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DO SOMETHING ELSE

17/ Nicaragua – wo ich kein Wort verstand

By 20. October 20162 Nicaragua

“Ach Du Scheiße, was reden die denn hier?”, fragte ich mich entsetzt, als ich eine Woche später von einem Zollbeamten an der nicaraguanischen Grenze angesprochen wurde. Er musste das Gesagt dreimal wiederholen, bis ich begriff was er meinte.

Das konnte ja heiter werden.

Im Gegensatz zu den Guatemalteken, die die meisten Wörter zwar auch ineinander fließen ließen aber meist vollständig aussprachen, verschluckten die Leute hier die Endungen. Was es verdammt schwer für mich machte, die einzelnen Worte zu identifizieren.

Ich grub mein Lieblingswort wieder aus, das ich in letzter Zeit selten benutzt hatte: „Despacio – langsam“.

Ich war nach zwei Tagen Fahrt im Bus und einer Übernachtung in einer zweifelhaften Unterkunft in San Salvador, in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua angekommen. Und weil ich Managuas Ruf kannte, nahm ich den nächsten Bus nach Granada.

Nicaragua hat eine fast ebenso wechselvoll und unschöne Geschichte wie Guatemala und wurde permanent von Naturkatastrophen heimgesucht. Allen voran Erdbeben, da es auf drei tektonischen Platten liegt. Was der Kolonialismus nicht schon ruiniert hatte, schafften ausländische Investoren, die das Land ausbeuteten und die Natur, die alles was nach der letzten Katastrophe erneut aufgebaut worden war, wieder zerstörte. Allerdings verdankten die Länder dem Kolonialismus wunderschöne Städte, wie Granada, in der es dunkel war, als ich ankam. Ich nahm ein Taxi zum Hospedaje, was immer noch die sicherste Option war wenn auch nicht ungefährlich. Die Taxis wurden nicht kontrolliert. Fahrgäste wurden öfter ausgeraubt und wenn man sie Leben lies, irgendwo aus dem Auto geworfen.

Das Hospedaje Central hatte einen üppig grünen Innenhof, knallbunt angemalte Möbel und Wände und ein großes Café in dem man kostenlos Kaffee und Tee bekam. Beim Betreten meines Zimmer bekam ich kurz einen hysterischen Anfall, weil etwas unter meinem Bett rausgeschossen kam, das ich für eine
Ratte hielt. Was sich aber als Minikatze entpuppte, von denen es noch drei weitere unter meinem Bett gab. So niedlich sie waren, setzte ich sie vor die mit Drahtnetz bespannte Tür. Von der letzten Mieze hatte ich mir nämlich eine Hautkrankheit namens „Ringworms“ eingefangen. Ich tat mein Bestes nicht wieder krank zu werden, denn als ich in Antigua kurz schlimme Magenprobleme hatte, drückte mir meine Lehrerin ein halbes Dutzend bunter Pillen unbekannten Inhalts in die Hand. Hier wurden so gut wie nie ganze Packungen gekauft. So viel Geld hatte kaum jemand. Ich weiß nicht was es für ein Chemiecocktail war aber nach zwei Tagen ging es mir wieder gut. Ich hoffte, dass das so blieb um weitere chemische Kampfstoffe zu vermeiden.

Am nächsten Tag war ich um sechs Uhr wach und zog los um mir Granada anzuschauen, bevor die schwüle Hitze unerträglich wurde. Man konnte hier irgendwo einfach nur bewegungslos stehen und der Schweiß rann einem in Strömen den Körper hinab, während man die Feuchtigkeit aus der Luft fast trinken konnte. Wie die Menschen hier überhaupt irgend etwas zustande brachten bei den mörderischen Temperaturen, war mir ein Rätsel. Ich war froh wenn ich mit einem kochenden Gehirn einen annähernd kohärenten Satz äußern und einen Schritt vor den anderen setzen konnte ohne umzufallen.

Ich stieg danach wieder auf die Chicken Busse um, die bei weitem nicht so bunt und schön bemalt waren wie in Guatemala. Die ersten Male blieb mir fast das Herz stehen, als ich ein paar Jungs fragte, wo ich einen bestimmten Bus finden konnte. Unter wildem Kopfnicken entriss mir der eine den schweren Rucksack und spurtete durch die Menschenmengen los. Ich rannte völlig verblüfft dem Kerl hinterher, der mit der Last flink wie ein Wiesel war. Ich dachte ich würde den Rucksack nie wieder sehen. Bis er vor einem der Busse anhielt, den Rucksack ablud und um Trinkgeld bat. Das breite Lächeln mit dem ich im das übergab, war pure Erleichterung.

Das Schauspiel wiederholte sich oft und so gut wie jedes Mal war ich davon überzeugt meine Habseligkeiten nie wieder zu sehen. Und wurde jedes Mal eines Besseren belehrt. Was mich verblüffte, weil die Menschen hier fast so arm waren wie in Guatemala.
Selbst die Ärmsten trugen aber auch hier ihre abgenutzte Kleidung mit Würde. Die Haare waren penibel geschnitten und gekämmt. Das Hemd das mein Rucksackträger trug, war löchrig wie Schweizer Käse aber so gepflegt und sauber wie es ging. Und vermutlich das einzige, das er hatte.

Obwohl Granada wie Antigua auch kolonialen Ursprungs ist, sind beide Städte sehr unterschiedlich. Antigua besteht fast nur aus einstöckig gebauten Häusern und wirkt im Gegensatz zu Granada perfekt und ordentlich. Die Häuser haben verschiedenen Stile und die Straßen sind nicht quadratisch angelegt.

Vieles war noch runter gekommen und zwischen den alten Kolonialbauten gab auch neue Häuser. Im Viertel um den Markt herrschte ein riesiges Gewusel von Menschen, Taxis und Kutschen. Pferdefuhrwerke sind in Nicaragua noch eins der wichtigsten Transportmittel. Mir brach es fast das Herz die teilweise völlig abgemagerten Esel und Pferde zu sehen, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden und bei denen ich mich fragte, wie sie sich überhaupt aufrecht hielten. Aber in einem Land in dem die Kindersterblichkeit unglaublich hoch war, gab es wenig Platz für Mitleid für Tiere.

Ich lief an wunderschönen bunten Häusern vorbei und schaute mir das Museum im Kloster an, dessen Bogengänge viele Statuen beherbergte die man auf den Inseln im Lago Nicaragua gefunden hatte und besuchte das schöne alte aber leerstehende Krankenhaus, das vor sich hin gammelt und jedem Horror Film alle Ehre gemacht hätte.

In einer ruhige Strasse kam ich an einem Gittertor vorbei. Ich schaute hindurch und blickte in einen wunderschönen Patio, mit leuchtend blauem Springbrunnen vor einer dicht bewachsenen, in leuchtendem Pink gestrichenen Wand. Und erschreckte mich halb zu Tode, als aus der Dunkelheit plötzlich eine Stimme kam und die Tür unter protestierendem Quietschen aufschwang.

„Möchten Sie hereinkommen und sich das Haus ansehen?“ Eine elegante und attraktive Frau um die Fünfzig stand vor mir und lächelte mich freundlich an.

„Ja, gerne“, murmelte ich überrascht und folgte ihr in den pinkfarbenen Innenhof, von dem aus alle Zimmer abgingen und unter dessen überdachtem Teil Korbstühle und Tische standen.

Sie führte mich durch fast alle Zimmer, die alle über den Innenhof betreten wurden.
Die Besitzerin war in ihrer Jugend eine echte Schönheit gewesen. Das war auf den vielen Fotos, die in schweren, alten Rahmen zwischen dutzenden weiteren Familienfotos die Wände zierten zu erkennen.

„Ich war Schauspielerin“ erklärte sie mir, während sie mich weiter führte.

Das Haus glich einer Schatzschatulle, mit seinen eleganten alten Möbeln, Gemälden, Kronleuchtern und Seidentapeten. Ich kam mir schäbig vor in meinen Cargo Hosen aber sie war unheimlich stolz einer Europäerin ihr Heim zu zeigen.

„Das Haus befindet sich schon lange in Familienbesitz, deswegen ist es auch eines der wenigen, die noch so ursprünglich erhalten sind“, erklärte sie mir.

Ich lernte ihren Mann und den Sohn mit seiner Familie kennen, die auch dort wohnten, bevor ich mich für ihre Freundlichkeit bedankte und mich verabschiedete.

Zurück im Hospedaje, setzte ich mich in den Innenhof und kam mit einem älteren, weißhaarigen

Paar aus den Niederlande ins Gespräch, die dort Schach spielten. Sie mussten an die Siebzig sein.

„Wir hatten eine Anwaltskanzlei, die wir ab und zu für ein Jahr schlossen um zu reisen. Als wir in Rente gingen, verkauften wir auch das Haus und begannen zu reisen“, erklärte mir die Frau.

„Wo waren sie denn schon?“ fragte ich.

„Oh, in Asien, Mittel- und Südamerika aber wir sind noch lange nicht fertig“, meinte er lächelnd. „Wir leben einfach, bleiben dort, wo es uns gefällt und werden so lange reisen wie es geht.

„Ab und zu besuchen wir aber unsere Kinder und Enkel, die sind davon nicht ganz so begeistert aber da müssen sie eben durch“, grinste sie.

„Wissen Sie, die Leute machen sich immer Gedanken darum ob es ein Leben nach dem Tod gibt, dabei sollten sie vielleicht lieber schauen ob sie überhaupt eines davor haben. Und das tun wir.“

Den Satz hatte er von Osho geklaut, wie ich Jahre später bemerkte als er mir wieder begegnete und wirklich Bedeutung für mich bekam.

Ich hoffte inständig in dem Alter noch genauso viel Lebensfreude und Neugier zu haben und nicht in Beige gekleidet im Schrebergarten zu enden. Was ja völlig in Ordnung war, wenn man das wollte aber ich glaubte, dass man so wie die beiden es machten, länger wirklich lebte.

Ich schrieb in meinem Tagebuch, als ein riesiger Regenbogen am Himmel auftauchte.
Mit eine paar neuen Bekannten, besuchte ich am Abend eine Fiesta, auf der eine gute Band spielte aber keiner tanzte, was mich wunderte. Ich war doch in Mittelamerika? Vermutlich hatten alle zu viel Gallo Pinto – gefleckter Hahn – gegessen, das Nationalgericht Nicaraguas. Es bestand aus Reis mit roten Bohnen und wurde wahlweise mit Fleisch, diversem Frittiertem, Platanos, Krautsalat oder Yucca Wurzel, die ähnlich wie Kartoffeln schmeckten, serviert. Nach diesem fettigen aber billigen Essen zogen wir zu einer Bar die in einem alten runtergekommenen Kolonial Gebäude war, das aussah als würde es jeden Moment
zusammenfallen und deren Besitzerin offenbar ein Hundeasyl betrieb, denn es wimmelte von freundlichen Vierbeinern.
Zurück im Hostel fiel ich ins Bett, nur um wenig später von Kanonenschüssen geweckt zu werden, die sich als Mangos entpuppten, die vom Regen heruntergerissen, auf das Wellblechdach knallten. Durch das undichte Dach kam das Wasser als dichter Sprühregen und ich musste den Rucksack auf einen Stuhl retten, da das Wasser bereits zwei Zentimeter hoch stand.

Tom hatte sich plötzlich entschlossen mir nach zu reisen und war bereits auf dem Weg, wie ich aus einer Mail erfuhr, die ich nur unregelmäßig abrufen konnte. Es gab eben noch kein WIFI und keine Handys. Gott sei Dank.

Ich gönnte ihm eine Verschnaufpause und schleppte ihn am nächsten Tag zum Busbahnhof um nach Masaya, zum „Parque Vulkan Masaya“ zu fahren. Nicaragua war noch weitaus weniger touristisch als Guatemala. Ich war oft die einzige Weiße gewesen als ich unterwegs war und auch jetzt forderte man von uns nur den winzigen Fahrpreis, den auch die Einheimischen bezahlten.

Routiniert trieben wir einen Fahrer mit einem Pickup auf, der uns für kleines Geld zum Krater brachte, da es um Zwölf Uhr Mittags nahezu vierzig Grad heiß war. Auf einer Seite stand ein großes Holzkreuz, zu dem der Weg aber gesperrt war, weil er aussah, als würde er jeden Moment in den Schlund rutschen. was auch der Fall war.
Das Kreuz stammte von einem Spanischen Priester, der damit den Teufel exorzieren wollte, da die Spanier den Vulkan für das Tor zur Hölle hielten, was nicht verwunderlich war. Aus dem Krater stieg schwefeliger Rauch zum Himmel auf.

Wir liefen acht Kilometer in sengender Hitze zur Straße zurück und erwischten glücklichwer Weise einen Bus nach Masaya, dem Zentrum Nicaraguas für Kunsthandwerk. Leider stiegen wir an der falschen Stelle aus. Wir hatten keine Ahnung wo genau wir uns befanden und ob die Gegend gefährlich war. Eingedenk meiner Erfahrung in Equador, wartete ich sekündlich darauf überfallen zu werden.

Wir bekamen statt dessen sehr nett den Weg erklärt wenn wir fragten und kamen nach einer halben Stunde Fußmarsch zum neu restaurierten „El Mercado Viejo“, dem alten Markt, der aussah, wie eine trutzige, graue mittelalterliche Festung mit dicken Mauern und Erkern aber fast klinisch sauber und ordentlich war. Stände mit farbenfrohen Hängematten, in die man den Namen einsticken lassen konnte, reihten sich neben Stände mit Holzschnitzereien, Tongefäße, geflochtene Wandmatten mit Motiven Nicaraguas, z. B. dem Nationalvogel Tucan, und anderem schönen bunten Krimskrams zu günstigen Preisen.

Besonders für die wunderschönen „Hamacas“, die Hängematten, war Masaya berühmt und wir fragten uns zu einem Hersteller durch. Wir amüsierten die nicaraguanischen Familien, die samt und sonders auf ihren Schaukelstühlen vor ihren kleinen Häusern saßen anscheinend sehr. Denn niemand der bei Verstand war und ihn behalten wollte, irrte normalerweise um diese Zeit in der Hitze herum.
Wir irrten eine Weile durch die Straßen, bis uns ein kleiner, gebückter alter Mann mit weißem Schnauzbart im runzligen Gesicht ansprach. Um ihn herum wuselten kleine Kinder mit dunklen Wuschelhaaren, die uns aus großen Kulleraugen bestaunten. In diese Gegend verirrten sich selbst Backpacker selten so wurden wir von den Knirpsen bestaunt wie seltene Insekten.

„Sucht ihr den Hängematten Macher?“ fragte der alte Mann, dessen braune Augen unter dem Panama Hut aus Stroh, sehr lebendig blitzten.

Wir nickten verschwitzt und entnervt.

„Ihr geht noch drei Querstraßen weiter und dann links. Ihr erkennt das Haus ganz leicht.“

„An was?“ fragte ich.

„An den Hängematten“, meinte er und kicherte, was ihn plötzlich sehr jung wirken lies und in das die Kinder mit einstimmten. Offenbar waren auch sie der Ansicht, dass mein Gehirn zu viel Sonne abbekommen hatte. Das las ich jedenfalls an den Gesichtern ab. Vermutlich deshalb begleitete uns die kleine Schar ein Stück weit, bis eine der Mütter sie energisch zurückrief und sie immer noch kichernd zurück wuselten.

Wir fanden das Haus und setzten uns eine Weile zu den Knüpfern, schauten Ihnen bei der Arbeit zu und ich hatte Gelegenheit mir die Leute genauer anzusehen. Im Gegensatz zu den indigenen Guatemalteken, die meist das typische Maya Profil mit Hakennase, hohen Backenknochen und flacher Stirn mit breitem Mund haben, sahen die Leute hier eher karibisch aus. Mit ausgeprägten Wangenknochen, aber eher breiten und kurzen Nasen, vollen Lippen und etwas dunklerer Haut.

Die meisten Leute sind Mestizen. Die indigene Bevölkerung macht nur etwa ein Prozent aus aus. Daher kommt ach ihr Aussehen. Der riesige Teil des Tieflandes auf der karibischen Seite ist zum größten Teil unbewohnt und noch ein Naturparadies allerdings noch feuchtheisser als der Rest des Landes. Was unvorstellbar für mich ist. Die meisten Nicaraguaner leben im Westen um die zwei großen Seen herum, dem Lago Managua und Lago Nicaragua und in dem Ometepe, die Vulkaninsel liegt und entlang der Vulkankette, die parallel zur Pazifikküste verläuft.

Und nach Ometepe, der größen Süsswasser Insel der Welt, wollten wir als nächstes.

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