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DO SOMETHING ELSE

14/ Toyboys und Männer die mit Schweinen ringen

By 14. September 20161 Guatemala

Trotz der Geburtstagspanne fühlte ich mich mit meinen sieben Wochen Spanisch lernen langsam sicher genug, um kurze Zeit alleine zu reisen. Ohne Spanisch Kenntnisse ist es in Mittelamerika völlig unmöglich durchzukommen. Kaum jemand spricht Englisch. Die Maya oft noch nicht einmal das, sondern einen ihrer vielen Dialekte, die mit Spanisch rein gar nichts zu tun haben. Meine Habseligkeiten stellte ich bei Marie unter und meldete mich von der Schule ab. Mit Tom, der mich den ersten Teil der Strecke begleiten würde, nahm ich den Bus zum Lago Atitlan, einem See in einem erloschenen Vulkankrater, der im Hochland liegt.

Um sieben Uhr morgens ging es mit dem Pullman über steile Straßen nach Panajatchel am Lago Atitlan.
Wir hatten den teureren Bus genommen, weil viele der billigen wegen Bremsenversagen in dem Gebiet abgestürzt waren. Unterwegs lagen ein paar tote Hunde an der Straße und ebenso ein totes Pferd, das andere Hunde schon halb aufgefressen hatten.

„Komisch, zuhause hätte mich so was völlig fertig gemacht, aber in einem Land, wo Babys an Unterernährung sterben und der Überlebenskampf hart ist, akzeptiere ich das einfach.“

„Ich weiß, was du meinst. Wir sollten übrigens gleich mit dem Motorboot nach San Marcos fahren. Da soll es sehr schön und vor allem ruhig sein. Da kann man mal schlafen.“

„Oh ja, mal wieder richtig schlafen.“

Ein Motorboot war schnell gefunden und der Preis verhandelt. Die kleine Barke zischte mit uns an den Wänden den Vulkankraters vorbei. Die luxuriösen Wochenendhäuser reicher Guatemalteken kleben zum Teil wie Adlerhorste an den steilen Hängen. Die andere Seite des Kraters war im Dunst, der über dem Wasser schwebte, nicht zu erkennen.

Fünfzehn Minuten später standen wir vor einem Holzhäuschen, in einem hübschen Garten gelegenen und mit Schilf gedeckt.

„Wahnsinn, ist das ruhig hier, da kann man echt mal…“

Ich bekam den Satz nicht zu Ende, weil mich wummernde Bässe aus plötzlich hochgedrehten Lautsprechern übertönten. Das war der Tontest für die dreitägige Fiesta, für die wir pünktlich angereist waren. Wunderbar.

Die Szenerie war dennoch wunderschön, denn der Lago Atitlan ist von drei großen Vulkanen umgeben. Von denen sahen wir allerdings nicht viel, da der Dunst noch immer über dem See hing, auf dem es sogar richtige Stürme geben kann. In den kleinen Dörfern an den Hängen des Vulkankraters leben die Maya noch sehr traditionell, was ein Wunder ist, bei den vielen Touristen. Hier sah ich zum ersten Mal Trachten, die aufwendig dreidimensional mit Blumen und Vögeln bestickt sind. Fast jedes Dorf in Guatemala hat eigene Muster entwickelt. Eines farbenprächtiger als das andere.

Ich saß alleine auf einem Steg am See, schaute auf dieses Bild des Friedens und sinnierte vor mich hin. Das Bild täuschte. Selbst in dieser Idylle hier gerieten die Maya zwischen die Fronten des Militärs und der Guerillas. Im dreißigjährigen brutalen Bürgerkrieg wurden viele umgebracht. In Guatemala kann es passieren, dass man über ein Massengrab läuft, ohne es zu wissen.

Jetzt ist das Idyll von Umweltverschmutzung und Bebauung durch die reichen Guatemalteken bedroht, die hier in rasender Eile ihre Wochenendhäuser hochziehen. Leider hat der See weder einen Zu- noch Ablauf und alles was reingeht, bleibt drin. Selbst bei der großen Fläche und 320 Metern Tiefe wird er das nicht lange durchstehen.

Ein kleiner, elfjähriger Junge kam und setzte sich zu mir.
„Hallo, ich bin Juan. Wo kommst du her?“
„Hallo, ich bin Jeanette, ich komme aus Deutschland.“
„Ist das hinter Panajatel?“
„Nein, weiter weg.“
„Ist das auf der anderen Seite vom See?“
„Nein, weit weg über dem Meer. Magst du ein Stück Melone haben?“
„Ja“, strahlte er, griff zu und fragte weiter: „Wie bist du dann her gekommen?“
„Mit einem Flugzeug.“
Er schaute mich mit riesigen Augen an.
„Am Himmel? Warum stürzen die nicht ab?“

Ich verstrickte mich etwas in Luftwiderstand und Aerodynamik, aber das ging jetzt wirklich über Juans Vorstellungskraft. Er war aus dem Krater bisher nie herausgekommen. Er erzählte, dass sein Vater Fischer ist und er das auch werden wolle. Ich wünschte ihm, dass der See solange durchhält, bezweifele es aber. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bis sein Vater auftauchte, schüchtern grüßte und Netze in das kleine Holzboot am Steg warf. Er bat Juan, ihm zu helfen.

Tom, der Fieber gehabt hatte, ging es besser. Wir reisten weiter nach San Francisco el Alto. Die Dörfer die wir passierten, waren oft kein schöner Anblick. In den Ortschaften reihten und schachtelten sich einfache graue Betonbauten neben und aneinander, aus denen überall die Betonstahlstäbe herausragten, als habe jemand die Häuser flüchtig skizziert und dabei über die Linien gezeichnet. Zweckmäßig, staubig und freudlos, ohne ein wenig hoffnungsfrohes Grün dazwischen, spiegelten sie das Leben ihrer Bewohner.

San Francisco ist der größte Textil- und Kleiderumschlagplatz in Guatemala und da es trotzdem nur vier Hotels gab, waren sie teuer. Dafür war das Essen billig. Vom einem Straßenstand holten wir uns Frijoles mit Reis und Fleisch und eine Art Tee aus gekochtem Mais mit Zimt und setzten uns an einen der hölzernen Tische.

Als ich mich hingesetzt hatte, war die kleine Mayafrau stehend mit mir immer noch auf Augenhöhe. In dem voluminösen Trachtenrock wirkte sie fast so breit wie hoch. Da sie gerade keine Kundschaft hatte, setzte sie sich zu uns. Der ordentlich geflochtene lange Zopf hing ihr seitlich über die bunte, reich bestickte Bluse. Die schwarzen Augen in dem breiten braunen Gesicht, das aussah wie runzliges dunkelbraunes Leder, musterten uns prüfend.

„Seid ihr für den Viehmarkt am Freitag da?“ fing sie das Gespräch an.
„Nein, davon wussten wir gar nichts, wir fahren heute leider weiter.“
„Das ist schade, ihr verpasst das Schweineringen, das die Männer hier veranstalten.“

Ich stimmte ihr zu, dass es wirklich schade sei, zu verpassen, wenn Männer mit Schweinen ringen. Offenbar waren wir in ihren Augen jetzt auf so vertrautem Fuß, dass sie zum Wesentlichen übergehen konnte.

„Seid ihr ein Paar?“ fragte sie.
Ich trat Tom unter dem Tisch gegen das Schienbein. Der Junge war leider ausnahmsweise nicht schnell im Kopf.

„Nein.“, sagte Tom.
„Ja.“, sagte ich.
Irritierter Blick.
Wie alt sind Sie?“ fragte ich im Gegenzug.
„Achtunddreißig.“

Ich hatte sie auf Mitte Fünfzig geschätzt. Das Leben in Guatemala ist hart, das wusste ich, aber ich war trotzdem erschrocken. Hier geht es für die Meisten jeden Tag um das Überleben. Ein Zahnarzt, ausgewogene Ernährung, sich über Dinge wie Aussehen Gedanken zu machen, waren ein Luxus, den sich die Menschen hier gar nicht leisten konnten.

„Wie alt seid ihr?“
„Dreiundzwanzig und Dreißig.“, sagte Tom.
„Achtundzwanzig und Dreißig.“, sagte ich.
„Ich bin dreiundzwanzig“, zischte mir Tom auf Deutsch zu. „und ich bin nicht dein…“.
„Ich weiß,“, zischte ich zurück, „aber vielleicht werde ich hier gesteinigt, wenn die glauben, ich sei als unverheiratete Atheistin und mit einem Toyboy unterwegs. Außerdem muss man sie nicht unnötig schockieren.“

Der Sache ging die guatemaltekische Inquisition auch sofort auf den Grund.

„Seid ihr verheiratet?“
Ich trat wieder zu und Tom gab pflichtschuldig ein „Aua, ja.“ von sich und schaute mich böse an.
„Habt ihr Kinder?“
„Nein.“
„Nein.“

Wir waren uns diesmal einig, merkten aber sofort, dass das die falsche Antwort war.

„Dios mio, und noch keine Kinder. Ihr müsst ganz schnell welche bekommen. Wer versorgt euch denn sonst wenn ihr alt seid? Seid ihr religiös?“
Diesmal kam der Tritt zu spät.
„Nein, ich bin Atheist.“, meinte Tom.

Entsetzter Blick unseres Gegenübers.
„Dann werdet ihr in der Hölle landen.“, prophezeite sie uns und warf sich ins Zeug, unsere Seelen vor dem Teufel zu retten. Da man bei Ungläubigen offenbar bei der Basis anfangen muss, fing sie auch tatsächlich bei Adam und Eva an. Als sie sich bis zu Moses durchgearbeitet hatte, versicherte ich ihr glaubhaft, dass sie das sehr überzeugend dargelegt habe und wir uns das mit der Religiösität definitiv überlegen würden. So ganz glaubte sie das nicht, aber offenbar hatte sie ihrer Pflicht, uns vor dem Fegefeuer zu retten, damit Genüge getan. Sie stemmte sich mit ihren abgearbeiteten Händen, deren Finger aussahen wie gefurchtes, gedrehtes Wurzelholz, von der Bank hoch. Ich bedankte mich und zerrte Tom weg, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte.

„Sprich um Himmels Willen keine Kinder an, wenn wir da sind.“, warnte ich Tom, als wir uns in die schmalen Sitzbänke des ehemaligen amerikanischen Schulbusses gefaltet hatten, in dem jedes Schlagloch unsere Knie daran erinnerte, dass die Sitze für Kinder gedacht waren.

„Wieso das denn?“
„Weil wir das eventuell nicht überleben würden.“, klärten ich ihn auf.

Wir hatten uns auf den Weg nach Todos Santos gemacht, das im April 2000 traurige Berühmtheit erlangt hatte. Dort wurden ein japanischer Fotograf und sein Fremdenführer von Einheimischen erschlagen, weil sie mit den Kindern sprachen und die Einheimischen glaubten, sie wollten sie entführen.
Ganz unbegründet war die Befürchtung nicht, wenn auch die Entführer eher Einheimische waren, die Kinderhandel betrieben. Entweder um sie als Adoptivkinder, oder wegen der Organe zu verkaufen. Meine Lehrerin hatte auf dem Markt in Antigua selbst beobachtet, wie zwei Frauen einer Mutter ihr Baby entrissen. Ein paar Männern gelang es gerade noch das Kind zu retten, aber ohne die Frauen zu erwischen.

Zwei Stunden im Bus zu stehen war nicht wirklich mein Traum. Im nächsten Bus war es nicht besser, denn der war total überladen und es ging in steilen Kurven hoch ins Gebirge. Teilweise dachte ich wirklich, wir kämen gar nicht voran und hoffte nur, die Bremsen würden nicht versagen. Ich hatte etwas Angst um meinen Rucksack, der in eine schwarze Plane gewickelt ganz oben auf dem Gepäckberg thronte. Ich hätte kaum gemerkt, wenn er unterwegs abgestürzt wäre.

Neben mir schlummerte eine indianische Oma, auf deren Schoß ein Huhn vor sich hin gluckste. Auf meiner anderen Seite war ein älterer Mann – leider unrasiert – an meiner nackten Schulter eingenickt. Bewegen war unmöglich. Es war ein wenig wie Kuscheln mit einem Abrazzo Schwamm.

Nach dreieinhalb Stunden Fahrt, vorbei an einfachen Holz- und Schilfhütten, sattgrüner Vegetation, Frauen in Trachten, die mühsam zu Fuß schwere Lasten nach Hause schleppten und alten Männern mit Feuerholz beladen, dessen Menge zwei mal so umfangreich war, wie sie selbst, kamen wir im abgelegenen Todos Santos auf ca. dreitausend Höhenmetern an. Der Blick ins Tal war atemberaubend.

Das Misstrauen gegenüber Besuchern hatte sich offenbar gelegt. Wir hatten kaum die Rucksäcke vom Dach zugeworfen bekommen, als uns ein Haufen Kinder bestürmte, um uns zu diesem oder jenem Hotel zu bringen.

„Hotel mam, por favor“, schallte es uns aufgeregt und dutzendfach aus schmutzigen, aber strahlenden Gesichtern entgegen.

„Welches ist denn das schönste?“ fragte Tom.

Das brachte sie aus dem Konzept, brachte ihre Loyalität in arge Bedrängnis und bestürztes Schweigen folgte. Ratlose Blicke wurden ausgetauscht und viel geflüstert, bis sie im Chor „ALLE!“ brüllten und lachten.

Wir beschlossen, uns selbst ein Bild zu machen. Die Horde Kinder verlor sich langsam und wir entschieden uns dann für ein Hotel, das den schönsten Blick über das Tal bot. Es bestand komplett aus Holz, war roh zusammengezimmert und erinnerte sehr, sehr entfernt an ein uraltes Schweizer Chalet.

In Todos Santos, was übersetzt „Alle Heiligen“ bedeutet, gefielen mir die Trachten der Männer besser als die der Frauen. HIer wird noch ausnahmslos Tracht getragen, was auch in Guatemala selten ist. Die Hosen sind rot weiß gestreift. Darüber wird öfter eine Art schwarzer, geschlitzter Rock getragen. Die Hemden sind weiß blau gestreift, mit dicken rot und rosa Streifen an den Abschlüssen. Der große Kragen und die Manschetten sind aus bunten Mustern gewebt. Zur Originaltracht gehört ein kleiner Strohhut mit blauem Band, das mit Silberkugeln beschlagen ist. Viele tragen aber Cowboyhüte aus Stroh.

Todos Santos ist einer der wenigen Orte, in der das Jahr 260 Tage hat und mit dem alten Maya Kalender „Tzolkin“ gemessen wird. In den Ruinen über dem Ort, in Tojcunenchén oder Cumanchúm, werden noch Tieropfer dargebracht.

„Schau dir das an.“, meinte ich zu Tom. „Die Dorfjugend trägt die Hosen im Rapper Schnitt mit Riesentaschen und das Hemd offen, damit man das neueste Eminem T-Shirt drunter sehen kann, und sie haben wohl von Nintendo mehr Ahnung als vom alten Maya Kalender.“

„Und das erste Internet Café gibt es auch schon.“, sagte ich und deutete über die Straße, zu einem flachen Häuschen aus Beton, in dem uralte Computerbildschirme flackerten, direkt neben einer Baracke mit Fernseher.

Viel zu sehen gab es im Dorf sonst nicht, außer dem fantastischen Ausblick auf das karge guatemaltekische Hochland. Wir entspannten etwas auf der Terrasse und ich versuchte mit den Mädchen, die in großen Bottichen Wäsche wuschen, ins Gespräch zu kommen. Sie verstanden aber nur Mam und kein Wort Spanisch.
Da sich hier hin, Gott sei Dank, bisher nur wenige Touristen verirrten, konnte man noch das alte authentische Dorfleben beobachten. Organisierte Touren gab es auch nicht. Aber wie lange noch?

„Eigentlich sind es doch wir, die daran schuld sind, dass solche Orte ruiniert werden und dann darüber jammern, dass es ein paar Jahre später schrecklich ist. Die Backpacker sind immer zuerst da. Und dann kommt der Massentourismus, der jedes bisschen Echtheit zerstört und Traditionen zu einem lächerlichen Theater für videokamerabewehrte Shortsträger mit peinlichen T-Shirts macht.“, meinte ich zynisch. „Und auf der anderen Seite denke ich: Eigentlich ist das auch wieder purer Egoismus. Nur weil ich das Ganze pittoresk finde und ihnen eigentlich gönnen sollte, durch den Tourismus ein besseres Leben zu haben. Wenn sie das wollen.“

„Du trägst auch keine hessische Tracht oder? Sie sind nur später dran. Mich macht es aber auch traurig.“, setzte Tom nach. „Vielleicht sollten wir einfach froh sein, dass wir es noch so erleben dürfen. Und nie wieder her kommen.”

Das vermeide ich ohnehin. Irgendwohin zurück zu kehren. Ich mag Veränderung, aber nicht wenn sie meine Erinnerungen betreffen.

Am nächsten Tag ließ ich Tom im Dorf zurück, um mir eine Mitfahrgelegenheit zu suchen.
Ich wollte zur Hacienda Azul und dort einen Pferdetreck ins Hochland machen. Und wurde dabei fast vom Blitz erschlagen.