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DO SOMETHING ELSE

10/ Machos dürfen schieben

By 24. June 20161 Guatemala

Zumindest sahen wir wie Zombies aus mit den rotgeränderten, gereizten Augen. Der Vulkan Fuego war im Moment sehr aktiv und schleuderte tonnenweise schwarze Asche in die Luft. Man konnte sie förmlich auf der Zunge schmecken und was man anfasste, war von einer feinen Schicht Lavastaub überzogen. Mir wurde mal wieder klar, dass ich praktisch auf einem Pulverfass saß. Der Vulkan war in den letzten 500 Jahren ca. 60 Mal ausgebrochen. Der Acatenango, Agua und Pacaya, seine Nachbarn, waren dagegen relativ ruhig oder erloschen. Plötzlich waren wir froh, dass die Regensaison langsam anfing, denn der Regen spült den Staub aus der Luft.

Am Wochenende fuhr ich mit einigen Freunden nach Monterrico, der einer der beliebtesten Badeorte an der Pazifikküste von Guatemala ist.

Nach zwei Stunden im ‚chicken bus,’ wünschten wir uns einen Sport-BH und waren in der Pause dazu bereit, jeden Preis für eine Toilette zu zahlen. Um in Guatemala auf einem Busbahnhof auf die Toilette zu gehen, musste man schon einen hohen Grad an Verzweiflung erreicht haben. Auf jeden Fall sollte der Impfschutz ein Rundumpaket sein. Wir rumpelten weiter über unasphaltierte Straßen, an Feldern und kleinen, einfachen Dörfern vorbei. Die Blechbüchse, in der wir saßen, heizte sich auf über vierzig Grad auf und wir fingen fast an zu kochen. Der Motor dann auch. Wir warten ein Weile am Straßenrand, bis er sich abgekühlt hat und schauen den Jungs beim Anschieben zu.

„Komm, wir helfen mit“, meinte ich zu Marie.

„Das ist eine Machokultur hier.“

„Ja, und?“

„Wer den Macho raushängen lässt, kann auch schieben. In Japan würde das auch keine Frau machen“, meinte Marie und setzte sich gelassen auf einen Felsen. Marie war selbst Japanerin, hatte das Land aber so schnell verlassen wie sie konnte und immer in anderen asiatischen Ländern gelebt, da sie die japanische Gesellschaft mit ihren Konventionen und Regeln, als Gefängnis empfand. Für Individualisten und Freigeister wie sie war dort kein Platz.

Ich setzte mich dazu und dachte darüber nach, dass Emanzipation ja nur heißt, dass man das gleiche machen DARF wie ein Mann, aber nicht unbedingt MUSS, selbst wenn man es kann. Sonst gibt man die eigene Weiblichkeit ab und vermasselt den Jungs die Gelegenheit, die Helden zu sein. Deren stolzes Grinsen gab uns darin fünf Minuten später völlig Recht. Außerdem ersparte mir die Erkenntnis die Anstrengung, was bei über vierzig Grad nicht zu unterschätzen ist.

Die letzte halbe Stunde fuhren wir mit einem Boot durch den Mangrovenwald. Eine Straße zum Ort gibt es nicht, das heißt selbst die Autos werden mit Booten dort hin gebracht.

Im Bus saß ein gutaussehender Typ mit unglaublich grünen Augen, der zum Bus anschieben das Hemd auszog (ein weiterer Grund sitzenzubleiben und zuzugucken) und neben einem perfekt trainierten Oberkörper einen riesigen smaragdgrünen Mayakalender auf dem Rücken tätowiert hatte.

Es war das schönste Tattoo, das ich je gesehen hatte und ich sprach ihn darauf an:

„Das ist ein unglaubliches Tattoo, das du da hast.“

„Der Rest ist auch unglaublich (Grinsen), hi ich bin Mike.“

Ah, amerikanischer Akzent.

„Wie lange bist du in Guatemala unterwegs?“

„Ich habe vor fünf Jahren mein Studium geschmissen und reise seitdem durch Süd- und Mittelamerika, da wo es mich grade hin treibt.“

„Wie alt bist du jetzt?“

„Sechsundzwanzig.“

„Und wie lange willst du noch reisen?“

„Keine Ahnung. Meine Familie ist ziemlich reich. Ich konnte mit dem Leben nichts anfangen. Es ist total unfrei. Mal sehen, wann ich zurück gehe“, meinte er vage und veraschiedete sich relativ plötzlich.

Ich hatte ihn daher nicht gefragt, ob er überhaupt noch zurück konnte. Aber ich denke, ich kannte die Antwort. Wenn man lange unterwegs ist, beginnt sich die Tür zu dem Leben, das man gekannt hat, langsam zu schließen, bis sie ganz zufällt. Ich fragte mich nur, ob man merkt, wann es passiert, ob man ahnt, dass man irgendwann die Brücken abgebrochen hat und man nur noch wenig Zeit hat, noch schnell auf die andere Seite zu huschen. Und wollte man das überhaupt? Wie sehr mich das selbst bald betreffen würde, ahnte ich da noch nicht.

Der Ort bestand mehr oder weniger aus einer Hauptstraße und einer Querstraße direkt am Strand, auf der Kinder, Hühner Hunde und Schweine mit Anhang herum liefen. Am Strand befanden sich auch die meisten Hotels und Pensionen mit ihren Restaurants und Bars. Der große breite Strand besteht aus schwarzen Lava Sand. Unsere Zimmer waren einfach, aber direkt am Wasser. Wir warfen das Gepäck hinein und rannten barfuß zum …

„AUA …“

Der Sand war glühend heiß. Nachdem ich heute schon gekocht wurde, freut man sich doch, wenn man anschließend noch gegrillt wird.

Zum Glück wurden wir so daran gehindert, uns gleich in die Fluten zu stürzen. Da der Strand direkt an der Pazifikküste liegt, ist die Strömung lebensgefährlich, klärte uns ein Mann auf. Jährlich sterben mehrere Touristen und Einheimische, die die Kraft der Wellen unterschätzen.

In einer Hängematte schaukelnd versuchte ich, Vokabeln zu lernen, schweife aber mit den Gedanken ab und überlege, dass das eigentlich wieder ein schönes Beispiel dafür war, dass alles was passiert, auch eine positive Seite hat. Man muss sie nur finden. Ich beschloss, das in Zukunft öfter zu versuchen, wenn mir Unschönes widerfuhr. Dass ich nicht ins Meer konnte – was mich zuerst verärgert hatte – hatte mir vermutlich das Leben gerettet, denn ich schwamm gerne weit raus. Es hätte niemanden gegeben, der mich hätte zurückholen können. Ich nahm mir vor in Zukunft erst Einheimische zu fragen, bevor ich irgendwo ins Wasser sprang. Wenn man in Deutschland lebt wird man völlig eingelullt in die Illusion totaler Sicherheit. Überall wird für einen vorgedacht, Warnschilder aufgestellt und mit Absperrungen gesichert. Eigenverantwortung wird einem abgenommen, was nicht immer von Vorteil ist. Ich kam mir plötzlich vor wie eine Gazelle aus dem Zoo, die in die freie Wildbahn entlassen wurde, und etwas verträumt und sich der Gefahren zu wenig bewusst, da herum lief obwohl ich gemeint hatte, permanent auf Gefahren zu achten. Man ist nicht dumm wenn einem dann etwas passiert. Der Instinkt und die Wachsamkeit waren schlicht verkümmert oder eingeschlafen. Meiner hatte grade einen Weckruf bekommen.

Am Samstagabend dröhnte bis am Morgen laute Musik aus vielen Lautsprechern. Überall wurde Samba und Salsa getanzt und es herrschte reges Treiben. Südamerikanische Lebensart pur! Leider waren hier auch Dinge alles andere als schön. Teilweise wurde der Müll am Strand in einem Loch vergraben und verbrannt, aber das meiste stapelte sich zu hohen Haufen auf den Nebenstraßen und stank zum Himmel.

Da ich nicht mehr Geländer zieren wollte, machten wir im Haus nebenan einen Salsa Crash-Kurs. Ich ließ mich von der fröhlichen Musik mitreißen und verwandelte mich in zwei Stunden zwar nicht in Shakira, aber zumindest ansatzweise. Dachte ich.

“Das gibt es doch nicht, dass du alleine perfekt tanzen kannst und sobald ich dich führen will, den Takt verpasst,” meinte Thomaso entgeistert.

“Das ist die verdammte Emanzipation.”

Wir probierten das weiter, bis Thomaso mich ausbremste, an den Armen packte und meinte:

„Du musst die Musik fühhhhhhhhhhhhhlen.

„Hallo, ich bin Deutsche?! Vielleicht sollte ich es mal mit Merengue probieren. Ist das einfacher?“

„Da musst du eigentlich nur mit dem Hintern wackeln, und abwechselnd aufstampfen.“

„Das kriege ich hin.“

Da wir den halben Tag am Strand gelegen hatten, wollte ich noch wissen, ob die Schildkröten-Schutzstation interessant sei.

„Die ist ein Witz“, schnaubte Thomaso. Er machte nicht viele Worte, der Mann. Da ich hartnäckig nachbohrte, erfuhren wir, dass die Einheimischen die Eier dort zwar abgeben sollen, dass das aber kaum einer machte, weil sie gut schmecken und man sie gut verkaufen kann. Natürlich grämten sie sich aber jedes Jahr fürchterlich, dass es immer weniger Schildkröten gab. Das Ursache-Wirkung-Prinzip: mehr Eier, mehr Schildkröten, leuchtete hier offenbar niemandem ein.

Langsam beherrsche ich so viel Spanisch, dass ich kurze Unterhaltungen mit Einheimischen führen konnte, ohne einen Werkzeugkasten für jeden Satz zu brauchen.

Zurück in Antigua und nach ein paar Tagen Unterricht mehr, fand ich, eine Belohnung verdient zu haben und flog mit David, dem Schweizer, in einer – schon etwas rostigen – Nevercomeback-Propeller-Maschine nach Flores in den Norden. Von dort aus nahmen wir den Bus nach Tikal in den Dschungel. Eine Reise, bei der zumindest mal David froh sein konnte, am Ende noch am Leben gewesen zu sein …

 

 

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Achtsamkeitstraining

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