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DO SOMETHING ELSE

16/ Die guatemaltekische Mafia und das Paradies

By 4. October 20161 Guatemala

Der koreanische Fabrikbesitzer, der seit zehn Jahren in Guatemala wohnte und nun erst Spanisch lernte –oder genauer gesagt es vergeblich versuchte – schlich mit bedrückter Miene über den Hof. Ich mochte ihn nicht besonders, da er vermutlich einer der Fabriken besaß, die die Menschen hier förmlich versklavten. Sechzehn Stunden Arbeit am Tag für einen Hungerlohn unter menschenunwürdigsten Bedingungen waren die Regel. Wurden Frauen schwanger, wurden sie entlassen. Arbeiter durften nicht auf die Toilette gehen oder Urlaub nehmen. Die Bildung von Gewerkschaften wurde sofort im Keim erstickt. Und dabei gehörte ich vermutlich zu den Menschen, die die Produkte am Ende kauften. Fragte ich je danach unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurde?

Zudem hatte er die Angewohnheit stundenlang zu telefonieren und dabei ins Telefon zu brüllen. Bis mich die verschreckte Hilda, bei der sich schon die Nachbarn beschwert hatten, bat mit ihm zu reden.

„Wieso fragt sie eigentlich mich?“ fragte ich Marie, meine japanische Freundin.

„Weil du, wenn du Hunger hast so einen fiesen Killer Blick bekommst, der einem Angst machen kann. Vielleicht glaubt sie daher, dass du ihm gewachsen bist.“

„Aha.“

Ich ging die Sache also ausgesucht höflich an. Danach schraubte sich die Dezibel Zahl jedenfalls deutlich herunter.

Heute war er jedoch ungewöhnlich still. Ich fragte Hilda was passiert war.

„Vor zwei Jahren wurde einer seiner Geschäftsfreunde von der guatemaltekischen Mafia umgebracht. Vorhin erfuhr er, dass auch die Frau des Freundes gestern erschossen wurde“, erklärte sie mir gedrückt.

Ich wurde mit jedem Tag, den ich in Guatemala verbrachte und hinter die Kulissen aus bunten Trachten und farbenprächtiger Märkte schaute, dankbarer in Deutschland geboren worden zu sein. In einem Land, wo mir in einem Krankenhaus geholfen wurde und wo ich die Polizei um Hilfe bitten konnte, und mir sicher war, dass man mich schützen würde. Als ich Enrique, den Sohn von Hilda darauf ansprach, was ich tun könne falls ich Hilfe bräuchte, schaute er mich kurz an und meinte:

„Sprich jeden an. Aber nicht die Polizei.“

Als er meinen fragenden Blick sah, fügte er noch hinzu:
„Schon gar nicht als hübsche Frau.“

Und mehr sagte er zu dem Thema nicht. Es war auch nicht nötig. Ich nahm die Warnung ernst.
Meine Lehrerin hatte mir erzählt, dass pro Jahre in Guatemala etwa 600 Frauen verschwanden, ohne je wieder aufzutauchen.
Ich war entsetzt und fragte ob die Polizei nicht versuchen würde die Verbrechen aufzuklären.
Sie zog nur die Augenbrauen hoch.

Um mir den Rest zu geben an dem Tag, ging mit Marie in den Film „La hija del Puma“, die Tochter des Pumas. Er handelte vom sechsundreißig jährigen Bürgerkrieg, der noch nicht allzu lange vorbei war.
Der Film traf mich wie ein Schlag ins Gesicht und zeigte die extreme zwei Klassen Gesellschaft in Guatemala. Auf der einen Seite die weißen, reichen Ladinos. Auf der anderen die indigenen Maya Nachkommen. Der Film zeigte nur im Ansatz die Brutalität, mit der die weiße Oberschicht gegen die indigene Bevölkerung vorgegangen war, weil sie ihren Machtverlust fürchtete.
Wir waren beide sehr still als wir aus dem Kino kamen, in dessen Schaufenster neben den Plakaten für wunderbare mexikanische Independent Filme, auch eines für „Schindlers Liste“ hing.

„Japan war auf der Seite der Nazis aber bei uns wird darüber nicht gesprochen. Viele wissen das gar nicht“, meinte Marie unwillkürlich.

„Wie kommt es, dass es immer wieder eine kleine Gruppe Psychopathen und machtgieriger Verbrecher schafft, ganze Länder in den Abgrund zu stürzen?“

„Dummheit derer, die sich mit simpler Schwarzweißmalerei manipulieren lassen?“, schlug Marie vor.

Eine bessere Erklärung hatte ich auch nicht.

Auf der anderen Seite der Welt tobte gerade der Irak Krieg und es war vielleicht kein Zufall, dass ich am nächsten Tag George W. Bush meine Spucke ins Gesicht schmierte.

Ich hatte ein Stück aus der Zeitung gerissen, um mir den Fuß abzuwischen, auf den eine kleinen Frau im Chicken Bus gespuckt hatte. Ich glaube noch nicht mal dass sie mit Absicht meinen Fuss getroffen hatte. Die Leute spuckten einfach grade da hin, wo sie grade saßen oder standen. Der Teil der Zeitung war jedenfalls zufällig das Konterfei des amerikanischen Präsidenten gewesen.

Nach sechs Stunden Fahrt, eingeklemmt im Chicken Bus, während der eine Gruppe Teenager praktisch jedes Lied im Radio lauthals mitsang, waren wir in Coban angekommen. Einem hässlichen Ort aus staubigen Betonhäusern, deren Fenster mit Karton verklebt waren, weil den Leuten das Geld für Fenster oder Holzläden fehlte. Hierhin verirrte sich mit Sicherheit kaum ein Tourist, was auch die neugierigen Blicke erklärte, mit denen man uns auf der Straße musterte. Ich war wieder mit David unterwegs, der deutlich fleißiger Spanisch lernte als ich und uns schnell den Bus nach Lanquin ausfindig machte. Nach weiteren zweieinhalb Stunden Rumpelfahrt über Schotterstraßen im stickigen Bus, kamen wir an und hatten noch keinen Schritt aus dem Bus gemacht als uns ein kleiner Junge abfing:

„Madam, want pick up, Semuc Champey, “ strahlte er und richtete den Welpenblick aus großen runden braunen Augen auf mich.

„Manana“, meinte David, der Hunger hatte und weiter gehen wollte.

„Jetzt lass uns doch erst mal den Preis anhören“, meinte ich. „Ohne Fahrzeug kommen wir doch eh nicht hin und dann haben wir wenigstens schon was.“

„Die wissen schon warum sie niedliche Kinder auf die Frauen los lassen”, meinte er gutmütig.

Der Preis war in Ordnung und José zog erfreut ab, mit dem Versprechen, dass uns sein Vater sehr früh abholen würde.
Wir suchten uns eine einfache Unterkunft. Die Zimmerausstattung bestand wie üblich aus Stuhl, Wandhaken, Bett und nackter Glühbirne, die wir mit Geckos und anderem Getier teilten. Auch wie üblich. Das waren eben die Tropen.

Wir legten uns im idyllisch zugewucherten Garten in die Hängematten, wo schon eine Gruppe Israelis saß, die Gitarre spielten. Wir unterhielten und bis in die Nacht hinein.
Zu meinem Erstaunen war Josés Vater am nächsten Tag wirklich pünktlich und wir sprangen auf die Ladefläche seines Transporters. Die Straße wand sich lange durch den Dschungel, bis wir plötzlich anhielten.

„Es esto Semuc Champey?“ fragte ich.

„Nein, das ist nicht Semuc“, sagte der Fahrer augenzwinkernd, „das ist das Paradies.“
Und er hatte nicht zu viel versprochen. Der Pfad auf dem wir abwärts liefen, öffnete sich plötzlich und gab den Blick auf eine breite Schlucht frei, an deren Boden sich das Wasser kaskadenartig in blaugrüne, hellgrüne, blassgrüne, türkiese, blaue, glasklare und seegrüne Pools ergoss. Es war völlig transparent, so dass man bis zum Boden sehen konnte. Die Felswände waren überwuchert mit Dschungelpflanzen, Moos und Lianen. Über den Himmel flogen kreischend Aras, bunt wie Juwelen.
Der Anblick war so überwältigend schön, dass wir für Sekunden sprachlos waren. Wir liefen die letzten Treppen hinab und sprangen so schnell es ging in das glasklare Wasser.

Ich ließ mich auf dem Rücken treiben und genoss den Frieden, solange wir noch alleine waren. Später würden Touristenbusse auftauchen und mit der himmlischen Stille wäre es vrbei. Irgendwann kam ein Junge auf uns zu und fragte und, ob wir Höhlen besichtigen wollten.

Das fazinierende an Semuc war nicht nur seine Schönheit, sondern auch der Umstand, dass ein Teil des Flusses oben über die Terrassen floss aber der größte Teil unter ihnen durch eine Höhle tobte und erst einige hundert Meter Fluß abwärts wieder ans Tageslicht kam.

„Geht das denn im Bikini?“ fragte ich extra nach, weil ich mittlerweile wusste, dass die Leute keine großen Skrupel hatten einen Gefahren auszusetzen, wenn sie Geld verdienen konnten. Was völlig verständlich war aber weswegen ich vorsichtig geworden war.

„Kein Problem“ meinte der kleine Kerl.

Es machte Spaß von Pool zu Pool abwärts zu springen, bis wir an eine fünf Meter hohe und schräge Felswand kamen, deren Oberfläche durch Algenbewuchs glatt wie Schmierseife war. Springen war durch den Winkel unmöglich. Im Wasser hing ein glitschiges Tau.

„In Deutschland hätten sie jetzt Helme verteilt“ murmelte ich.

„In der Schweiz hättest du noch Sicherheitsgeschirr dazu bekommen und unterschreiben müssen, dass du den Veranstalter von jedem Risiko frei sprichst“, meinte David, wärend wir beide zweifelnd nach unten starrten. Aber wir waren ja hier weil wir von unserem langweilig reglementierten Leben mal weg wollten. Also …
Wir stemmten uns rückwärts gegen die Felsen und gegen das Wasser, das uns die Sicht nahm, tasteten uns Schritt für Schritt nach unten und kamen heil vor dem hohen Überhang an. Der Felsen bildete ein riesiges Gewölbe über uns und wir schwammen in dämmrige Finsternis, bis vor eine etwa vier Meter hohe Wand. Es war kalt als wir sie hinauf kletterten und weiter krochen, bis wir vor einem 40 Zentimeter flacher Spalt ankamen.

„Wenn ihr darunter durch rollt, hängt ihr bereits an der Wand. Haltet euch fest, ich setzte euch dann von der anderen Seite die Füße in die Felsstufen“, rief Jorge laut gegen des Tosen des Flusses und verschwand unter dem Felsen.

„Höher kann das auf der anderen Seite ja nicht sein“ überlegte David und verschwand ebenfalls. Und da ich nun schon mal da war, robbte ich hinterher und endete neben den Anderen auf einem Vorsprung, Unter uns schoss auf beiden Seiten der Fluss aus dem Felsen. Von Stalagtiten floss das Wasser und tropfte von der Decke kalt auf uns herunter. Durch den dichten Sprühnebel schossen kleine Vögel und nahmen im Flug ein Bad.
Wir beobachteten ihre blitzschnellen Flugmanöver, bis ich durchgefroren war, machten uns auf den Weg zurück.

„Wo geht es denn zum Ufer?“, fragte ich.

„Nein, nein, kein Ufer, wir müssen da wieder hoch“, meinte er treuherzig.

Das hatte er leider zu Beginn der Expedition wohlweislich verschwiegen. Ich war ziemlich zerschrammt und lädiert, als wir uns die 15 Höhen Meter wieder hoch gearbeitet hatten aber noch fit genug die Fledermaus-Höhlen zu besuchen, die in der Nähe lagen.

Die Höhle war frei zugänglich aber wir wagten uns nicht weit hinein ohne Licht. Also starrten wir für Stunden auf den Höhleneingang.

„Wo bleiben die Viecher, es ist doch schon dämmerig“, murrte ich, weil ich langsam Hunger hatte.

„Komisch, wenn es dunkel wird schwärmen die eigentlich aus“, bekräftigte David.

Wir starrten konzentriert weiter. Nichts passierte. Bis wir entnervt aufgaben, uns herum drehten und direkt auf eine wirbelnde, chaotische Wolke aus winzigen Fledermäusen sahen, die sich dunkel gegen den Himmel abzeichnete. Es waren Tausende, die wohl schon eine Zeit lang aus der Höhle geschossen kamen. Wegen der Fluggeschwindigkeit und gegen den dunklen Felsen hatten wir sie schlicht nicht gesehen.

Das Ganze ging minutenlang weiter. Es war eine gigantische Kolonie, die am Himmel zur Jagd ausschwärmte. Ich hatte es schon erlebt, dass Fledermäuse sich einen Spaß daraus machten haarscharf an einem vorbei zu fliegen aber diese waren offenbar so hungrig wie ich und hatten keine Zeit Zuschauer zu erschrecken. Ich war wie immer fasziniert davon, wie ihre Ultraschallortung verhinderte, dass sie miteinander kollidierten, trotz der unglaublichen Fluggeschwindigkeit und dem scheinbaren Chaos.

„Wo willst du eigentlich als nächstes hin?“ fragte mich David als wir bei nahezu völliger Dunkelheit zurück liefen.

„Ich dachte an Costa Rica, aber da sind zu viel Amerikaner und es ist sehr touristisch. Ich denke es wird Nicaragua.“ antwortete ich.

„Meinst du dass du klar kommst mit deinen Spanisch Kenntnissen wenn du da bist? Die Guatemalteken sprechen ein sehr reines Sund deutliches Spanisch im Vergleich zu anderen Ländern“

„Ach so viel anders kann das ja nicht sein, ist doch nur zwei Länder weiter“, meinte ich.
Ich sollte mich irren …

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