verfolgen und sparen Energie.“

Alles klar. Ich konzentrierte mich auf die Landschaft. Australien ist etwa so groß wie die USA, aber die vier Jahreszeiten sind umgedreht, d. h. wenn bei uns Sommer ist, haben sie Winter. Wobei es im Norden die meisten Sonnentage gibt. Australien sieht von West nach Ost etwa so aus: Bewohnte Küste, Busch, gigantische, gigantische menschenfeindliche Wüste (Outback), Busch, bewohnte Küste. Und im Norden ist es so richtig schön subtropisch.

„Straya“, wie es die Einheimischen liebevoll nennen, ist zugleich eine Insel und ein Kontinent, der zugleich ein Land ist. 80{67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a} aller Tierarten gibt es nur hier, davon drei der zehn giftigsten Schlangenarten weltweit. Woher die Aborigines einst kamen ist bis heute ein Rätsel. So alt wie die Kultur ist, müssen sie über das Meer gekommen sein. Hätten dann aber die Seefahrt danach komplett vergessen. Was etwas unlogisch klingt. Die Besiedlung durch Europäer begann wenig rühmlich. Australien wurde quasi als Gefängnis genutzt. Was die Engländer an Menschen loswerden wollten, verschifften sie nach Australien.

Vielleicht kam die deutlich verwegenere Art der australischen Männer die ich noch kennen lernen sollte daher, daß eine Menge von ihnen einen Knacki im Stammbaum haben.

Australien ist zudem das Zuhause des größten Lebewesens der Erde, dem Great Barrier Reef. Dafür fällt die Bevölkerung mit knapp 20 Millionen Menschen weltwirtschaftlich gesehen, nicht groß ins Gewicht.

Der Bus kurvte jetzt bergan. Eigentlich hätte ich Marc kurz vor Ankunft anrufen sollen, was mit meiner neuen Prepaid Karte auch kein Problem gewesen wäre, hätte das Mobiltelefon in der hübschen Berglanschaft durch die wir jetzt fuhren, auch mal funktioniert. Aber wie groß konnte so ein Hippie Ort schon sein?

Nicht allzu groß wie sich herausstellte. Die Architektur erinnerte ein wenig an eine Western Stadt. Allerdings  psychedelisch angemalt. Die gängige Frisur waren offenbar Rasta Locken und manche Leute sahen aus, als seien sie seit den Siebzigern stoned. Man konnte manche Gesichter vor lauter Joint kaum sehen. Dazwischen tummelten sich – nicht weiter überraschend – junge Backpacker.

Ich bekam auch gleich etwas angeboten. Geht das hier kiloweise?
Ich flüchtete in einen alternativ angehauchten Laden, unterhielt mich noch ein bisschen mit einem Ladenbesitzer und nach 15 Minuten tauchten Marc und Sue mit ihrer kleinen Tochter Kara auf und begrüßten mich herzlich. Das Gepäck landete auf dem Pickup und ich lief um das Auto rum.

„Willst du fahren? grinste Marc.

„Wieso?“ fragte ich blöde.

„Du stehst auf der Fahrerseite“

An die Linksfahrerei würde ich mich NIE gewöhnen und am besten nicht selbst fahren. Nach weiteren 15 Minuten Fahrt über Schotterwege kamen wir an der Red Sheep Farm an.

„Wir haben keine Schafe aber trotzdem rufen Leute permanent an um eines zu kaufen.“ erzählte Sue.
„Nach was fragten sie auf der Ponderosa? Ponderosas?“

Schafe gab es also keine in dem kleinen zwölf Hektar großen Paradies aber dafür neugierige Wallabys, die so niedlich waren, dass ich sie am liebsten tot knuddeln würde. Und eine Python Schlange, der die Idee vermutlich auch kam, als sie MICH sah.
Auf der Wiese am Hang verteilen sich fünf sechseckige Gebäude, ein Gemüsegarten und Palmen, vor einem Hintergrund aus dichtem, grünen Busch, der das komplette Grundstück umwucherte.

Von meinem riesigen Zimmer unter dem Dach, das rundum Fenster hatte,  schaute ich direkt ins Tal und den Regenwald. Da die Woofer Hütte, wo Helfer normal untergebracht wurden, fünf Monate leer gestanden hatte und sich Buschratten darin eingenistet hatten, wurde es mein erster Job sie zu putzen. Woofer Hütte hieß sie, weil es ein Buch gibt mit diesem Titel (Willing workers on organic farms), das Adressen in Australien auflistet, wo man gegen Kost und Logis arbeiten kann. Meist waren das drei bis fünf Stunden am Tag.

Die Familie baute das meiste Essen selbst an. Biologisch natürlich. Abgewaschen wurde nur mit heißem Wasser (direkt aus dem Regenwald in den Bergen) und Eukalyptusöl, denn das Brauchwasser lief direkt in den Garten.

Am dritten Tag kämpfte ich in Sues alter, rosa Schwangerschafts Latzhose und mit einer Machete bewaffnet, gegen Lantana. Eine aus Europa eingeschleppte Pflanze, die sich Seuchenartig ausbreitet und der einheimischen Pflanzenwelt den Garaus macht. Das Zeug wuchs höher als ich und kratzte wie verrückt. Ich lerne schnell mit der Machete in dieselbe Kerbe zu hauen, statt dreißig Mal daneben und zudem mein Bein bei der Aktion zu behalten.

„Zieh Handschuhe an“, rief mir Sue zu und hielt mir welche hin.

„Ja, kratzt ganz schön.“

„Nein, wegen der Spinnen.“

„Was?“

„So schlimm ist es auch nicht. Man hat genug Zeit um von hier aus ins Krankenhaus zu kommen.“

Ich riss ihr die Handschuhe aus der Hand.

Nach sechs Stunden hatte ich das Meiste geschafft und saß schnaufend auf dem Boden, als Marc vorbei kam und lapidar meinte:

„Da würde ich nicht sitzen bleiben.“

„Warum?“

„Schlangen. Setzt dich nie neben ein Loch im Boden.“

Ich schoss vom demselbigen hoch. Müdigkeit ist überbewertet.

„Wie sieht es denn sonst so mit Schlangen und Spinnen hier aus?“ fragte ich, noch immer das Loch im Auge behaltend.

„Es gibt hier verschiedene Spinnen (es folgte eine lange Liste) und auch Schlangen (es folgte eine wenig kürzere Liste). Die Schlangen machen kaum was, wir hacken sogar neben denen Unkraut. Aber wenn du sie bedrohst oder wie unsere Nachbarin kürzlich, Nachts raus gehst und aus Versehen drauf trittst … das ist halt blöd. Aber du hast Glück, um die Jahreszeit gibt es immerhin keine Blutegel.“

„Schön.“

„Ach so, ja, Zecken natürlich noch. Aber da sind nur die Paralysing Tics richtig gefährlich.“

„Na so ein Glück“, meinte ich ironisch.

Mentale Notiz: beim Unkraut rupfen nicht mehr ohne Handschuhe unter Steine greifen oder in dunklen Ecken rum kruschen. Zecken wurden mir dann am Abend gleich drei, während einer OP am Küchentisch, aus dem Nacken entfernt. Gras Zecken. Ich Glückspilz. Danach schnappte ich mir die Bibel der tödlichen Tiere und las fürs erste die Abteilung Zecken, Spinnen und Schlangen akribisch. Das war nicht schön, erwies sich aber als nützlich.

Ich fiel nach einem leckeren vegetarischen Essen wie tot ins Bett, um am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang von Lärm geweckt zu werden.

Rotblaue Papageien kreischten sich die Seele aus dem Hals. Manche – die sich als Kookaburras entpuppten –  klangen wie übergeschnappt lachende Menschen, andere wie brüllende Affen, quietschende Türen, singende Sägen oder hatten auch mal eine schöne Melodie drauf.

Ich stolperte müde in die Dusche, die schön mit Steinen gefliest und fast komplett verglast war. Ich hatte das Gefühl ganz alleine im Busch zu duschen.

Ich war aber nicht alleine.

Vor mir auf dem Boden der Dusche saß etwas Schwarzes mit ziemlich vielen Beinen. So viel konnte ich ohne Kontaktlinsen erkennen (Ich bin ohne die, so blind wie eine Fledermaus ohne Echolot).

Ich beugte mich vor um die Spezies zu identifizieren. Eindeutig eine Spinne. Aber was für eine?

Als wir fast mit der Nase zusammen stießen, richtete sich das Tier auf den Hinterbeinen auf.

„…die männliche Funnel Web Spinne richtet sich – wenn sie sich bedroht fühlt – kurz vor dem Angriff auf den Hinterbeinen auf. Nach dem Biss hat man wenig Zeit um …“

Während ich noch dachte, dass ich das doch gestern gelesen hatte, schoss ich auch schon wie von einer Kanone abgeschossen aus der Dusche.

Aufregendes Land. Dabei hatte ich praktisch noch nichts davon gesehen.

„Wie sind die Australier denn so drauf?“ fragte ich am Frühstückstisch, noch etwas blass um die Nase.

„Hmmm, Pünktlichkeit ist nicht so ihre Sache, sie ziehen liebend gerne um, haben im Schnitt sieben Jobs im Leben und vom Mini Problem bis zur Katastrophe wird alles mit dem gleichen „It‘ll be OK mate“ bedacht.“

„Der relaxte Lebensstil hier gefällt mir jedenfalls.“

„Ja, wir arbeiten auch wie wir wollen in der Töpferei, im Garten, oder bauen am neuesten Haus.. Man adaptiert das schnell“, grinste Sue.

„Als ich vor zwanzig Jahren aus Deutschland hier ankam – meine Mutter war Australierin – war das Land eine Bananenplantage und danach eine Viehweide gewesen, auf der noch drei Bäume standen. Relaxed war es da erst mal nicht. Aber hier konnte ich miene Träume umsetzen, in Deutschland ging das nicht. Es war alles zu klein.“, erzählte Marc weiter.
Ich blickte sprachlos auf den wuchernden Wald um uns herum.

„Das hast du alles angepflanzt?“ Ich konnte es kaum glauben.

„Ja, neben allen einheimischen Pflanzenarten auch einen Eukalyptus Gürtel für Koalas, um den Tieren das Umherziehen zu ermöglichen. Das ist das Schlimmste für sie, wenn sie über Straßen müssen. Dort werden sie oft überfahren.“

Leider sah ich keinen der kleinen Kerle und nach einer Woche in dem kleinen Paradies, verabschiedete ich mich von den Dreien und fuhr mit dem Bus nach Brisbane.

Wäre die Bus Panne die uns ereilte im Outback passiert, könnte ich das etwas dramatisch aufbauschen. Aber leider platzte der Reifen fünfzehn Minuten vor Brisbane auf der Autobahn. Der einzige andere Typ im Bus war so stoned, dass er zur Problemlösung vorschlug, er würde sich jetzt erst Mal eine Kippe anzünden und die Situation abwägen. Aber Rettung nahte…

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