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DO SOMETHING ELSE

18/ Ometepe und meine letzten Tage in Lateinamerika

By 30. November 20162 Nicaragua

Nach einer zermürbenden Busfahrt, die einem Saunabesuch in nichts nachstand,
brachte uns ein Seelenverkäufer von Fähre über den See zur Insel. Er erschien uns wie ein Meer wegen seiner unglaublichen Größe.
Die beiden Lavakegel, aus denen Ometepe besteht, erhoben sich vor einem strahlend blauen Himmel. Nur um die Spitzen der Vulkane, die aus dem satten Grün das sie umgab ragten, schwebte ein kleiner Wolkenkranz. Der größere der beiden, der Conception, wirkte noch gigantischer und beeindruckender, als wir an der schäbigen Mole anlegten. Vor einem Hafengebäude, das aus einem schmutzigen Robau bestand und vermutlich „manana“ (Morgen oder auch nie) weiter gebaut wurde.

Zwei weitere Stunden holperten wir über staubige Schotterstraßen, an kleinen Hütten und an Bananenplantagen vorbei. Passierten dicke Schweine, die deutlich klar machten, dass die Uhren hier langsamer tickten und daher erst vom Weg gehupt werden mussten und wurden von kläffenden Hunden verfolgt, deren einziger aufregender Lichtblick des tages offenbar der Bus war. Dann kamen wir in Merida an.

Das Dorf bestand aus einer schlammigen, von gigantischen Mangobäumen überschatteten Dorfstraße, an der Weiden und Hütten lagen. Die Luft war jetzt so heiß, dass man sie fast wie ein nasses Tuch greifen konnte. Ein Hostel das nur aus Bambuswänden mit Lehmboden bestand, war ausgebucht, so dass wir erfreulicherweise in der Hacienda Merida landeten, die einmal eine Kaffeeplantage gewesen war aber jetzt der Tourismusbehörde gehörte. Das Haus war wunderschön. Mit Hängematten die zwischen den Säulen der umlaufenden Veranda aufgehängt waren und einem großen Garten, in dem Jakaranda Bäume und Hibiskus mit riesigen duftenden Oleander Büschen und orange glühend Strelizien Blüten um die Wette leuchteten und sich pinkfarbene und weiße Orchideen wie Wasserfälle von den Ästen der Bäume ergossen. Schmetterlinge und winzige Kolibris schossen durch die Luft, die nach Tierdung, Moder und zerplatzten Mangos roch.

Wir ließen uns in den Schaukelstühlen mit Blick auf den See nieder und genossen einen Sonnenuntergang, der so kitschig lila, rosa, pink, orange und rot am Himmel glühte, dass ich mich an die letzte Szene aus „Vom Winde verweht“ erinnert fühlte, wo Scarlett vor einem grell gemalten Sonnenuntergang „Morgen ist auch noch ein Tag“ in die Ferne seufzt.

„Morgen ist auch noch ein Tag“, seufzte ich meinerseits und schlappte an einem irritierten Tom vorbei Richtung Bett.

Schlafen erwies sich allerdings als unmöglich. Unter dem Moskitonetz war die Luft zäh und klebrig wie frische Zuckerwatte. Als ich erfolgreich das Netz heruntergerissen hatte, klatschten pausenlos gigantische Insekten auf mich herab, mit deren Abwehr ich vollends beschäftigt war. Bis es zu schütten begann und ich auf der klatschnassen Schaumstoffmatratze – die bei jeder Bewegung schmatzende Geräusche machte und dem Geruch nach zu urteilen, schon öfter nass geworden war – ohnehin nicht mehr schlafen konnte.

Völlig übermüdet, liefen wir am nächsten Tag durch das Dorf, bestaunt von kleinen Kindern, Hunden und Schweinen, die sich an den herunterfallenden Mango satt fraßen und die wie die Rinder, Pferde und Hühner meist frei
herum liefen. Ometepe kam mir vor wie ein kleines abgeschottetes Idyll in Nicaragua. Ein Nimmerland, mit freundlichen Menschen, denen es relativ gut ging, auch wenn sie einfach lebten. Das sah man auch den gut genäherten Tieren an. Der relative Wohlstand lag wohl auch daran, dass sich die Inselbewohner die Transportmöglichkeiten samt und sonders teuer bezahlen ließen. So teuer, dass unser Budget dafür nicht reichte.

Nach zwei Tagen Regen raffen wir uns auf und mieten ein Kayak um zur Affeninsel zu paddeln. Sie ist ziemlich klein und man sollte sich nicht zu nahe heran wagen, wurden wir informiert. Was dann passieren würde, wussten wir nicht. Aber dass auf einem Felsen drei riesige schwarze Geier saßen, die jeder unserer Bewegungen folgten, verhieß nichts Gutes. Am Ufer warfen Fischer im Wasser stehend, ihre Netze aus und Kinder tauchen mit lautem Kreischen von den Felsen.

Wir paddelten weiter hinaus auf den See. Vor uns ragte der riesige, absolut perfekte Vulkankegel des
Concepción aus dem Uferdickicht auf. Dahinter schwebten leuchtende Wolkenformationen.

Es war einer dieser unwirklichen Augenblicke in denen die Zeit still zu stehen schien und ich das Gefühl hatte, die Welt zum ersten Mal zu sehen. Ich saß in einem Kajak mitten in Nicaragua und starrte dieses gigantische Naturschauspiel an. Am Horizont ging die Sonne langsam unter und der Himmel schien in schreienden Pink und Orangetönen in Flammen zu stehen.

„Ich sollte an die Knalltüten, die die Agentur an die Wand gefahren und mich rausgeschmissen haben, eine Dankeskarte schicken“ meinte ich plötzlich zu Tom.

„Eigentlich kannst du mit denen sogar Mitleid haben“, meinte er.

„Man sollte es nicht gleich übertreiben aber irgendwie stimmt es. Ich sitze hier in einem Kajak in einem der schönsten Seen der Welt und ich kann hier noch Tage lang sitzen wenn ich will. Während die Typen weiter buckelnd und tretend an der Menschenmühle drehen, in einem Job den sie eigentlich hassen – wenn sie mal fünf Minuten Zeit hätten zu sich zu kommen und das auch zu merken. Und für was? Um ihre Statussymbole zu bezahlen, den SUV für die Frau, den Skiurlaub, das Haus, den automatischen Rasenmäher, die Rolex und die ganzen Versicherungen dafür. Um dann am Wochenende aus dem Haifischbecken zu robben und mit dem picco bello gewienerten Cabrio oder Motorrad in Lederhosen mit Bügelfalte, ein bisschen Pseudofreiheit zu spüren.“

„Wir passen besser auf, dass wir nicht in so einem Bühnenstück, das wir dann für das Leben halten, selbst wieder enden oder? Also ich meine Familie hätte ich schon gerne irgendwann und etwas Normalität. Aber den ganzen Werbistduwashastdu-Wahnsinn mitmachen? Ich denke nicht.”

„Ich habe noch keine Ahnung wie ich dem entgehe aber es muss auch anders gehen. Frag mich in 5 Jahren noch mal.“

Auf dem Rückweg liefen wir an einer Lehmbehausung vorbei, in deren Tür ein riesiger Hund saß, an dessen Halsband sich zwei kleine Kinder klammerten und uns schüchtern anlächelten. In der Küche konnte man die Mutter vor sich hinsummen hören. Noch vor Sekunden hatte ich mich wie ein Alien gefühlt, das durch eine fremde Welt lief und dachte, wie seltsam anders doch all das hier war im Vergleich zu meinem Leben. Aber als ich in die Augen der Mutter sah, die plötzlich im Türrahmen auftauchte, fühle ich mich ihr plötzlich erstaunlich nah. So unterschiedlich wir auch lebten und so wenig ich von ihrer Welt und ihren Lebensumständen verstand. Wir waren so unterschiedlich und doch so gleich, in unseren Seelen, unseren Wünschen und Träumen, den Gefühlen, der Suche nach dem Glück. Das konnte ich plötzlich spüren in der Energie, die zwischen uns entstand und ich dachte an meine Familie und Freunde, die so weit weg waren. Dann riss das Band, der Moment war vorbei und ich fühlte mich als ob ich etwas verloren hätte. Ich lächelte den Kindern zu und war froh, dass Tom da war und ich den Schock der Einsamkeit, den ich plötzlich gespürt hatte, nicht alleine abfangen musste. Was mich verblüffte, war, dass ich dieser Frau für ein paar Sekunden tiefer in die Seele gefühlt hatte, als so manchen Bekannten zuhause, die ich weit länger kannte. Was wäre die Welt für ein anderer Ort, wenn Menschen, die anderen etwas Schlechtes antun wollten, ihrem Gegenüber zuerst lange in die Augen sehen müssten.

Am nächsten Tag regnete es weiter in Strömen, so dass wir nach San Juan del Sur an der Grenze zu Costa Rica fuhren. Was kein Highlight war. Weil es auch hier regnete und ich langsam kein trockenes Kleidungsstück mehr hatte. Sollte ich weiter nach Coasta Rica fahren? Das Land musste wunderschön sein. Aber ich war müde von den immer neuen Eindrücken. Zurück in Granada zogen wir in eines der schönsten Hostels dort, das in einem farbenprächtigen alten Kolonialgebäude eingerichtet war. Mittlerweile aß ich alles von den Straßenständen und trank im Hostel sogar aus dem Wasserhahn, nachdem man mir versichert hatte, das Haus habe eine eigene Quelle. Da ich das Experiment überlebte, gingen mit neuen Bekannten auf die Fiesta die dort jeden Freitag stattfand und ich neutralisierte sicherheitshalber eventuell im Magen marodierende Bakterien mit medizinischem Alkohol.

Mein Geburtstag nahte und so schleppten mich Tom und unsere neuen Lebensabschnittsfreunde zu einem gigantisch großen Tanzschuppen am See, der wohl einmal eine Lagerhalle gewesen war. An den Tischen tummelten sich ganze Großfamilien. Hier tanzte alles von sechszehn bis sechsundsechzig zur dröhnenden Latino Musik und schlechter Achtziger Jahre Mucke. Der Schweiß und der Alkohol flossen in Strömen, die jungen Frauen hatten sich in enges Lycra gezwängt, während die Omis in bunten Hauskitteln und Schlappen die Hüften kreisen ließen. Ich bekam um Mitternacht ein international intoniertes Geburtstagsständchen gesungen, das mich nach vier Screwdrivern definitiv zu Tränen rührte.

Mit der Rührung war es am nächsten Tag vorbei. Einerseits angesichts meines Hangovers aber andererseits auch wegen des Vorschlags den Tom mir machte, wie wir meinen Geburtstag verbringen könnten.

„Wie wäre es wenn wir den viktorianischen Friedhof besichtigen?“

„Du bist sehr feinfühlig“.

„Wieso?“

„Es ist mein Geburtstag. Ich werde Einunddreißig. Nicht Einhundertdreißig und scheintot.“

„Der soll aber sehr schön sein, der Friedhof.“

„ICH WERDE MEINEN GEBURTSTAG NICHT AUF EINEM FRIEDHOF VERBRINGEN, SCHEISSEGAL OB DER SCHÖN IST ODER NICHT.“

„Dass du dich aber auch immer so schnell aufregst. So aus dem Nichts.“

Genau, Frauen regen sich immer aus dem Nichts auf. Völlig unvorhersehbar.
Tom hat Jahre später geheiratet. Ich vermute der Antrag erfolgte nicht auf einem Friedhof. Auch Männer sind lernfähig.

Statt dessen machten wir eine romantische Fahrt mit dem Boot durch ein Meer von blauen Wasserhyazinthen, die zwischen den vorgelagerten kleinen Inselchen an der Küste, riesige Teppiche bildeten. Monet, was hättest du hier erst malen können.

Am nächsten Tag nahmen wir rührselig Abschied, denn Tom reiste weiter auf die Corn Islands und ich weiter nach Léon. Als ich dort ankam, schossen schmutzige Wassermassen zwanzig Zentimeter hoch durch die mit Kopfstein gepflasterten Strassen. Ich kämpfte mich klatschnass mitsamt Gepäck zum Supermarkt durch. In dem die Klimaanlage auf vollen Touren lief, so dass ich spüren konnte, wie sich Eiskristalle auf meiner Haut bildeten. Aber immerhin war es dort trocken und ich konnte mich orientieren.

Ich hatte nur einen Tag Zeit um mir die Stadt anzusehen, also stürzte ich mich nach einem kurzen Besuch im Hostel zurück in die Fluten und dümpelte an Kolonialhäusern vorbei, deren bunte Farben bei Regen wirkten, als würde alten Frauen das Make-up zerfließen. Ich trieb an alten Kirchen vorbei, bis mich der Regen in ein provisorisches Museum spülte, das die Geschichte Nicaraguas seit ca. 1850 erklärte. An den runtergekommenen Wänden klebten Collagen aus wild durcheinander kopierte Buchseiten und Zeitungsauschnitten, die Beschriftungen mit Filzstift direkt daneben auf die Wand gemalt.

Es sah eher wie eine verrückte Kunstinstallation aus und Informationen fand ich nur, wenn ich suchte. Der Guide der vorne saß, öffnet die großen Fensterläden für mich und brauchte nur eine Frage von mir als Anlass, um die ganze Geschichte auswendig vom Stapel zu lassen. Leider in rasendem Spanisch.

„Wann war der Krieg denn vorbei?“ quetschte ich erfolgreich eine Frage in seine Atempause.

„Eigentlich geht er weiter. Nur sehr leise im täglichen Leben mit Armut, Inflation,
korrupter Regierung und Klebstoff schnüffelnde Straßenkindern“ antwortete er.

Ich weiß nicht wie oft mir auf meinen Reisen klar wurde, welch unglaublich luxuriöses Leben wir in Deutschland führten. Und wie schnell wir das auch wieder vergaßen, im zwanghaften Sicherheitsstreben und der Jagd nach immer mehr. Und wie eifersüchtig wir darüber wachten, diesen Schatz weiter zu horten, zu mehren und zu verteidigen, wie kleine Zinnsoldaten, die hin und her stapfen, tagein, tagaus und sich von Urlaub zu Urlaub retteten, bevor die Farbe ganz abblätterte und sie nur noch zinngrau waren. Was würde aus unserem Wohlstand werden, wenn alle ausbrechen würden? Würde es uns sogar besser gehen, wenn die Arbeitsarmee glücklicher wäre? Aber wie sollte man das hinbekommen, diese Verstrickungen und globalen Abhängigkeiten zu lösen, die Systeme zu verändern, den Malstrom anzuhalten? Wenigstens ab und zu?

Ich hatte offenbar zu viel Zeit zum Denken. Ich war im Urlaub. Wieso war ich nicht einfach mal gut drauf, weil ich endlos Zeit und Freiheit hatte? Ich glaube ich hatte das noch immer nicht ganz realisiert. Noch immer hatte ich das Gefühl gehetzt zu sein und irgendwo zu einer bestimmten Zeit sein zu müssen.

Ich lief weiter nachdenklich unter einem bleifarbenen Himmel zum Hostel zurück, wo sich schnell einige Leute für eine Unterhaltung fanden und mich ablenkten. Ich versuchte zu schlafen, da mein Bus nach Guatemala um vier Uhr am Morgen abfuhr. Allerdings hätte ich mich auch gleich auf den Tresen der angrenzenden Bar legen können, so laut dröhnte die Musik bis an mein Bett. Nachts fiel der Strom aus. Ich raffte im Stockdunkeln meine Sachen zusammen und stolperte auf die spärlich beleuchtete Straße.

Was um Himmels Willen hat mich dazu verleitet um diese Zeit einen Bus zu buchen? Daß esvgefährlich war zu dieser Zeit Taxi zu fahren, wusste ich. Allerdings hatte ich Glück und wurde unbeschadet am Ticket Büro abgesetzt.

Wo niemand war. Und auch niemand kam.

Ich fühlte wie Panik in mir aufstieg. Nicht nur weil ich nicht wusste, wo der Bus blieb, sondern auch weil ein Mann in den Lichtkegel der Straßenlaterne gegenüber trat und langsam auf mich zu kam. Ich umklammerte das aufgeklappte Taschenmesser in meiner Trekking Hose fester.

„Warten Sie auf den Bus?“ fragte er. „Der fährt an der Tankstelle ab. Das hier ist nur das Büro.“

Ich stieß den Atem aus, von dem ich gar nicht gemerkt hatte, dass ich ihn angehalten hatte und japste ein “Danke”.

Er half mir ein Taxi zu suchen, warf meinen Rucksack in den Kofferraum und schon schossen wir in die Nacht. Ich hatte keine Ahnung wohin wir fuhren und wie lang es dauern würde. Plötzlich hielt der Fahrer an. Die Beifahrertür ging auf und ein etwa vierundzwanzigjähriger muskulöser Riese mit Boxer Gesicht, Glatze, tätowierten Armen, Springerstiefeln und Armeehose stieg ein.

Ich saß in der Falle. Mich auf die Rückbank zu setzen war ein Fehler gewesen. Es gab hinten keine Türen.
Mir brach der Schweiß aus, das Herz klopfte mir bis zum Hals, so dass man es sicher bis vorne hören konnte. Ich versuchte die aufsteigende Panik niederzukämpfen und ging meine Optionen durch. Ich hatte keine.

Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Meine Eltern, meine Freunde, Momentaufnahmen aus meinem Leben, die Horrorgeschichten, die ich online gelesen hatte. Wenn ich hier verschwand, würde niemand wissen, was passiert war. Ich war so vorsichtig gewesen bisher. Und jetzt konnte ein einziger leichtsinniger, dummer Fehler mein Schicksal in Sekunden entscheiden.
Wir rasten an runtergekommenen Hütten vorbei, bis der Fahrer erneut anhielt. Mit schweißnassen Fingern umklammerte ich das Messer in meiner Hand, das ich versteckt unter meiner Tasche hielt. Glatze drehte sich plötzlich zu mir um und grinste…

“Un buen viaje” sagte er und stieg aus.

Ich hatte noch drei Stunden später im Bus einen Adrenalinpegel, wie ich ihn selten im Leben wieder erreichen sollte.

Im Bus wurden wir an jeder Grenze auf Drogen gefilzt, die Suchhunde sabberten meine letzte saubere Hose voll aber all das machte mir nichts aus. Neben mir saß ein junger Kerl, ordentlich gekleidet in ein sauberes Polohem, neben sich einen kleinen Rucksack. Er vertraute mir an, dass er auf dem Weg zurück in die USA war. Illegal natürlich. Er wollte nicht aus Nicaragua weg aber bei 70{67626ace9bd6c53a9bcc7b265dd06f195597e3a4ba85175dbc49da63c0e2884a} Arbeitslosigkeit hatte er keine Wahl. Ich sah in später nicht mehr aber hoffe, dass er es geschafft hat.

In Antigua wurde ich von Chris dem Kanadier begeistert begrüßt. Der nicht hatte mitkommen wollen und mich mit den Worten „Why travel? It´s safe here. Don´t touch anything, don´t talk to anybody, don´t eat from the street, don´t trust anybody and come back ALIVE.“ verabschiedet hatte.

Er hatte fast mehr erlebt als ich. Eine Mexikanerin hatte ihn gestalked. Allerdings war sie bereits stadtbekannt dafür, männliche Touristen auszunehmen und so wurde er gewarnt. Aus Verzweiflung hatte er sogar daran gedacht umzuziehen um ihr zu entgehen.

Mein neues Zimmer bei Hilda grenzte an den Hof einer Metzgerei und wir rätselten darüber ob ich als neuen Nachbarn den Serienkiller hatte, der In Guatemala gerade sein Unwesen trieb. das hatte mir Hildas Mann anvertraut.

Ich reihte mich am nächsten Tag in die Gruppe der Freizeit-Weltverbesserer ein und begann im Projekt
„Commonhope“ zu arbeiten. Nach dem Motto „saving the world in style“ kam ich am ersten Tag im Tanktop und Shorts angetrabt und bekam gleich den Hinweis nichts Schulterfreies zu tragen.
Statt Häuser und Öfen zu bauen, wurde ich – da ich nur einen Monat Zeit hatte – leider dazu eingeteilt. Briefe der – meist amerikanischen – Paten an ihre Patenkinder vom Englischen ins Spanische und umgekehrt zu übersetzen.
Was sich wegen teilweise kaum leserlicher Handschriften, Fehlern und dem sparsamen Gebrauch von Satzzeichen, als Sisyphus Arbeit entpuppte.

Die Mitarbeiter waren unglaublich nett aber ich sah sie eher selten und war froh, wenn ich zur Abwechslung beim Packen der Essenspakete helfen durfte und aus meinem einsamen Kabuff heraus kam.

Commonhope war strikt auf Hilfe zur Selbsthilfe ausgerichtet. Die Helfer unterrichteten die Frauen in Hygiene, wie man Hühner für den Markt züchtete, boten Nähkurs, gaben medizinische Hilfe und betrieben einen Kindergarten. Das Projekt war in einer ehemaligen Kaffee-Finca außerhalb Antiguas untergebracht.
Wer bedürftig war und ein Haus haben wollte, muss dafür vierhundert Stunden im Projekt helfen. Etwas weniger, um einen der Öfen zu bekommen, die die ungesunden und
Holz verschlingenden offenen Feuerstellen ersetzen, die die Atemwege – besonders der Kinder – angriffen.

Ich fuhr mit Maria Sara zu einem Dorf und besuchten eine Familie bei denen entschieden werden musste, ob sie Hilfe vom Projekt bekommen würden. Die erste Familie lebte auf einer riesigen Finca auf der Kaffee angebaut und Rinder gezüchtet werden. Der Familie, der sie gehörte, besaß praktisch das ganze Land und viele weitere Fincas, südlich von Antigua.
Die Arbeiter Familie lebte in einer roh gezimmerten Bretterbude mit gestampftem Lehmboden, in der man in Deutschland keinen Rasenmäher unterbringen würde. Sie bekamen Wasser und Strom aber der Vater verdiente nur 700 Quetzales im Monat. Womit sie mit sechzehn Kindern nicht weit kamen. Die Tiere rannten überall frei herum, die flohverseuchten Hühner, Enten und Hunde spazierten über die drei Betten in dem kleinen Raum. Die wenige Kleidung hing an rostigen Nägeln an der Betterwand, durch deren Ritze man nach draussen schauen konnte.
Nur die Menschen selbst waren sauber und ordentlich und sehr freundlich. Wie konnten die Besitzer dieser Fincas ruhig schlafen? Wie konnte ich es, nachdem ich das gesehen hatte? Ich beschloss von da an wenigstens Fair Trade Kaffee zu kaufen.

Zurück in Antigua erschien mir die Stadt wie ein Freizeitpark im Kontrast dazu. Ich verbrachte meine letzten Wochen mit den Menschen die mir ans Herz gewachsen waren und der Abschied fiel schwer. Im Projekt wurde ich mit einem Kuchen, den mein Name abenteuerlich geschrieben als „Yanneth“ zierte und einer kleinen Feier verabschiedet. Hilda schenkte mir einen schönen silbernen Ring mit einem lila Stein, was mich wirklich sprachlos machte. Das hatte sie bei niemandem bisher gemacht.

Ich stieg wehmütig aber mit Vorfreude auf meine nächsten Abenteuer ins Flugzeug. Während Guatemala unter einer dichte Wolkendecke unter mir zurück blieb, fragte ich mich schon, was mich in Australien erwarten würde. Ein Land in das ich eigentlich nie hatte reisen wollen.

Ich flog über New York, wo ich meine Tante besuchte, nach Deutschland zurück, drückte die Familie reihum, traf Freunde und packte die Koffer neu für Australien, bevor ich mich auch nur ansatzweise wieder eingewöhnen konnte.

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