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DO SOMETHING ELSE

11/ Tikal – der Geist von König Jaguar Pranke

By 24. June 20161 Guatemala

“Da steige ich nicht ein. Kannst du vergessen.”

“Ach jetzt komm schon, der Pilot riskiert doch nicht sein eigenes Leben.”

Wie naiv war der Mann? Ich stand mit David, einem Schweizer der bei Nachbarn von Hilda wohnte, vor der kleinen Propellermaschine, die ich eben liebevoll als “Rostlaube des Todes” bezeichnet hatte. Und in die ich mich weigerte einzusteigen.

“Du bist hier doch schon auf der Ladefläche von Pickups mit gefahren und warst kurz davor dich als Atheist zu bekreuzigen. Willst du mir jetzt ernsthaft erzählen, dass die hier an ihrem Leben hängen?”

“Ach schau mal, er macht das wie die Busfahrer. Das Cockpit ist mit Heiligenbildern dekoriert. Es kann gar nichts passieren.”

Ich hätte dem alten Suffkopp Maximon gerne eine Kerze geopfert, um zu verhindern, dass wir selbst bald die Grundvoraussetzung erfüllten, Heilige zu werden. Nämlich die, tot zu sein. Besser noch wäre der Alkohol gewesen, dem sie dem Gott als Opfer darbrachten. Aber für mich.

“Das hast du doch gebucht”, warf ich David vor. “Hat der überhaupt einen Führerschein?”

“Das heißt Pilotenschein.”

Ich schaute David böse an: “Ist doch völlig egal, sie haben ja in der Regel wohl weder das eine noch das andere.”

Ich habe wirklich ansich keine Flugangst aber es gibt Grenzen. Allerdings siegte irgendwann mein Wunsch Tikal zu sehen. Der Grund, weswegen ich mich dazu entschieden hatte, nach Guatemala zu kommen. Ich wollte sie unbedingt sehen, die sagenumwobene Maya Stadt. Außerdem sah David langsam so aus, als wolle er mir gleich persönlich zur Heiligsprechung verhelfen und der Pilot guckte auch schon genervt. Der bekam sicher Ärger mit seiner Frau wenn wir nicht bald los kamen.

Also stieg ich in den Blechsarg mit Flügeln ein, der uns tatsächlich lebend bis nach Flores bugsierte.

Tikal liegt mitten in den Regenwäldern des Petén und war eine der wichtigsten Städte in der Blütezeit der Maya und ist sehr gut erforscht. Seit der Eroberung der Spanier war sie auch nie völlig vergessen. Die ersten Siedlungsspuren reichen ins frühe 1. Jahrtausend v. Chr. zurück. Das Gebiet, über das sie sich erstreckt, ist etwa 65 Quadratkilometern groß. Etwa zwanzig Prozent der Stadt wurden ausgegraben. Mindestens 50.000, wenn nicht sogar 200.000 Menschen sollen hier gelebt haben. Warum die Stadt unterging, weiß man bis heute nicht. Das gesamte Gebiet rund um Tikal wurde zum Nationalpark erklärt und gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

“Jedenfalls waren sie keine friedfertigen Naturkinder, sondern hatten lauter blutrünstige Hobbys”, belehrte mich David. Vermutlich um mich abzulenken, weil ich mich panisch an den Sitz des ‘Flugzeuges’ klammerte.

„Was mich nicht wundert. Ich habe ja einen ihrer Götter, die Schnapsdrossel Maximon, der nicht eben ein Sympathieträger ist, kennengelernt.“

„Ja, wobei der noch harmlos war. Ihren Feinden haben sie gerne mal das Herz bei lebendigem Leib rausgerissen.“

„Da behaupte noch einer, Menschen seien von Grund auf gut.“

Da der kleine Flugplatz inmitten der Anlage stillgelegt wurde und wir kaum Zeit hatten, nahmen wir ein Taxi, das uns von Flores über die asphaltierte Zufahrtsstraße zu unserem Hotel fuhr.

Wir standen nun auf dem großen Platz in Tikal und ich las weiter aus dem Informationsblatt vor.

„Das Zentrum Tikals bildet der ‘Große Platz’. Dort stehen sich der ‚Tempel der Masken’ und der ‚Tempel des Jaguar’ gegenüber. Unter dem das Grab von König ‚Schokolade’ … ha, das wäre auch mein Name gewesen … gefunden wurde. Der ‚Tempel der Masken’ war für seine Frau gedacht, von der aber niemand weiß, wo sie abgeblieben ist. Ich vermute, sie hat sich mit der Schokolade aus dem Staub gemacht. Das hätte ich jedenfalls getan.“

„Hier gab es einen, der hieß König ‚Lockenschnauze’.“ David las eine Plakette an einem Stein vor. „Dass man Gegner mit dem Namen ‚Jaguar Pranke’ in Angst und Schrecken versetzen kann, leuchtet ja noch ein, aber mal ehrlich: ‚Lockenschnauze’?“

Auf dem Platz standen steinerne Stelen, in die mtypische Figuren und Schriftsymbole gehauen sind. Es ist verboten, sich darauf zu setzen, da sie den Maya heilig sind und hier immer noch Zeremonien abgehalten werden.

„Ich hoffe dass die, bei der einem bei lebendigem Leib das Herz rausgerissen wird, abgeschafft wurde, weil sie nicht mehr ganz zeitgemäß war“, meinte David optimistisch.

Wir liefen über schmale Pfade zur ‘Vergessenen Welt’, dem ältesten Teil von Tikal. Bei dem modrigen Geruch, der in der feuchtheißen Luft hing, eine durchaus passende Bezeichnung. Hier stehen hohe Tempel, die von unten aussehen wie steile, vom Regenwald bewachsene Berge, weil nur die oberste Spitze freigelegt wurde, die man nur über sehr, sehr lange Leitern erreicht. Der höchste, den wir erkletterten, ist 46 Meter hoch. Da es nach 15 Uhr war, hatten wir die uralte Stadt fast für uns. Abgesehen von den Tieren natürlich. Auf den Wegen begegnen uns laufend die sympathischen, Waschbären ähnlichen, Pizotes.

„Die kennen anscheinend nur zwei Daseinszustände: extrem neugierig oder komatös im Geäst abhängen“, meinte ich.

„Die sind auch klasse.“ David deutete hoch zu ein paar Spider Monkeys.

„Die sind so lange putzig, wie sie keine Früchte, Äste oder Steine auf dich werfen oder auf uns runter pinkeln. Das machen sie gerne mit Touristen.“

„Würde ich auch tun wollen, wenn ständig einer durch meinen Vorgarten trampelt.“

„Es soll sogar Glück bringen, getroffen zu werden.”

“Je nachdem, wie groß der Stein ist, das zu überleben?“

Großen Unterhaltungswert hatten für mich auch die Tukane, die in Baumhöhlen wohnen.
Jedes Mal, wenn dieser riesige Schnabel aus dem Loch auftauchte, an dem ein winziger bunter Vogel hängt, erwartete ich sekündlich, dass der Arme vornüber kippt. Was aber nicht passiert, weil er hohl ist. Der Schnabel. Hier hatte jedenfalls der Schnabel einen Vogel, nicht umgekehrt.

Wir kletterten auf den Sonnentempel. Das heißt, David sprintete hoch, die alte Schweizer Bergziege, während ich mühselig und höchst unelegant die vierzig Zentimeter hohen Stufen erklomm. Der Tempel ist oben auf ca. sechs mal sechs Metern völlig flach und hatte auch nie eine Spitze, da dort Zeremonien abgehalten wurden.

Ehrfürchtig bestaunten wir den Zauberwald, der sich vor uns ausbreitete. Über rot und gelb und grün belaubten Urwaldriesen schwebten Schwärme von bunten Papageien und so weit das Auge reichte, ragen vereinzelt Tempelruinen aus dem Dickicht. Langsam ging die Sonne als riesiger Feuerball unter und der Dschungel erwachte zum Leben. Als die letzten Sonnenstrahlen exakt auf die Mitte der Tempelstufen fielen, brach ein ohrenbetäubender Lärm los. Man hörte das Grollen der Jaguare und das Geschrei der Affen vor einer Klangkulisse aus tausenden verschiedenartiger Vogelstimmen. Ich war völlig überwältigt von dem Anblick. Wie musste das erst zur Blütezeit der Stadt gewesen sein, als die grauen Tempel noch mit einer Schicht Stuck und farbenprächtigen Mustern überzogen waren. Ich war schon immer von Archäologie fasziniert gewesen und sah mich als weiblicher Indiana Jones Schätze entdecken, bis mir jemand erklärte, dass man als Archäologe 99 Prozent seiner Zeit in dunklen, staubige Laboren Scherben sortiert. So zerfiel damals auch diese Karriere Idee zu Staub.

Etwas gestört wurde der unwirkliche Eindruck durch David, der sich in Schwyzerduetsch mit zwei Landmännern unterhielt und der esoterischen Touristengruppe, die unten vor dem Tempel auf einem Bein stehend, die Hände vor dem Oberkörper gefaltet, Unverständliches rezitierte.

Einen Goldbarren für die Gedanken des Maya-Führers, der sich auf einen Stein gesetzt hatte und das Spektakel beobachtete. Ich fing kurz seinen Blick auf und versuchte, völlig normal zu wirken. Im Vergleich.

Die Tierstimmen wurden langsam ohrenbetäubend. Allen voran die Brüllaffen, die mit ihrer Raubtierstimme einen unglaublichen Lärm machten.

„Die Männchen der vegetarisch lebenden Kleingruppen nutzen ihre Stimmgewalt zur Kommunikation“, las ich vor; „hmmm, erinnert mich an deutsche Fußballstadien … und um Ihr Territorium zu markieren.“ Ähnlichkeiten zu Büromeetings oder Bundestagsdebatten waren auch nicht zu leugnen, fand ich.

Bevor es dunkel wurde, mussten wir aus dem Areal raus sein, denn wir wurden gewarnt, dass es nach Anbruch der Dunkelheit zu Überfällen kommen konnte, wenn die Ranger weg waren.

Wir eilten einen engen Dschungelpfad entlang, als David plötzlich abrupt stehen blieb.

„Stop!“, zischte er.

„Was ist denn? Ich sehe nichts.“

„Schschhhhh.“

Irgendwas an der Art, wie sein Rücken stocksteif und völlig regungslos wurde, warnte mich, dass dies hier kein Witz war und ich stand wie schockgefroren da.

So harrten wir eine gefühlte Ewigkeit aus.

Langsam bekam ich wirklich Angst. Es ist ein Unterschied, ob man nur weiß, DASS man sich in Gefahr befindet oder ob man auch weiß, in WELCHER.

Plötzlich hörten wir Motorgeräusche und ein Parkranger kam auf einem Quad angerumpelt.

„Da habt ihr aber Glück gehabt, das hätte böse ausgehen können“, sagte er auf Spanisch zu David.

„WAS DENN UM HIMMELS WILLEN?“, wollte ich endlich wissen.

„Da stand plötzlich ein riesiger Jaguar vier Meter vor mir auf dem Pfad“, meinte David, noch blass um die Nase.

„Das glaube ich nicht! Die ganze Zeit bin ich vorneweg gestiefelt, aber wenn ein Jaguar auftaucht, latsche ich hintendran und sehe ihn nicht!?“ Ich war fassungslos.

“Vielleicht war es der Geist von König “Jaguar Pranke”, versuchte David mich aufzuheitern. Es haf nicht.

Dass er David zuerst gefressen hätte, was mir einen Vorsprung zum Abhauen gegeben hätte, fiel mir erst hinterher auf.

Ich war noch brummelig, als ich durch das Keramikmuseum stapfte. Um meiner gebremsten Fröhlichkeit zu entgehen, unterhielt sich David draußen mit einer kanadischen Anwältin darüber, dass er Spanisch lernte, um eine Weile nach Kolumbien zu den Peace Brigades zu gehen. Das wusste ich gar nicht.

Als wir am Abend im Hotel am Pool saßen, das hauptsächlich aus hübschen kleinen Bambushütten bestand, frage ich ihn, was genau die Peace Brigades sind.

„Sie sind eine Organisation aus Freiwilligen aus aller Welt, so eine Art Bodyguard für Menschen, die im eigenen Land vom Tode bedroht sind, z.B. Menschenrechtler“, erklärte mir David. „Die Idee beruht darauf, dass es zwar einfach ist, ungeliebte Oppositionspolitiker um die Ecke zu bringen, ohne dass es jemanden interessiert, aber weit weniger einfach, wenn man dafür noch einen Haufen Ausländer mit umbringen muss, deren Herkunftsländer das persönlich nehmen.“

„Hast du keine Angst, dass du dabei sterben könntest?“, fragte ich ihn. Ich fand aufrichtig, dass er sehr mutig war.

„Alles was man tut, hat seinen Preis, aber ich habe keine große Angst und ich bin auch nicht so mutig wie die ersten Peace Brigades vor zwanzig Jahren. Denn im Gegensatz zu heute wusste damals niemand, ob die Idee funktionieren würde. Das hat sie aber bis auf wenige Ausnahmen.“

„Ich finde es trotzdem sehr mutig“, beharre ich und David grinste bescheiden. Ein bisschen mutig fand er sich glaube ich doch.

„In Guatemala sind sie auch wieder aktiv seit einiger Zeit“, meinte er plötzlich.

Davids Spanisch war besser als meines und er las viel in der Zeitung.

„Das ist dann wohl kein gutes Zeichen für den politischen Zustand dieses Landes, oder?“

„Nein, denn siebenundneunzig Prozent des Landes gehören den reichen zehn Prozent der Oberschicht. Vor allem die Indigenas schuften zu Hungerlöhnen auf Obst- und Kaffeeplantagen und ernähren mit drei Dollar am Tag eine achtköpfige Familie, was eigentlich selbst in Guatemala unmöglich ist. Hätten die meisten nicht zumindest ein paar Hühner und einen Mangobaum, wäre die Armut absolut unerträglich. Im Petén wird wieder illegal Regenwald brandgerodet für Weideland. Stehen Bauern im Weg, werden sie einfach umgebracht. Das soll wieder vorgekommen sein. Großgrundbesitzer sind in Guatemala Feudalherren. Und wie sollen sich die Menschen wehren, wenn sie arm sind und nicht nur das Land und das Geld, sondern auch die Bildung den Reichen vorbehalten sind?“

Dazu schwiegen wir beide bedrückt. In dem Moment beschloss ich, ein Patenkind zu adoptieren, sobald ich wieder zuhause sein würde. Vielleicht verhalf ich damit jemandem von ganz unten nach oben. Denn Veränderung für die Menschen würde nur aus dieser Richtung kommen. Jemand, der nicht vergaß, wo er herkam. Die, die die Macht hatten und davon profitierten, würden sie nicht freiwillig abgeben. Um echte veränderung herbeizuführen, würde es schon eine bemerkenswerte Persönlichkeit brauchen. Und die waren auf der Welt selten.

Ich erzählte David von meiner Idee.

„Vielleicht wird es sogar ein Präsident oder eine Präsidentin. Ich weiß, das ist naiv, aber ich mag den Gedanken“, verteidige ich mich, weil ich mir gönnerhaft und albern vorkam.

„Naiv könnte man mich doch auch nennen oder?”, meinte David. „Aber ich glaube lieber daran, dass jeder noch so kleine Versuch einen Unterschied macht.“ Er glaubte schon damals an den Butterfly Effekt, der besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der anderen Seite der Welt einen Taifun auslösen kann. Ich wusste davon noch nichts und hätte es mit meiner damaligen, pessimistischen Grundhaltung auch für irre gehalten.

Am nächsten Tag fuhren wir mit kleinen Booten den Rio de la Pasion hinauf, nach Ceibal, eine andere Maya Stadt, für die ein Deutscher fast sein Leben gelassen hatte…

 

pizote

Tikal_ruinen

Tikal_Lockenschnauze

tikal_Dschungel

Webervögel

PS: Ich wurde vierzehn Jahre später für den verpassten Jaguar in Sri Lanka vom Universum entschädigt. Wir wollten gerade einen Park verlassen, als vor unserem Jeep ein Leopard aus dem Gebüsch trat, langsam und geschmeidig, mit der fließenden Eleganz von in Form gegossenem Wasser, auf meine Seite des Jeeps zulief, drei Meter von mir weg stehen blieb und mir direkt und sekundenlang in die Augen starrte. Er stand völlig regungslos und hypnotisierte mich mit den riesigen goldgrünen Augen, bis er plötzlich im Unterhoz verschwand. Unsere Guides, die die Fahrt seit fünfundzwanzig Jahren jeden Tag machten, waren fassungslos. So etwas hatten sie nie erlebt. Eine Chance von eins zu einer Million. Ich denke noch immer sehr oft an diesen Augenblick.

Leopard